Wer liebt jetzt hier eigentlich wen? Olivia (Claude De Demo) muss was mit Malvolio klären (Sascha Nathan, Mitte), während Wolfgang Michael den Narren macht. Wird schon irgendwie hinhauen.
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Wer liebt jetzt hier eigentlich wen? Olivia (Claude De Demo) muss was mit Malvolio klären (Sascha Nathan, Mitte), während Wolfgang Michael den Narren macht. Wird schon irgendwie hinhauen.

Schauspiel Frankfurt

Der Mond ist eine Discokugel

  • VonMarcus Hladek
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Sehr schrill hat Jorinde Dröse die Zwillingskomödie inszeniert. Es wird schräg ins Mikrofon gesungen und homo-hetero-erotisch durcheinandergeliebt.

Was unter Shakespeare-Philologen sittsam „Hosenrollen“ heißt, bezeichnet die elisabethanische Gepflogenheit, Knaben als Frauen zu besetzen, die Männer spielen. Die zierliche und pagenhafte Viola, die an der Küste Illyriens Schiffbruch erleidet und als Cesario ein Unterkommen bei Herzog Orsino findet, liebt diesen alsbald und darf es als Cesario nicht zeigen. Da rückte im England der Spät-Renaissance, unter dem Johlen des Publikums, unweigerlich die Knaben-Liebe ins Szenenbild, denn die war bei Renaissance-Fürsten nicht immer platonisch. Zuletzt, als endlich Violas ertrunken geglaubter Bruder Sebastian auftaucht und Zwillings-Verwirrung stiftet, findet doch noch jeder Topf seinen Deckel, nur ist die Geschlechterdifferenz da schon längst knetbares Spielmaterial in einer radikal artifiziellen Welt.

Künstlicher Bombast

Diese Künstlichkeit strahlt bis ins maßlose Vergnügen der 1976 in Hanau geborenen Regisseurin Jorinde Dröse am Bombast aus. Theatermaschinen hatte Shakespeare zwar kaum zur Hand, Bühnenbildnerin Susanne Schuboth aber lässt die Drehbühne wirbeln wie einen verrückten Weihnachtskreisel. Die Holzkonstruktion wie aus weißem Marmor darauf kehrt dem Publikum zwischen den Trennwänden hier eine breite Renaissancetreppe, dort Palastzugang oder Hafenmole zu. Dröse powert mit der Windmaschine Sturm hinzu und hängt eine riesige Kreisfläche über die Szene (später auch eine Discokugel), die je nach Projektion den Mond für ihre Lunatics, den Jupiter oder schwimmende rosa Haie zeigt. Um so vergnüglich und wirksam sein zu können wie das Original vor vierhundert Jahren, tauchen Dröse, Torsten Kindermann (Live-Musik mit Tim Roth und Martin Standke) und die Schauspieler das Geschehen in Songs und Klänge von heute. Das reicht von weibisch präsentierten „Abba“-Klängen über knackigen Rock zu jazzigeren Tönen und kommt Mainstream-rockig rüber.

Torben Kesslers „Duke“ Orsino, der nach seiner eitlen Schau-Liebe zur Gräfin Olivia „Cesario“ so liebgewinnt, dass er sich den Knaben als Frau wünscht, bedient sich einer affektierten Mischsprache des „Denglish“ („So hielt sie sich im HEART des Mannes WARM“). Der Knaben-liebende Herrscher ist opernhaft aufgemacht wie Freddie Mercury mit gestylter Elvis-Tolle: eine quecksilbrige Diva, die auf Cesarios Realgeschlecht wohl doch pfeift. Wenn Katharina Bachs Viola-Cesario-Cesariola erst als ölverschmutztes Havarieopfer, dann als feingliedriger Page mit aufgemaltem Dalí-Schnurrbärtchen die überzeugendste Vorstellung des gut zweistündigen Abends gibt, wie sie unterm Riesenmond auf der Trennmauer balanciert und wohlklingende Katzenmusik singt, dann sind ihr zwei Akteure dicht auf den Versen: Kesslers Herzog und die greinende, baggernde Melodrama-Queen Olivia. Claude De Demo durchkreischt wahlweise das Haus und heult schwarze Tränen oder tauscht das unmäßige Trauerkleid, sobald sie Cesario zu lieben meint, flugs gegen Glitzer ein. Auch Violas Gegenüber Maria (Linda Pöppel) glänzt.

Auf der komischen Seite ragen die Junker Michael Benthin als Sir Toby und Nico Holonics heraus, der als eine Art Disco-Stu in Hotpants auf Golden Rollers agiert. Sascha Nathan als philiströser Puritaner Malvolio tappt nach dem Auftreten im seriös-modernen Sekretärs-Anzug in die Falle und wird als S/M-Figur im Bondage-Netz der gelben Strümpfe gedemütigt, und Wolfgang Michael leiht sein Mick-Jagger-Gesicht dem philosophierenden Narren. Eine leichte, aber nie seichte Inszenierung, der man nicht auch noch Abgründigkeiten abverlangen wird.

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