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Die Nazis sind geschrumpft

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Die Frankfurter Galerie Martina Detterer zeigt unter dem herausfordernden Titel „Attack oft the 50 ft. woman“ Schnitzereien des gebürtigen Münchners Peter Sauerer.

Erst hält man’s für einen bewundernswerten Jux, diese geschnitzten, farbig bemalten Minifigürchen, die auch noch auf vergleichweise hohem Holzsockel in ein Geschenkkästchen oder gar in eine Streichholzschachtel passen. Ein kunsthandwerklicher Jux von amüsanter Qualität? Den Jux wird sich Sauerer nicht verkniffen haben, wenn er mit seinen handwerklichen Fähigkeiten spielt.

Sauerer wurde 1958 in München geboren, ging nach einer Steinmetzlehre (die ihn wohl auch zu größeren Ob-jekten befähigt hätte) zu dem Bild-hauer Eduardo Paolozzi und wurde mit 27 Jahren dessen Meisterschüler. Was ihn dazu bewogen hat, für seine Objektschachteln die europäische Kunstgeschichte auszuschlachten? Jedenfalls fügt er jedem der Figürchen oder Figürchenreihen eine Abbildung aus der Kunstgeschichte, aber auch Fotos aus der Gegenwart bei. Man kennt zum Beispiel die Rückansicht der Neonazi-Terroristin (oder -Unterstützerin) Beate Tzschäpe, wie sie stolz ihre prächtige frischgewaschene Mähne vorzeigt, mit ihren beiden Verteidigern plaudernd. Das im Foto und nebendran die Drei im buchsbaum-geschnitzten Miniformat. Das Erstaunliche: Man erkennt jedes Figürchen auf Anhieb. Auch zum Beispiel die Angeklagten aus dem Nürnberger Nazi-Prozess: Die ganze Riege steht da frontal, wie in der Wirklichkeit in reduzierter Montur.

Ein wenig schwieriger wird es mit der Vorlage des Renaissance-Malers Piero de la Francesca, seiner „Geißelung Christi“, der natürlich die Veranlasser, die Pharisäer, aber auch eine Anzahl kleiner Gaffer beigewohnt haben. Im gut erkennbaren Miniformat (sogar die unterschiedlichen Kopfbedeckungen sind ausgeschnitzt) wirkt dieser Teil der Geschichte des Christentums wie eine Erzählbibel im Miniformat. Man glaubt kaum, wie klein die berühmte Leda mit ihrem noch kleineren Schwan sein kann, damit das obszöne nackte Persönchen in ein Schächtelchen passt. Der Schwan, weiß mit rotem Schnabel, ist vielleicht gerade mal drei bis vier Stecknadelköpfe groß. Auch Jackie Kennedy in ihrem erdbeerroten Kostüm, auf den schwarzen Haaren die rote Toque, ist beim Mord an ihrem Ehemann, dem demokratischen amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, bestens im Kleinformat zu erkennen. Und Bouchers entzückende kleine nackte Irin, die persönlich von der schönen, aber in die Jahre gekommenen, überaus gebildeten Edelmätresse des französischen Königs dem Herrscher zur Aufmunterung zugeführt wurde, findet Platz mitsamt feinem weißen Laken in einem Schächtelchen.

Es sind aber nicht nur die kleinen erotischen Ereignisse, auch Caspar David Friedrich mit seinem davonfahrenden, in die ungewisse Zukunft strebenden großen Segelschiff kristallisiert sich in einer einzigen männlichen Figur – natürlich in Rückenansicht. Die Idee zu einem Museum im Westentaschenformat ist nicht ganz neu, aber man kann seinen Spaß daran haben, möglicherweise auch neue Zusammenhänge erkennen. Der Ausstellungstitel stammt aus einem Science-Fiction-Film.

Galerie Martina Detterer, Hanauer Landstraße 20–22. Bis 22. Oktober, dienstags bis freitags 13–18.30 Uhr, samstags 11–14 Uhr. Telefon (069) 49 16 13. Internet

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