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Auch Nabokovs Skandalroman ?Lolita? wurde von Kubrick verfilmt. Alle seiner Stoffe hatten literarische Vorlagen.

Ausstellung

Morgen wäre Stanley Kubrick 90 Jahre alt geworden

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Eine Ausstellung im Frankfurter Filmmuseum zeigt Requisiten zu dem einzigartigen Kinowerk des amerikanischen Regisseurs Stanley Kubrick, der 1999 starb und morgen 90 Jahre alt geworden wäre.

Die Bronx. New Yorks verrufenes Viertel. Schmuddelige Fassaden, Bandenkriege, Mord und Totschlag. Der Geburtsort eines Mannes, der sich Zeit seines Lebens mit den dunklen Seiten der menschlichen Seele befasste. „Stanley Kubrick war überzeugt, dass die Menschheit zum Untergang verdammt ist, wenn sie so weitermacht wie bisher“, sagt sein Schwager und Co-Produzent Jan Harlan. Am morgigen 26. Juli wäre Kubrick, der Komponist unvergesslicher Kino-Sinfonien, neunzig Jahre alt geworden.

Seine Werke haben nichts gemein mit Hollywoods Massenware. Kompromisslos verweigerte er sich einer Unterhaltungsindustrie, die Kassenhits am Fließband produzieren möchte, und konzentrierte sich auf das Erzählen unkonventioneller Geschichten mit gesellschaftskritischen Tönen. Stanley Kubrick galt als Eigenbrötler, Rampenlicht und Medienrummel waren ihm verhasst. Mit seinen wirren Locken und dem Vollbart glich er mehr einem Waldschrat als einem Star-Regisseur. Freunde und Kollegen preisen die Intelligenz des passionierten Schachspielers und seine persönliche Ausstrahlung, ohne zu verschweigen, dass er sich genauso gut in einen Despoten verwandeln konnte.

Perfektionistisch und detailversessen trieb er Drehzeiten in rekordverdächtige Längen. Am Set von „Uhrwerk Orange“ musste Schauspielerin Adrienne Corri eine gestellte Massenvergewaltigung fünfunddreißigmal über sich ergehen lassen, bis Kubrick zufrieden war. Wehe dem, der seinem Arbeitseifer nicht standhielt. Make-up-Designer Stuart Freeborn war nach „2001 – Odyssee im Weltraum“ am Ende aller Kräfte. Bühnenbildner Ken Adam erlitt einen Nervenzusammenbruch in den Kulissen von „Barry Lyndon“.

In Stanley Kubricks Jugend war von der späteren Schaffenswut wenig zu erahnen. Er schwänzte die Schule und jubelte den New York Yankees beim Baseball zu. Im Vergleich zu anderen Kindern im Viertel genoss er größeren Wohlstand, da der Vater als Arzt tätig war, und fand frühen Zugang zur Literatur. Griechische Sagen und deutsche Märchen faszinierten ihn. Der Beginn einer lebenslangen Liebe zum gedruckten Wort. Alle Kubrick-Filme basieren auf Romanen („Lolita“, „Barry Lyndon“) oder Biografien („Full Metal Jacket“).

Trotz der Freude am Schmökern verlor der jugendliche Kubrick nicht den Blick für die Härten des Lebens in der Bronx. Mit seiner Foto-Kamera, einem Geschenk zum 13. Geburtstag, begann er die Nachbarschaft zu dokumentieren. Aus dem Hobby wurde ein Beruf. Im zarten Alten von siebzehn Jahren engagierte ihn das „Look“-Magazin.

Sein damaliger Kollege G. Warren Schloat hätte niemals gedacht, dass aus dem dünnen Jungen ein Regisseur von Weltruhm werden könnte. „Er war schüchtern, zurückhaltend und redete nicht viel.“ Kubrick ließ seine Bilder sprechen und bewies ein Talent fürs Geschichtenerzählen.

Anfang der 50er Jahre wechselte der Profi-Fotograf das Medium und drehte Dokumentationen wie „Day of the Fight“ und „Flying Padre“. Sein Spielfilm-Debüt gab er 1953 mit dem selbstfinanzierten Kriegsdrama „Fear and Desire“. Furcht und Begierde, ein prophetischer Titel für Kubricks weitere Laufbahn. Eine Zufallsbekanntschaft ebnete den Weg nach Hollywood. Beim Schachspielen in einem New Yorker Park lernte er den Produzenten James B. Harris kennen. Ihr erstes gemeinsames Projekt wurde „Die Rechnung ging nicht auf“ (1956), ein Krimi über einen missglückten Raubüberfall, raffiniert erzählt in Form von Rückblenden. Quentin Tarantino nutzte den Reißer als Vorlage für sein Debüt „Reservoir Dogs“.

Danach drehte Kubrick in München mit Kirk Douglas den Anti-Kriegsfilm „Wege zum Ruhm“ (1957), dessen hohes Maß an Realismus bei Winston Churchill auf Bewunderung stieß. Der Regisseur bewunderte indes seine Komparsin Christiane Harlan. Sie heirateten ein Jahr später. Weniger harmonisch verlief die Beziehung zu Kirk Douglas. Um sich aus einem Knebelvertrag mit dem Star zu lösen, verfilmte er den historischen Wälzer „Spartacus“ (1960). Douglas übernahm die Hauptrolle des Sklaven, der gegen das Römische Reich ins Feld zieht.

Das Epos wurde für Kubrick zu einer ernüchternden Erfahrung. Er schwor sich, nie wieder den Erfüllungsgehilfen zu spielen und nur noch solche Filme zu realisieren, die ihm am Herzen lagen. Um sich auch räumlich von der amerikanischen Kino-Industrie zu distanzieren, zog der Familienvater nach England. Zwei Jahre nach der Kuba-Krise, als die Welt an einem Atomkrieg vorbeigeschrammt war, entlarvte „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1964) das Wettrüsten als blanken Irrsinn. Slim Pickens reitet auf dem Atomsprengkopf zur Apokalypse, untermalt von den Klängen des Schlagers „We’ll Meet Again“ – ein zynischer Abgesang auf die Menschheit. „Wir müssen lernen, Herr unserer Maschinen zu werden“, befand Kubrick.

In seinem Meisterwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968) kritisierte er die Abhängigkeit des Menschen von der Technik, aber zeigte auch, dass ein friedlicheres Leben jenseits der Sterne möglich sein könnte. Bei Testvorführungen reagierten die Kritiker skeptisch angesichts eines zweieinhalbstündigen Werks, in dem 95 Minuten lang kein einziges Wort fällt. Stattdessen drehen sich Raumstationen zu Walzerklängen. Bis heute haben die optischen Effekte nichts von ihrer Faszination eingebüßt. „2001“ revolutionierte das Science-Fiction-Genre, stieß es aus den Kinderschuhen in bewusstseinserweiternde Sphären. Eine Ausstellung mit Original-Requisiten ist noch bis zum 23. September im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt zu sehen.

Über den freien Willen, zwischen Gut und Böse wählen zu können, philosophierte Kubrick in seiner „Horror-Show“ namens „Uhrwerk Orange“ (1971). Die Geschichte des amoralischen Punks Alex (Malcolm McDowell) geriet wegen zahlreicher Gewaltdarstellungen ins Kreuzfeuer und wurde in England auf den Index gesetzt. Trotz der Kontroverse erhielt Kubrick eine Oscar-Nominierung. Er verlor gegen William Friedkin („French Connection“), der hinterher urteilte: „Stanley ist der Beste aller Regisseure.“

Gänzlich anderer Ansicht war Bestseller-Autor Stephen King, der die Umsetzung seines Schockers „The Shining“ (1980) als missraten betrachtete. Da Kubrick weder an Gott noch an Geister glaubte, konnte er mit den übersinnlichen Aspekten der Story wenig anfangen. Lieber fand er drastische Bilder für den Zerfall einer Familie, deren Oberhaupt (Jack Nicholson) durch psychischen Druck explodiert und zur Axt greift. Ähnlich wie der junge Soldat, der in „Full Metal Jacket“ (1987) unter der Last des Drills zum Amokläufer wird.

„Alles was geschrieben ist, lässt sich verfilmen“, behauptete Kubrick und bewies es abschließend mit „Eyes Wide Shut“ (1999), basierend auf Arthur Schnitzlers angeblich unverfilmbarer „Traumnovelle“. Tom Cruise und Nicole Kidman entblößen Seelen und Körper in einem rauschhaft abgelichteten Drama über Liebe und Libido. Eine Orgie im Lustschloss wurde von Kubrick wie eine schwarze Messe für den Gott Eros inszeniert, bei der sich die Gefahren hemmungslos ausgelebter Triebe offenbaren. „Mein bester Film“, urteilte er nach dem Endschnitt. Die Premiere erlebte Stanley Kubrick nicht mehr. Am 7. März 1999 starb er an den Folgen eines Herzinfarkts. „In den letzten Wochen war er sehr dünn und furchtbar müde geworden“, sagt seine Witwe Christiane.

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