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Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

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Von: Astrid Biesemeier

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Im Staatstheater Wiesbaden verquickt Johanna Wehner in ihrer „Egmont!“-Inszenierung Goethes Trauerspiel und Heiner Müllers „Leben Gundlings“ zu einem traurig-schönen und geschichts-pessimistischen Endspiel.

Was für ein Auftakt! Hallo! Hallo!, ruft es ein Dutzend mal aus den Mündern der Schauspieler. Halb Frage, halb Ruf. Auch wenn mehrere Figuren auf der Bühne sind, rufen, sehen, laufen, hören und sprechen sie doch aneinander vorbei. Keine Antwort, nirgends. Das vielstimmige Hallo-Rufen wird sich noch einige Male in der pausenlosen Zweieinhalb-Stunden-Inszenierung wiederholen. Zu Beginn jedoch spricht Janina Schauer als Egmonts Geliebte Klärchen den Text eines lieblich klingenden Volkslieds aus dem 16. Jahrhundert mit grausamem Inhalt. Das Lied findet sich in Heiner Müllers „Leben Gundlings“, das Regisseurin Johanna Wehner mit Goethes „Egmont“ zu einem wenig optimistischen, manchmal überkomplexen, doch stimmigen Ganzen verquickt hat. Traurig-schaurig-schön wie das Volkslied. Manchmal etwas aufgelockert durch eine Prise Ironie.

Nach und nach entfaltet sich auch die zunächst zaghaft anklingende Bühnenmusik von Felix Johannes Lange, die an Spieluhr-Musik erinnert. Die schön und zart wehenden Klänge suggerieren, dass die Menschen wie Spieluhrfiguren anderen Kräften unterworfen sind: ausgerechnet in einem Stück, in dem Egmont (Janning Kahnert) dem Stürmer und Dränger Goethe gleich doch bedingungslos für seine Ideale und im Vertrauen auf seine Kraft eintritt!? Nun ja: Weder für Egmont noch für Klärchen geht die Sache gut aus – trotz oder gerade wegen Absolutheit und Idealismus.

Im „Egmont“ steht der Krieg gegen die Spanier bevor. In Wiesbaden allerdings sieht die Bühne aus, als würde gelten: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg. Eine auseinandergebrochene und zusammengestürzte Wohnung schiebt sich schräg über die Bühne. Ein Symbol der Zerstörung.

Verkrümmte Schicksale

Es tropft unablässig. Mal brennt die Birne unterm Lampenschirm, mal ist ihr Flackern wie ein letztes Zucken. Elisabeth Vogetseders Bühnenbild meint weder den historischen Ort Brüssel 1566 noch ein konkretes Heute. Vielmehr wird die Bühne zu einem überzeitlichen Ort des Irgendwie-Überlebens. Ränke, Vernichtung und Katastrophen gehören immer dazu. Da hört man gleich den in Müllers „Gundling“ formulierten Geschichtspessimismus: „Ich habe ein neues Zeitalter nach dem anderen heraufkommen sehn, aus allen Poren Blut, Kot, Schweiß triefend jedes. Die Geschichte reitet auf toten Gäulen ins Ziel.“ Zuversicht klingt anders.

Welche Rolle kommt dem Menschen in dieser Welt zu? Da ist Rainer Kühn als Alba. Bei jedem Schritt, den er tut, läuft der Wille mit, seine Macht zu erhalten. Auch wenn er sich dafür mal verkrümmt.

Sólveig Arnarsdóttir als Margarete von Parma wird irgendwann ihre Kurzhaarperücke vom Kopf nehmen. Aus der Regentin der Niederlande wird dann eine machtlose Frau. Interessant ist auch Evelyn M. Faber, die unter anderem Klärchens Mutter spielt, und auch im Privaten auf Kalkül oder zumindest illusionslosen Verstand setzt. Während sie Klärchen in Sachen Männerwahl rät, nicht allein vergänglichen Gefühlen zu vertrauen, trägt sie ironischerweise Haushaltsgeräte hin und her. Absolutheit und Idealismus kommen den Jungen zu: Klärchen in Sachen Liebe. Und Egmont in Sachen Freiheit. Doch auch das wird deutlich: Egal, ob von Kalkül oder Unbedingtheit geleitet, für alle gilt die am Ende gesprochene Goethe’sche Erkenntnis: „Es glaubt der Mensch, sein Leben zu leiten, sich selbst zu führen; und sein Innerstes wird unwiderstehlich nach seinem Schicksale gezogen.“

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