Lust an Bomben und Granaten

Museum Angewandte Kunst thematisiert Waffen und Gewalt

Wer eine Waffe besitzt, kann Macht ausüben, mit Gewalt. Ein Thema, das Künstler, Designer oder Modemacher fasziniert und sogar etliche Alltagsdinge beherrscht, wie eine Schau im Frankurter Museum Angewandte Kunst zeigt.

Wieder einer dieser bärtigen Männer mit Gewehr vor sich, der per Video eine Terrorbotschaft verbreitet. So der erste Eindruck des Betrachters vor der Leinwand. Aber der Schein trügt. Auch wer des Arabischen nicht mächtig ist, wird bald an der ruhigen und melodiösen Stimme merken, dass es um etwas anderes geht. Der Mann liest aus „Tausendundeiner Nacht“ vor, jener orientalisch-unendlichen Erzählung von einem König, der jede Nacht eine Jungfrau will, die am Morgen darauf sterben muss.

Der schönen Scheherazade jedoch gelingt es, den König mit spannenden Geschichten über die Nächte so hinzuhalten, dass er ihre Hinrichtung immer wieder aufschiebt, um die Fortsetzung zu hören. In der orientalischen Fassung hat sie ihm am Ende drei Kinder geboren, und der König gewährt ihr Gnade. Ein wunderbares islamisches Epos der Gewaltverhinderung.

Dieses Video von Sharif Waked ist ein friedlich stimmender Auftakt für eine komplexe Ausstellung über Waffen und Gewalt, die das Frankfurter Museum (für) Angewandte Kunst von morgen an bis 26. März 2017 zeigt. Ein gesellschaftlich und politisch brisantes Thema, dem sich die Schau mit Kunstwerken, Designobjekten, Kleidermode und Alltagsdingen nähert.

Vor einem Jahr war sie, nur auf Kunst konzentriert, in Berlin zu sehen, nun sind das Thema und der Umfang ausgeweitet auf rund 100 Objekte von 55 Künstlern, Designern und Modemachern. Es geht um die ambivalente Faszination, die von Waffen ausgeht; es geht um die Angst vor Gewalt, aber auch um die Lust an der Gewalt. Eine Waffe an sich ist ja nicht schlecht, solange sie der Aufrechterhaltung von

Sicherheit und Ordnung

gilt, für die Jagd oder zum Sport genutzt wird.

Aber sollte man eine Waffe zur eigenen Sicherheit tragen? Oder darf man Selbstjustiz üben? Diese Fragen werden heftiger diskutiert denn je, zumal wir sehr widersprüchlich mit Waffen und Gewalt umgehen. Die Schau führt dies an zahlreichen Alltagsdingen vor Augen, ausgebreitet auf 1200 Quadratmetern Fläche und fast aufgemacht wie eine Verkaufsmesse. So hat der italienische Designer Raffaele Iannello einen ungewöhnlichen Messerblock geschaffen, eine kleine menschliche Kunststoff-Figur mit Schlitzen für die Messer. Manch ein Besucher mag das makaber finden, aber das Objekt ist seit 2005 im Handel.

Damals hat auch der Stardesigner Philippe Starck eine kleine Stehlampe entworfen, deren Fuß aus einem vergoldeten Gewehr besteht. Starck betreibt ein fast schon ironisches Spiel mit dem wertvollen Gold und der todbringenden Waffe. Bereits seit den 80er Jahren zeigen traditionelle afghanische Teppiche neben heimeligen Motiven auch Flugzeuge, Granaten und Panzer. Der Krieg macht noch nicht mal Halt vor dem Wohnzimmer.

Kritisch hinterfragt werden auch die Rollen von Mann und Frau, freilich etwas klischeehaft. Timur Si-Qin etwa hat ein Schwert in ein als männlich geltendes Parfum gesteckt, dessen Flakon sogar den dynamischen Schwertgriff nachahmt. Ted Noten hingegen spielt in „Dior 002“ mit den Waffen der Frau, einer Pistole, in deren Schaft genug Platz ist für Lippenstift, Spiegel, Schmuck, Pillen und Nagellack. Und im Pistolenlauf kann das Pinselchen für den Nagellack befestigt werden.

Ausführlich widmet sich die Schau dem etwas unterschätzten Einfluss des Militärs auf die Mode, von der derzeit wieder hippen Bomberjacke bis zum Trenchcoat mit Tarnmuster, der vom Rapper Kanye West für Adidas entworfen wurde. Auch Waffenhersteller bieten einen Hauch von Hollywood in ihren Werbefilmen. Dafür ist sich die Schau ebenso wenig zu schade wie für einen Bundeswehr-Film, der enttäuschten Supermarkt-Kunden erklärt, dass die fehlenden Bananen noch auf dem Seeweg sind – der von ihnen natürlich geschützt wird.

So entpuppt sich die Ausstellung als gewagtes, aber rundum gelungenes Unternehmen, denn sie verzichtet auf den mahnend erhobenen Zeigefinger und blickt kritisch nach allen Seiten. Inmitten dieser Werbefilme thront nämlich eine kleine Pistole, die sich das Museum mittels eines 3-D-Druckers hat anfertigen lassen. Es fehlt nur noch ein Metallteil und etwas Munition. Schon kann mit der Pistole zweimal geschossen werden, danach ist sie gebrauchsunfähig. Also keine Waffe für Massenmörder, doch das Programm ist im Internet kostenlos zu finden. Ein guter 3-D-Drucker kostet zwar noch 20 000 Euro, aber wenn die Preise fallen, haben wir bald allerorten Wegwerfwaffen.

Selbst der britische Designer Alexander McQueen hatte ein Faible für Waffen und schmückte die kalbslederne Handtasche für die Frau von Welt mit einem glitzernden Schlagring. Das Designerduo Viktor & Rolf wiederum hat Parfümflakons in Bombenform entworfen. Interessant ist, dass beide Produkte noch verkauft, aber nicht im Museum fotografiert werden dürfen. Die Firmen befürchten, in ein falsches Licht zu geraten.

Aber fördern all diese kriegerischen Dinge, mit denen wir uns umgeben, vom bombigen Parfüm bis zur durchbohrten Figur, auch unsere Bereitschaft zu Gewalt? Diese Frage muss sich der Besucher selbst beantworten. Doch die Faszination für Waffen scheint ungebrochen, was die Schau auch am Beispiel von Kriegsspielzeug dokumentiert. Das dürfte noch manches Kind im Mann oder der Frau rühren. Wer etwa gern Champagner trinkt, kann den in ein Spezialgewehr füllen und damit alle beglücken.

Na dann, prost!

Museum Angewandte Kunst, Frankfurt, Schaumainkai 17, Telefon (069) 21 23 40 37. 10. September bis 26. März 2017. Geöffnet dienstags und donnerstags bis sonntags 10–18 Uhr, mittwochs 10–20 Uhr. Eintritt 9 Euro. Katalog 14,90 Euro. Internet

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