Fotoschau in Frankfurt

Museum für Moderne Kunst zeigt bewegende politische und poetische Bilder

Die Ausstellung im Rahmen der „RAY“-Fototriennale präsentiert die vier Finalisten des internationalen Lichtbild-Preises der Deutschen Börse.

Der Film dauert neun faszinierend-quälende Minuten, denn in dem Schwarz-Weiß-Streifen passiert nichts. Eine schwarze Frau ist von der Seite zu sehen, meist mit gesenktem und nur ganz kurz mit erhobenem Blick. Später spricht sie vor sich hin, aber es gibt keinen Ton. Es ist, als vergehe die Zeit plötzlich langsamer. Doch vor zwei Jahren ging es bei der porträtierten Diamond Reynolds dramatisch zu auf einer Autofahrt mit ihrem Freund im US-Staat Minnesota.

Bei einer Verkehrskontrolle zeigte der Mann seinen Ausweis, aber durch eine irritierende Bewegung geriet der Polizist in Panik und erschoss Reynolds’ Freund. Die filmte unmittelbar danach die Szene mit dem Handy und stellte das Video auf Facebook. Sechs Millionen Menschen sahen den Verblutenden, aber trotz vieler Beweise wurde der Polizist freigesprochen.

Einige Monate nach den Todesschüssen bat der Künstler Luke Willis Thompson um ein stilles Porträt der Trauernden, das Gegenstück zu Reynolds’ Video. Der Film erinnert an eine Fotoserie – und dafür erhielt Thompson kürzlich den „Deutsche Börse Photography Foundation Prize 2018“. Sein Beitrag ist jetzt neben den Werken von drei weiteren Finalisten bis zum 9. September im Frankfurter MMK 3 zu sehen, dem Ableger des Moderne-Museums schräg gegenüber dem Haupthaus.

Die zum dritten Mal in Frankfurt zu sehende Preisträger-Schau ist Teil der derzeitigen „RAY“-Fototriennale. Der jährlich verliehene Preis, dotiert mit 30 000 britischen Pfund (41 000 Euro), gilt als einer der wichtigsten Auszeichnungen für europäische Fotografie. Doch der 30-jährige Thompson ist, wie viele andere Bewerber, kein Europäer, er kommt aus Neuseeland. Aber da er in Europa schon mit einer Ausstellung (oder einem Buch) aufgetreten war, erfüllte er die Bedingungen für eine Nominierung. Der Preis wurde 1997 in London ins Leben gerufen. Später kam die Frankfurter Börse als Sponsor hinzu, die selbst eine eigene Fotosammlung aufbaut und inzwischen rund 1700 Bilder von 100 Künstlern besitzt.

Thompson, der auch an der hiesigen Städelschule studiert hat, ist der jüngste der Finalisten und liefert den berührendsten Beitrag. Mathieu Asselin hingegen, Jahrgang 1973, verfolgt schon lange die nicht immer blütenweißen Geschäftspraktiken des US-Konzerns Monsanto, der Agrochemie produziert, aber auch gentechnisch verändertes Saatgut. Kürzlich wurde er von der Leverkusener Bayer AG übernommen, der Name Monsanto verschwindet also bald. Asselin hat viel Material über Monsanto gesammelt, mit Betroffenen gesprochen und sie porträtiert.

Jetzt lässt er die Fakten sprechen, ohne Kommentar. So wurde der Farmer David Runyon vom Konzern verklagt, dass er heimlich gentechnisches Saatgut nutzen würde – dabei war es nur vom Acker nebenan herübergeweht. Der Konzern kennt keine Gnade, er prozessiert so lange, bis fast jeder nachgibt. Wer mehr über Asselins Arbeit erfahren will, kann im nahen Fotografie-Forum weitere Teile der Dokumentation sehen.

Asselins Arbeitsweise ist typisch für viele Fotografen, die in langwierigen Recherchen die Manipulation von Wissen nachweisen und die Fotografie als dokumentarisches Medium nutzen. Am Beispiel der ehemaligen Sowjetstaaten zeigt das der 40-jährige Pole Rafael Milach. Er sammelte Bilder von Objekten, die in Schulen in Aserbaidschan das räumliche Sehen stärken sollen, gilt doch dort das Schachspiel als Nationalsport.

Und im Sowjetfernsehen gab es in den 70ern eine irritierende Serie, in der sieben Menschen gegen einen Mann antraten und etwas Falsches so lange behaupteten, bis es auch der Einzelne übernahm. Ein Film zeigt den verunsicherten Mann vor einer weißen und einer schwarzen Pyramide. Aber was tun, wenn alle anderen sagen, beide Pyramiden seien weiß? So treibt man Menschen in den Irrsinn oder bringt sie zum totalen Gehorsam.

Poetisch geht es bei der ältesten Finalistin zu, der 50-jährigen Schweizerin Batia Suter. Sie sucht Fotos in Büchern und scannt sie für ihren gigantischen Bilderatlas ein. Mehr als 1000 Bände – vom Werbemagazin bis zum Lehrbuch – hat sie schon durchforstet und Fotos der Natur, von Kunstwerken oder Alltagsdingen gefunden und oft vergrößert. Farbbilder werden sogar in Schwarz-Weiß verwandelt, um den dokumentarischen Charakter zu betonen. Diese suggestive Arbeitsweise hat nichts mit Politik zu tun. Aber Suter zeigt, wie durch Platzierung von Bildern auch die Botschaften beeinflusst werden. So tun sich verblüffende Parallelen auf zwischen dem organisch geformten Staubsauger und der krummen Pflanze nebenan.

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