Klavierhauptprobe zur Oper "Rigoletto" am 18.02.16 am Staatstheater Darmstadt. Foto: Candy Welz
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Klavierhauptprobe zur Oper "Rigoletto" am 18.02.16 am Staatstheater Darmstadt. Foto: Candy Welz

Verdis „Rigoletto“ in Darmstadt

Nur der Narr sieht nichts

  • VonAndreas Bomba
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Diese Produktion unter der Regie von Intendant Karsten Wiegand hat das Zeug zum Spielplan-Renner.

„In tanto buio lo sguardo è nullo“ – „Bei dieser Dunkelheit kann man nichts sehen“, klagt Rigoletto im zweiten Akt. Gerade schicken sich Finsterlinge namens Borsa und Matteo an, eine Frau zu entführen – der Narr ahnt und sieht nicht, dass es sich in Wahrheit um seine Tochter Gilda handelt und damit das Verhängnis seinen Lauf nimmt.

Dunkelheit, Finsternis – für Karsten Wiegand Stichworte für seine Inszenierung am Staatstheater Darmstadt. Jenseits aller Deutungen und Lesarten eröffnet die Regie damit den Sängern einen optimalen Raum zur Entfaltung.

Bemerkenswert frische, kräftige und klare Stimmen sind zu hören. Andrea Shin ist, als Herzog von Mantua, ein makelloser Tenor mit schmelzender Italianità. Als er die zweite Strophe seines Hits „La donna è mobile“ zu früh beginnt, reagieren Dirigent Enrico Delamboye und das Staatsorchester, das den ganzen Abend äußerst sensibel, sängerfreundlich und geschmeidig gestaltet, prompt und überspringen einen Takt. Dafür revanchiert sich Shin mit einem knackigen hohen „H“ – ein Schürzenjäger, der immerhin aus brennenden Servietten Blumen zaubern kann.

Opfer von Intrigen

Anna Palimina ist Gilda, keine große dramatische Heroine, sondern mädchenhaft, schlank und schlicht. Man folgt ihr atemlos, wie sie zur berühmten Arie „Caro Nome“ zum Rand der leeren, dunklen Bühne schreitet, um mit schöner Schrift den Namen des Angebeteten auf eine Tafel zu schreiben: „Gualtier Maldè“, jenen Tarnnamen des herzoglichen Liebhabers, der sie wenig später im Bordell schnöde betrügen wird. Sangmin Lee singt die Titelpartie; seinem noblen und angenehmen Bariton will man Düsternis und Rachegelüste kaum abnehmen – aber ist er denn wirklich ein Bösewicht, ein Täter, ein Mord-Anstifter und nicht vielmehr das Opfer höfischer Intrigen?

Fast symbiotisch ist Rigoletto mit Gilda verwachsen; die Tochter, von Alfred Mayerhofer raffiniert kostümiert, verbirgt sich als Buckel im weißen Gewand des Hofnarren, löst sich wie eine Neugeburt aus ihm heraus, um sich am Schluss, im Sterben, wieder in ihm zu verkriechen. Zudem muss Rigoletto – nach dem Raub der Tochter – von den Höflingen (in roten, weißgepunkteten Schlafanzügen) sich selbst, seine Behinderung und seine Nöte zynisch verspotten lassen.

Verdis seit 1851 erfolgreiche Oper ist ein Männerstück – deshalb darf das Eröffnungsbild, das Fest am Hof zu Mantua, ruhig aus einer Männerklo-Perspektive gezeigt werden. Prächtig gelingt das Quartett gegen Ende, wo zu den Hauptpartien der Killer Sparafucile (Vadim Kravets) hinzutritt: zwei sich überlappende Dialoge, die sich mit Hilfe eines provisorisch aufgeschlagenen Zimmers (Bühne: Bärbl Hohmann) innen und außen abspielen, ohne dass sich die Kontrahenten hören. Besonders intensiv gelingt aber die Frauenszene im Zentrum: Gilda sehnt sich nach ihrer ihr unbekannten Mutter, ihre Dienerin Giovanna (Amira Elmadfa, die später auch Sparafuciles Tochter singen wird – eine glänzende Idee, diese beiden Rollen mit einer Sängerin zu besetzen und sie damit gleichzusetzen!) steigt wie eine Madonna aus dem Bühnenboden. Soviel Demut, soviel Keuschheit – auch dazu passt das Dunkel, in dessen Unter- und Hintergrund gleichwohl die Triebe wabern. Manchen Besuchern hat das nicht gefallen. Diese Produktion, die der Darmstädter Intendant zuvor schon in ähnlicher Form in Hannover und Weimar gezeigt hat, sollte jedoch ein Renner im Spielplan werden!

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