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Sein Arbeitsplatz war an der Schreibmaschine, nicht an der Computer-Tastatur: Wilhelm Genazino.

Nachruf

Der Frankfurt-Flaneur Wilhelm Genazino war ein großer Alltagsbeobachter

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Der Träger des Büchnerpreises wurde 75 Jahre alt. Er starb nach kurzer Krankheit in Frankfurt, wo er seit Jahrzehnten lebte.

„Die Hälfte der Menschheit besteht aus Sachbearbeitern!“ Das hat Wilhelm Genazino einmal im Gespräch über seine Romantrilogie „Abschaffel“ gesagt. In ihr hatte er er einen ganz normalen Angestellten zur Hauptfigur erkoren.

Das war in den späten 70er Jahren, als die Bände erschienen, von großer Sprengkraft – und machte den Autor, der sich nach einem Studium der Germanistik, Philosophie und Soziologie in Frankfurt als „Pardon“-Autor und Journalist versucht hatte, mit einem Schlag zur bekannten Figur. Mit dem Angestellten-Roman, von dem fortan die Rede war, war ein neues Genre geboren.

Neu war auch der Ton, den der 1943 in Mannheim geborene Schriftsteller angeschlagen hatte: Indem er akribisch den durchaus ziellosen Lebenspfaden seines ganz normalen Angestellten folgt, ersteht das Soziogramm einer reichlich trostlosen und zugleich komischen Welt. Denn Abschaffel, der sich für etwas viel Besseres als seine Kollegen hält, ist in Wahrheit keinen Deut besser als seine Kollegen. Seine langweilige Arbeit verrichtet er lustlos, und die Feierabende und Wochenenden flaniert er als Beobachter des Hässlichen durch seine Stadt.

Seine Stadt, das ist bei Genazino stets, mal genau, mal weniger wiedererkennbar beschrieben: Frankfurt. Was seine Protagonisten hier sehen, schildert Genazino mit einer mitleidlosen Nüchternheit: hässliche Schaufenster-Dekorationen, absurde Werbesprüche oder besonders gern auch die körperlichen Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen – bevorzugt jener Frauen, mit denen seine Protagonisten sexuell verkehren.

Zu klarsichtig zum Leben

Zeitlebens hatte Wilhelm Genazino einen scharfen Blick auf den Menschen als chronisches Mängelwesen zwischen trostlosem Konsum und oft lächerlichen Selbstfindungsbestrebungen. Genazinos Antihelden scheitern immer, privat wie im Beruf. Sie sind meist Außenseiter, und auf der Karriereleiter bleiben sie unten stecken – nicht, weil sie minderbegabt sind, sondern weil ihnen das Einverständnis und die Energie fehlen, um sich in einer derart trostlosen und hässlichen Welt zu engagieren.

In seinem Roman „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ ist es ein Traum seiner Hauptfigur, Gerhard Warlich, nur halbtags zu leben: Er hat die Beobachtung gemacht, dass den Menschen nach einem halben Tag die Kraft ausgeht. Ein andermal stellt sich Warlich seinen eigenen Tod vor. Todesursache: „Überempfindlichkeit.“ Auf so etwas muss man erst mal kommen.

Wilhelm Genazino kam permanent auf solche Dinge: Seine Figuren sind meist glücksunfähig und leiden permanent an der Banalität ihres eigenen Daseins und des Lebens generell. Weil aber dieses Leiden an der Banalität so entsetzlich banal ist, kann man bei Genazino laut darüber lachen: über Reinhard in „Bei Regen im Saal“ etwa, der 43 Jahre alt, ein so verschrobenes Leben führt, dass er, als sein Radio kaputtgeht, erst lernen muss, dass man so etwas mittlerweile in sogenannten „Medienkaufhäusern“ erstehen kann. Reinhard ist ein aus der Welt Gefallener wie alle Hauptfiguren Genazinos. Einmal spricht er von seiner seiner „Übervertrautheit“ mit dem Leben, womit er letztlich meint: Ihn langweilt alles, was Menschen mit einem unkomplizierteren Lebenszugang interessiert.

Trost vor der Trostlosigkeit suchen Genazinos Männer im Sex. Manche unterhalten zwei Beziehungen gleichzeitig, die Vor- und Nachteile jeder Partnerin distanziert abwägend. Der Mann, dem Genazino im Roman „Wenn wir Tiere wären“ folgt, schlüpft in die Rolle eines früh verstorbenen Arbeitskollegen und übernimmt schließlich sogar dessen Frau. Das enthebt ihn der Mühe, eine eigene Existenz aufbauen zu müssen, und so erklärt er es später auch einem Staatsanwalt: „Das Hauptziel meiner Existenz ist eine Lebensersparnis.“

Schrullige Antihelden

Das ist grotesk, einerseits. Doch ist es weniger grotesk als die ewiggleichen Anstrengungen um ein besseres Leben, die doch stets im Durchschnitt münden? So dürftig und banal und trist das Leben ist, das Genazino in seinen vielen Romanen schildert, steht dahinter doch immer auch eine Kritik der Verhältnisse: „Eine Utopie kann nicht darin bestehen, dass wir uns jeden Tag im Supermarkt halbtot kaufen können“, hat Genazino einmal im Interview mit dieser Zeitung gesagt. Und sich heftig gegen die Zumutung gewehrt, dann doch bitteschön einen alternativen Daseinsentwurf zu präsentieren: „Man kann von Menschen, die Widerstand gegen die Simplifizierung ihrer Wünsche empfinden, nicht erwarten, dass sie gleich ein komplettes Gegenprogramm aus der Tasche ziehen.“

Wilhelm Genazino hat viele Romane mit schrulligen Titeln geschrieben: „Mittelmäßiges Heimweh“, „Bei Regen im Saal“, „Die Liebesblödigkeit“ oder, zuletzt, „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“. Man hatte den Eindruck, der Autor sei mit den Jahren ein wenig müde geworden, so wie ja auch seine Figuren zu erheblicher Lebensmüdigkeit neigen. Das mag damit zusammenhängen, dass all diese Romane im Grunde genommen ein einziges Buch waren: Stets handelte es von Lebensproblemfällen, die sich der „Bruchbudenhaftigkeit“ ihrer eigenen Existenz bewusst waren und sich dennoch in ihr einrichten mussten. Solche Klarsicht verhilft zu hochkomischen Erkenntnissen, ist in ihrer Ausweglosigkeit aber auch strapaziös.

Fünf Jahrzehnte lang hat Genazino die Hässlichkeiten des Lebens immer wieder schonungslos benannt, ohne dass ihm dabei das Lachen verging. Am Mittwoch ist der Autor, der für sein Außenseitertalent gesellschaftlich hoch geehrt wurde, mit dem Büchner-Preis (2004), dem Kleist-Preis (2007) und zuletzt der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt (2014), im Alter von 75 Jahren gestorben.

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