Susanne Pfeffer,

Die neue Leiterin des Museums für Moderne Kunst will ihr Haus in die Zukunft führen

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Seit Anfang des Jahres ist Susanne Pfeffer neue Direktorin im Frankfurter Museum für Moderne Kunst. Wir haben mit ihr über Kunst, Karriere und ihre Zusammenarbeit mit Anne Imhof gesprochen.

Die grauen Buchregale im Direktorenzimmer sind noch leer, sämtliche Wände sind über und über mit zum Quadrat gefalteten Din-A-4-Blättern bedeckt: Kopien der Kunstwerke des Museums für Moderne Kunst (MMK) aus dem Farbdrucker. Seit Anfang des Jahres residiert hier Susanne Pfeffer. Sie ist Susanne Gaensheimer gefolgt, die als Leiterin der Kunstsammlungen Nordrhein-Westfalen nach Düsseldorf gezogen ist.

Susanne Pfeffer hat nach allen Maßstäben des Kunstbetriebs eine ziemlich rasante Karriere hingelegt. Sie hat mittelalterliche Kunst studiert, kam 2002 als Assistentin des damaligen Direktors Udo Kittelmann ans MMK. 2004 ging sie als Leiterin des Künstlerhauses nach Bremen, wurde Chefkuratorin der Kunst-Werke Berlin und schließlich Direktorin des Fridericianums in Kassel. Jetzt, zum Anfang des Jahres, der Sprung aus Nordhessen ans Frankfurter MMK: ein Haus mit extremen Räumlichkeiten und einer „sehr speziellen Sammlung“, wie sie findet. Sie meint das positiv, erwähnt die größte Sammlung von Werken Thomas Bayrles und On Kawaras sowie eines der weltgrößten Boetti-Konvolute.

Wenn man sie fragt, ob sie ehrgeizig ist, missfällt ihr das eher. Sie fängt dann an, sich die langen Haare hinter dem Kopf wie zum Dutt zusammenzudrehen. „Das, was ich mache, soll gut werden“, sagt sie schließlich. Und meint mit gut wahrscheinlich: sehr gut, außergewöhnlich. „Ich wollte etwas selber machen, hatte eigene Ideen.“ Deswegen verließ sie 2004 das MMK. Deswegen ist sie jetzt zurückgekommen.

Später wird Susanne Pfeffer erzählen, dass sie nach ihrem Studium auch eine Doktorarbeit hätte schreiben können wie alle anderen. Abermals taucht an dieser Stelle das mit dem Gutmachen auf. „Aber wenn“, sagt sie augenzwinkernd, „hätte ich schon die Kunstgeschichte umschreiben wollen, und das hätte ich wohl kaum geschafft.“

Also lieber gleich in die Praxis. Doch warum die Gegenwart? Immerhin hatte sie mittelalterliche Kunst studiert. „Das Mittelalter hatte ich gewählt, weil es mir so fremd war. Und das Fremdeste hat mich schon immer am meisten interessiert.“ Die Gegenwart trat dann wie von allein an sie heran. „Zeitgenosse ist man ja per se. Sich die Gegenwart zu vergegenwärtigen, ist ein zentraler Auftrag des MMK“, sagt Susanne Pfeffer, und erzählt, wie sie während ihrer Magisterzeit in den Vatikanischen Museen arbeitete. Gleichzeitig hatte sie Kontakt mit Künstlern wie Olaf Nicolai. Er lebte zur selben Zeit in Rom, mit einem Stipendium der Villa Massimo. Sie nahm ihn einfach mit, als sie für ihre Arbeit die Gelegenheit bekam, das Renaissance-Bad von Johannes Paul II. zu betreten.

Damals fielen Entscheidungen: Rom kam ihr eng vor, voller Antike und Renaissance, der denkbar größte Kontrast zum Nachwende-Berlin. Dort war Platz und Luft, sich zu entfalten. Also fiel ihre Wahl auf die Freiheit der Gegenwart.

Auch Frankfurt ist ein guter Ort, um frei zu denken. Schnell ist sie angekommen, hat mit viel Glück sogar bald eine Wohnung gefunden, im Bahnhofsviertel. Zwischen den Jahren ist Susanne Pfeffer in den verschiedenen Depots des Hauses gewesen und hat alles in die Hand genommen, was greifbar war. „Die Sammlung war mir noch präsenter, als ich gedacht hatte“, war sie selber überrascht. Doch sie zu kennen, ist eines. Mit ihr zu arbeiten, eine Ausstellung zu konzipieren, etwas anderes. Dafür braucht es Zeit, dafür muss Susanne Pfeffer spüren, wie die Bilder in ihr zu leben beginnen. In ihrem Zettelhöhlenzimmer taucht sie tief in die Sammlung ein.

Die Welt, sagt Susanne Pfeffer, befinde sich in einem Umbruch, den wir alle noch viel zu wenig begriffen hätten. Die Kunst ist ihr Mittel, diesem Wandel auf die Spur zu kommen, ihn zu erklären und sichtbar zu machen.

Freiheit sucht sie also, und Offenheit. Wie ein geheimer Faden zieht sich das Bedürfnis danach und eine Zukunftsneugierde durch das Gespräch. Vom MMK schwärmt sie, weil man mit den vielen Durchblicken und der unorthodoxen Architektur des Gebäudes Kunst ganz anders inszenieren könne als in herkömmlichen Räumen, und von der totalen Freiheit der Besucher beim Rundgang. Welche Treppen er nimmt, wie er durch die Stockwerke flaniert: Nichts ist vorgegeben. Die unterschiedlichen Raumzuschnitte, von winzigen Kabinetten bis zur gebäudehohen zentralen Halle, ermöglichen es zudem, jedem Kunstwerk den Rahmen zu geben, dessen es bedarf.

Schon tüftelt Susanne Pfeffer an einer ersten Ausstellung für den Herbst, möchte aber noch nicht darüber reden. „Sonst ist das so, als wenn man verliebt ist und es zu früh zerredet und damit kaputtmacht“, entschuldigt sie sich. Was sie aber gleich von Anfang an wusste: dass sie eng mit Künstlern zusammenarbeiten und Arbeiten fördern will, die speziell fürs Haus konzipiert sind. Der Umgang mit Künstlern bedeutet ihr viel. Sie gerät dann in ein fast selbstvergessenes Schwärmen über deren „besondere Art, die Welt wahrzunehmen“, die „größere Sensibilität“ und „exakte Auffassungsgabe“, ganz jenseits der Sprache. Ihr kommen Erinnerungen, wie sie einmal mit dem Künstler Hans-Peter Feldmann in einer Eisdiele in Düsseldorf saß: etwas ganz Besonderes.

Die fast eindreivierteljährige Zusammenarbeit mit Anne Imhof ist auch so ein Erlebnis. Ihre Installation „Faust“ wurde 2017 mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet. „Rasterfahndungsmäßig“ habe sie als Kuratorin des Deutschen Pavillons den „Horizont des Gegenwärtigen“ abgescannt und schließlich gemerkt, dass alles auf die Frankfurter Künstlerin zulief.

Langsam habe sich ihre Performance entwickelt, ein Stück auf und unter Glasböden, zwischen Sensibilität und Brutalität. Es geht um Selbst- und Fremdbestimmtheit, mit einem Material, das mit den Gegensätzen korrespondiert: Glas – „durchsichtig, aber hart“. Für das gemeinsam erarbeitete Werk waren „tausend Entscheidungen“ zu treffen. Susanne Pfeffer war die Ermöglicherin. Umfassend und so einfühlsam wie möglich hat sie die Künstlerin begleitet, um ihr den Weg freizuräumen.

Künstler Werke fürs Haus entwickeln zu lassen: Das erfordert ein Gespür für die großen Themen der Zeit. Susanne Pfeffer hat es schon im Fridericianum bewiesen. Von den modernen Technologien, die unseren Körper und unser Sehen verändern, spricht sie. Das Frappierende daran sei, dass sich durch die modernen Techniken „die reale Welt und die fiktive immer mehr ineinander schieben“, bis sie nichts mehr unterscheide. Das Echte und das Gemachte sei „Lebenswirklichkeit“, es gebe keine Differenz mehr. Das sei der Erfahrungshintergrund einer ganzen Generation. Ein Museum frage folglich: „Was bedeutet das visuell, wie verändern uns die strikten ästhetischen Regime von Google oder Instagram?“

Wenn Susanne Pfeffer über solche Entwicklungen spricht, merkt man ihr die Neugier der Zeitgenossin und den Willen, solche Prozesse zu begleiten, an. Man darf sich auf Experimente gefasst machen.

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