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Das Platten-Cover und das Bild, das dem Musiker Moritz Reichelt und der Journalistin Michaela Maria Müller als Vorlage diente, ist am 25.11.2014 in Berlin zu sehen. Das Stück "M41 du kommst nie allein" ist auf der Platte "Die wartenden Fahrgäste" zu hören und handelt von dem Bus der Linie 41, der den Berliner Hauptbahnhof mit dem Stadtteil Neukölln verbindet. (zu dpa-Korr: "Berliner Buslinie bekommt eigenen Song" am 26.11.2014) Foto: Stephanie Pilick/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

Gedankenspiele

Das nächste Jahr – frei erfunden

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Nichts ist unmöglich in der Kultur. Was sich rückblickend im Jahr 2016 gezeigt hat, lässt sich auch vorausschauend für 2017 vorhersagen. Man braucht nur etwas Fantasie.

Anno 2017. Geistig verwirrte Internetdienste verbreiten die aufregendsten Kulturnachrichten:

Alice Cooper im Tourbus tödlich verunglückt... Axl Rose bei Flugzeugabsturz ums Leben gekommen... Beethoven in Wien exhumiert, Todesursache Aids statt Syphilis... Sorry, Axl Rose mit Buddy Holly verwechselt ... Richtigstellung: Beethoven war eigentlich Nietzsche.... Sorry, Axl Rose hatte nie Syphilis, außerdem lebt er noch... Nietzsche plant neues Album... George Clooney spielt Joseph Goebbels... Sorry, Joseph Goebbels spielt George Clooney... Schönheitsklinik am Bodensee nach dem Schriftsteller Martin Walser benannt... Frankfurts Ensemble Modern lehnt den versehentlich verliehenen Literaturnobelpreis ab... Richtigstellung: Ensemble Modern lehnt gar nichts ab... Neue Kulturbewegung in den USA für gedruckte Nachrichten („Pro Print“)... Mark Zuckerberg gründet Tageszeitung: „Facebook war ein einziges Fakebook. Wir brauchen ein lügenfreies Medium. Ich liebe Johnny Gutenberg“... Rapper aus Chicago wollen nach Haftentlassung Lesen lernen. Kanye West: „Überlasse das Internet den Verrückten“... Schauspieler solidarisieren sich: „Von Hollywood freier Blick ins Silicon Valley, sehen dort aber keine Zukunft“... Sorry, Beethoven nun doch neben Alice Cooper bestattet... Richtigstellung: Nietzsche tauscht Syphilis gegen Wahnsinn... Erste neue Tageszeitung in Mainz, Old Germany, gedruckt... Mark Zuckerberg sucht noch Abonnenten. Die Exemplare der ersten Auflage trägt er höchstpersönlich in 50 000 Haushalte aus. kin

Alles wird gut. Die Bayreuther Festspiele kündigen nach der Absage Merkels den Besuch Nietzsches und eine neue „Ring“-Inszenierung für den Sanktnimmerleinstag an. Regie führen sollen Jonathan Meese, Hans Neuenfels, Christoph Schlingensief und Francis Ford Coppola. Der eine hat abgesagt, der andere nie zugesagt, einer ist schon tot, und einer kann den „Walkürenritt“ nicht mehr hören, seit er nach einem Hubschrauber-Absturz in Vietnam unter Tinnitus leidet. Nach den Ergebnissen eines Gutachtens ist die Sanierung des Frankfurter Schauspielhauses unbezahlbar. Das Gebäude am Willy-Brandt-Platz wird abgerissen, das Ensemble spielt künftig „Komasaufen“ auf Malle, Anselm Weber inszeniert. Zur Frankfurter Buchmesse erscheint der neue 1000-Seiten-Roman von Frank Witzel aus Offenbach: „Die Abschaffung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Opa im deutschen Spätherbst 1998“, für den er diesmal nicht den Deutschen Buchpreis kriegt. Bob Dylan gibt seinen Literatur-Nobelpreis zurück mit der Begründung, die Akademie habe sich geirrt, er sei gar nicht der größte Singer/Songwriter von allen. Der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff bekommt schon wieder den Deutschen Buchpreis. Er hat noch eine Liebesgeschichte geschrieben. Sie spielt nacheinander am Gardasee, auf Sizilien und in Australien. Der Frankfurter Schriftsteller Wilhelm Genazino bekommt als erster Mensch nach Bob Dylan den Literatur-Nobelpreis, Begründung der Jury: „Damit endlich Ruhe ist!“ Der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach erhält zum zweiten Mal den Büchner-Preis. Begründung der Jury: „Weil sein Werk noch immer nichts mit Büchner zu tun hat“. Die Frankfurter Schriftstellerin Eva Demski bekommt gar keinen Preis. Begründung der Jury: „Sie braucht auch keinen“.

Emil Nolde zieht um

Sensations-Fund im Leipziger Bach-Archiv: Emsige Musikforscher entdecken dort die Abschrift einer späten weltlichen Kantate von Johann Sebastian Bach: Sie trägt den Titel „Atemlos durch Leipzig“ und handelt von frühen Kaffee-Junkies in der Sachsen-Metropole um das Jahr 1740. Schlagerstar Helene Fischer hat sich spontan bereiterklärt, die Sopran-Solo-Kantate uraufzuführen. Florian Silbereisen wird ihr an der Flöte assistieren. Da kann David Garrett, der bei der Premiere des Bach-Fundes gerne die erste Geige gespielt hätte, aber von André Rieu ausgebootet wurde, nicht tatenlos zusehen. Garrett, der bärtige Paganini-Verschnitt, holt deshalb zum Gegenschlag aus und tourt mit einer Coverversion von Helene Fischers „Und morgen früh küss’ ich dich wach“ quer durch Deutschland. Er wird damit auch im Frankfurter Opernhaus debütieren. Da die Eintrittskarten für dieses Ereignis schon kurz nach Bekanntwerden vergriffen waren, hat sich David Garrett entschlossen, zusätzlich ein großes Open Air am Mainufer zu geben. Auch vor dem Städel will er musizieren. Das renommierte Haus soll übrigens einen neuen Namen bekommen: Aufgrund des sensationellen Erfolgs der vergangenen Ausstellung und des 150. Geburtstags des Expressionisten Emil Nolde, wird das Kunstmuseum fortan dessen Namen tragen. md

Fortschritt tritt zurück

Anfang Oktober trifft sich das neue Bundeskabinett zu seiner ersten Sitzung. In Rekordzeit haben sich nach der Bundestagswahl am 17. September AfD und CSU auf einen Koalitionsvertrag verständigt. Nach der Kabinettssitzung treten Bundeskanzlerin Frauke Petry und Vizekanzler Markus Söder vor die Presse, um erste Maßnahmen zu verkünden. Erstes Ziel sei die Abschaffung des Papiers. Binnen eines Jahres sollen alle Druckerzeugnisse auf digitale Erscheinungsweise umgestellt werden. Dann wird die Abholung von Altpapier eingestellt. Für Altbestände an Druckerzeugnissen, etwa aus Bücherregalen, wird es zeitlich befristete Sonderabholungen geben. „Wir wollen uns damit als innovativer Wirtschaftsstandort im Dienste des Fortschritts international neu positionieren“, so Bundeskanzlerin Petry. Die Abschaffung des Papiers werde ausdrücklich auch von Heimatschutzminister Alexander Gauland unterstützt – wegen der Gefahren, die von Gedrucktem für die nationale Sicherheit ausgehen könnten. Zudem kündigt die Koalition eine Reform des Bundesverfassungsgerichts nach polnischem Vorbild sowie die Einrichtung eines nationalen digitalen Schutzwalls zum Schutz der deutschen Internetnutzer mit integriertem behördlichem Faktencheck für Nachrichtenportale und Digitalverlage an. Die Technik dazu wollen die neuen Bündnispartner Russland und China liefern. Die AfD war bei der Bundestagswahl auf 37 Prozent gekommen, die CSU aufs Bundesgebiet bezogen auf 5,5 Prozent. Weil FDP, Linke, SPD sowie mehrere Kleinparteien an der Fünfprozenthürde scheiterten, reicht das für eine Mehrheit im Parlament. Die Opposition bilden CDU und Grüne. ach

RTL baut ein Schloss

Zum Osterfest produziert RTL eine Neuauflage von „Sissi“ und Karl Mays „Orientzyklus“, aus Kostengründen zusammengefasst: „Schicksalsjahre eines Ölprinzen“. Uschi Glas spielt die strenge Ölprinzenmutter, Michael „Bully“ Herbig darf als bayerische Prinzessin kokettieren, Sascha Hehn gibt den verträumten Scheich, der für seine Braut ein Barockschloss in die Wüste baut. Um den Dreiteiler in die USA zu verkaufen, kippt man reichlich Zuckerguss über das Schloss. Disney verklagt daraufhin RTL. Regisseur Peter Jackson übernimmt die Verfilmung der Lebensgeschichte von „Herr-der-Ringe“-Autor J.R.R. Tolkien. Aus einem Film werden drei, Höhepunkt wird eine Schlacht im Zweiten Weltkrieg, an der Tolkien zwar nicht beteiligt war, aber das Filmstudio Warner will einen Blockbuster. Christoph Waltz spielt sowohl Tolkien als auch den Bösewicht. Für das Drehbuch sind George R.R. Martin und Christian Kracht verantwortlich, am Schluss sind alle Filmfiguren tot. Walter Moers erhält auch den Nobelpreis für Literatur, da seine Comics sich schon über Hitler lustig gemacht haben, als sich das noch keiner traute. US-Präsident Trump findet das lustig und ernennt Moers zum Jedi-Ritter. Da die Jedis Disney gehören, verklagt der Konzern den Präsidenten, der deswegen seines Amtes enthoben wird. Moers bekommt dafür im folgenden Jahr noch zusätzlich den Friedensnobelpreis, taucht aber bei keiner der Verleihungen auf. Niemand bekommt es mit, da Heidi Klum eine neue Casting-Show im ZDF hat, bei der Flamingos zu Topmodels mutieren. Klum gewinnt den dritten Bambi und heiratet endlich sich selbst. tos

Mallorca wird deutsch

Das Jahr 2017 ist ja das Jahr des Hahns, in dem in China absolute Friedfertigkeit herrscht. Aus Sicherheitsgründen beschließt deshalb die bayerische CSU schon im Januar, das Oktoberfest 2017 nach Peking zu verlegen. Gleichzeitig wird der Export von BMW-Motorrädern in die Volksrepublik versiebzehnfacht. Die Lufthansa eröffnet im April die neue, tägliche Route Frankfurt–Mallorca mit dem A 380. Ein Ticket kostet für Frühbucher schlappe 17 Euro. Gleichzeitig tritt Madrid in Verhandlungen mit Berlin über eine Aufnahme Mallorcas als 17. deutsches Bundesland. Die Skiregion Ischgl wird zum Trendsetter der Alpenregion: Der erneut ausbleibende Schnee treibt die Österreicher Anfang Mai zum größten Bauprojekt ihrer Geschichte: eine ganzjährig betriebene Indoor-Skihalle nach Dubaier Vorbild, nur 17 mal so groß, mit 17 Abfahrten, darunter zwei schwarze Pisten. Im Dezember soll sie fertiggestellt sein. Zusätzlich soll ein 17 000 Quadratmeter großes Après-Ski-Areal mit eigener Großbrauerei, Shoppingcenter und Wellness-Palast für Dauerunterhaltung sorgen. Im US-Staat Nevada entsteht indes, zunächst geheim, ein unterirdisches, atombombensicheres Ferienparadies mit künstlichem Ozean. Ausgetragen wird hier die Meerjungfrauen-Weltmeisterschaft. Zudem läuft dort das erste Kreuzfahrt-U-Boot für 1700 Passagiere vom Stapel. Zur Verteidigung sind Nuklearköpfe installiert. Das Unterseeschiff umrundet die Erde in 17 Tagen. Russische Milliardäre und die Trump Company sind die größten Shareholder des Unternehmens. Wenn wir 2018 noch erleben, kann die Menschheit in das chinesische Jahr des Hundes übergehen. stw

(klu)

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