Philipp Demandt, der neue Mann an der Spitze von Städel, Schirn und Liebieghaus: Er wirkt freundlich, gewinnend, charmant und ? gut gelaunt.
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Philipp Demandt, der neue Mann an der Spitze von Städel, Schirn und Liebieghaus: Er wirkt freundlich, gewinnend, charmant und ? gut gelaunt.

Philipp Demandt im Interview

Neuer Städel-Chef: "Kultur ist mein Leben"

  • Michael Kluger
    VonMichael Kluger
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Als Max Hollein im Frühjahr verkündete, er werde nach San Francisco wechseln, war das ein Paukenschlag für die Kunst in der Rhein-Main-Region. Umgehend begann die Städel-Administration zu suchen - und wählte aus 15 Kandidaten Philipp Demandt, den Leiter der Alten Nationalgalerie in Berlin. Michael Kluger und Dierk Wolters haben den neuen Chef im Städel besucht.

Dem neuen Städel-Direktor ist die Region keineswegs unbekannt. Sein Vater stammt aus Marburg. Die Mutter kommt aus Kassel. Der 45-Jährige, bisher Leiter der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel in Berlin, ist in Konstanz geboren und hat an der FU Berlin unter anderem Kunstgeschichte studiert. In seiner Doktorarbeit hat er sich mit Porträts der preußischen Königin Luise (1776-1810) und dem "Luisenkult" beschäftigt. Luise stammte übrigens aus dem Hause Hessen-Darmstadt. Michael Kluger und Dierk Wolters haben den neuen Chef im Städel besucht.

Herr Demandt, am 3. Oktober ist Ihr erster Arbeitstag in Frankfurt. Fast fünf Jahre haben Sie zuvor in Berlin die Alte Nationalgalerie geleitet. Sind Sie aufgeregt?

PHILIPP DEMANDT: Eigentlich nicht. Ich würde das Gefühl eher mit ,Freude‘ beschreiben. Natürlich kommt im Moment sehr viel Neues aus den drei Häusern Städel, Liebieghaus und Schirn auf mich zu. Zunächst einmal will ich alle Abteilungen kennenlernen, von der Technik bis zur Restaurierung, vom Ausstellungsdienst bis zur Verwaltung. Kulturinstitutionen sind große logistische Betriebe, da geht es nicht nur um Kunst.

Warum ist denn Frankfurt so eine tolle Option für Sie? Immerhin kommen Sie aus Berlin . . .

DEMANDT: Ich bin einfach richtig gerne in Frankfurt. Und ich habe familiäre Bindungen hierher, deswegen ist mir die Stadt auch bekannt. Jedes Mal, wenn ich in Frankfurt ankomme, habe ich ein gutes Gefühl.

Die Frankfurter selbst haben oft ein sehr kritisches Verhältnis zu ihrer Stadt.

DEMANDT: Ich nehme die Stadt als unglaublich dynamisch wahr, ich merke, dass sie was will. Frankfurt hat sich rasant entwickelt. Vergleichen Sie das mal mit den 80er Jahren. Und dabei spielt natürlich die Kultur eine große Rolle. Was Max Hollein und sein Team in den letzten 15 Jahren gemacht haben, wird national und international wahrgenommen. Was an Ausstellungen und Forschungsprojekten auf die Beine gestellt worden ist, ist enorm. Wenn einem sowas angeboten wird . . .

Hier gibt es ja gelegentlich diesen Minderwertigkeitskomplex: Ist Frankfurt überhaupt eine Weltstadt oder nur die größte Provinzmetropole? Was meinen Sie?

DEMANDT: Diesen Metropolenkomplex hat Berlin genauso. Ich habe diese Diskussion nie richtig verstanden. Erstens: Was bringt das? Zweitens: Was ändert das? In jeder Stadt muss die Mischung stimmen. Ich selber nehme Frankfurt als sehr international wahr. Berlin ist aufgrund seiner geografischen Lage hermetisch. In Frankfurt ist das anders, in einer halben Stunde erreichen Sie zahlreiche Nachbarstädte, deswegen wird hier auch der Aspekt der Rhein-Main-Region so betont, zurecht. Frankfurt hat deswegen jedes Recht, selbstbewusst zu sein. Was hier gewachsen ist, angefangen mit dem Museumsufer . . .

Ihr Großvater war hessischer Landesarchivar, hat sogar die Goetheplakette 1973 bekommen. Gibt es diese familiären Bindungen immer noch?

DEMANDT: Meine Mutter kommt aus Kassel, mein Vater ist in Marburg geboren. Unser Familiensitz ist in der Wetterau, schon seit über 100 Jahren. Das ist das Haus, in dem alle Familienfeste, alle Hochzeiten, Taufen stattfinden, da wird immer Weihnachten gefeiert. Ich habe den Großteil meiner Kindheit in der Wetterau verbracht, hier hat mein Großvater seine Bücher zur hessischen Landesgeschichte geschrieben. Und wenn er dann seine fertigen Werke vorlas, um die Register zu erstellen, alle paar Jahre das nächste Backsteinwerk – das war immer ein Thema, auch wenn wir Kinder nicht verstanden haben, worum es geht.

Dann haben Sie ja jetzt gar keine Probleme mit der Wohnungssuche.

DEMANDT: Wohnen werde ich dennoch in Frankfurt. Die Strecke in die Wetterau möchte ich nicht täglich pendeln.

Ihr Vater ist von Haus aus Althistoriker, von ihm stammen Bücher über „Die Zeit“ und „Die Deutschen“.

DEMANDT: Ja, in den letzten Jahren hat er sich der allgemeinen Kulturgeschichte geöffnet.

Ist es eine Bürde, aus so einem gehobenen Elternhaus zu stammen – ist man dann besonders verpflichtet, etwas aus seinem Leben zu machen?

DEMANDT (lacht): Nein, meine Eltern haben mir immer gesagt: Du kannst machen, was du willst. Mein Bruder ist Ingenieur geworden und mit 22 nach Japan gezogen. Das hätte ich also auch tun können.

Was in Frankfurt auf Sie zukommen wird, ist besonders auch das Eintreiben von Sponsorengeldern. Ist das Neuland für Sie?

DEMANDT: Gar nicht. Vor meiner Zeit als Leiter der Alten Nationalgalerie habe ich in der Kulturstiftung der Länder gearbeitet. Sie unterstützt alle großen deutschen Museen bei Ausstellungen und dem Erwerb von Kunstwerken. Dort hatten wir die Aufgabe, die Summen dafür einzuwerben. Die Suche nach Geld habe ich dort also zehn Jahre betrieben. In dieser Zeit ist auch ein sehr gutes Netzwerk entstanden, und Sie kriegen ein Gefühl dafür, wen Sie für welches Projekt ansprechen können. Auch in der Nationalgalerie haben wir große Projekte und Bestandskataloge fremdfinanziert.

Die Entscheidung, ob Sie wie Hollein auch Direktor der Schirn werden, hat sich ja verzögert. Hat Sie das geärgert?

DEMANDT: Überhaupt gar nicht – es war eben ein zweistufiges Verfahren. Ich habe volles Verständnis dafür, dass man dafür die neue Kulturdezernentin Ina Hartwig, mit der ich mich noch in Berlin getroffen und auf Anhieb gut verstanden habe, miteinbeziehen möchte. Mir ist das wichtig gewesen, weil ich dieses Amt natürlich gern an der Seite einer Dezernentin beginne, die diese Entscheidung auch mitträgt.

In einer Kunsthalle ohne Sammlung wie der Schirn haben Sie aber nie gearbeitet.

DEMANDT: Wir hatten in der Nationalgalerie keine Sonderausstellungsflächen und mussten für jede Sonderschau die Sammlung ausräumen. Wenn Sie aber Böcklins und Caspar David Friedrichs ausräumen, bekommen Sie schnell Beschwerdebriefe . . . insofern war das immer ein Balanceakt. Jetzt eine Ausstellungshalle zu leiten, die frei ist, nicht nur im Denken, sondern auch im räumlichen Planen, darauf freue ich mich sehr!

Als Sie in Berlin Rembrandt Bugatti zeigten oder die Schau „Im/Ex“, wurden Sie gelobt für Ihren Mut, Ihre Ausstellungen wurden „frech“ genannt.

DEMANDT: Die Schirn positioniert sich ja selber als Haus der Entdeckungen. Das kommt mir sehr entgegen. Ein großes kunsthistorisches Thema ist es seit ein paar Jahren, den Kanon zu hinterfragen. Wie kommt es eigentlich, dass 50 Maler weltberühmt sind, und 5000 kennt kein Mensch mehr? Warum ist das so? Zu schauen, was links und rechts aussortiert wurde, ist spannend. Max Hollein hat den Auftrag der Schirn ja dankenswert klar definiert: Hier gehe es darum, die gesellschaftlichen Bedingtheiten, in denen Kunst entstand, zum Teil der Ausstellungen zu machen. Über den Tellerrand zu blicken hat mich schon in meiner Dissertation interessiert: Aus welcher Gesellschaft kommt die Kunst, was macht sie wiederum mit der Gesellschaft, und was kann man daraus ablesen?

Ist es nicht furchtbar anstrengend, in die Fußstapfen des in der Rhein-Main-Region beinah wie ein Säulenheiliger verehrten Max Hollein zu treten?

DEMANDT: Die Alte Nationalgalerie ist in Berlin mit so vielen Institutionen verwoben, da bin ich das Agieren in sehr großen Komplexen gewöhnt. Ich habe eine große Bewunderung für das, was Max Hollein auf die Beine gestellt hat. Aber bei aller Trauer in Frankfurt hat jeder verstanden, dass Hollein nach 15 Jahren mal etwas Neues machen wollte. Ich bin da guter Dinge.

Wenn Sie nicht kunsthistorisch forschen oder Ausstellungen entwickeln – was machen Sie denn dann?

DEMANDT: Architektur, Literatur, Theater, Kino, Oper, das gehört für mich alles zusammen, das ist mein Leben. Ich habe nie verstanden, wie man sich für bildende Kunst interessieren kann, für die anderen Künste aber nicht. Und mein Beruf ist so spannend, der füllt mich doch sehr aus.

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