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Sag nicht "du" zu mir, wenn meine Frau dabei ist

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Max Raabe spielt mit Liedgut aus den späten 20er Jahren.
Max Raabe spielt mit Liedgut aus den späten 20er Jahren. © John Macdougall (dpa)

Er kann es auch ohne: Mit gewohntem Repertoire, aber ganz ohne Orchester, gastierte Max Raabe als Solist in der Alten Oper Frankfurt.

Von MAXIMILIAN STEINER

Damit konnte der ältere Herr nun wirklich nicht rechnen: „Kein Schwein ruft mich an!“, rief er lauthals im Zugabenteil in den ausverkauften Mozart-Saal der Alten Oper. Kenner des Werdegangs von Max Raabe wussten natürlich, dass es sich bei genanntem Songtitel um den Durchbruchshit von 1992 des 53 Jahre alten Baritons aus Berlin handelte. Einen Moment lag verharrte Max Raabe noch ein wenig steifer als ohnehin in kerzengerader Pose, dann entgegnete er mit dem Anflug eines Schmunzelns: „Das tut mir aufrichtig leid für Sie, mein Herr.“ Kollektives Gelächter paarte sich mit tosendem Applaus – wie so oft in den vergangenen beiden Stunden, als Max Raabe im von Christoph Israel am Klavier begleiteten Soloprogramm „Ein heißer Kuss, ein süßer Blick“ seine Kunstfigur unter reduzierten Vorzeichen präsentierte: Das Palast-Orchester ließ er diesmal zu Hause.  

Alles andere aber fand sich wie gewohnt. Adrett wie immer saßen sein makellos aufgebügelter Frack und das Stehkragenhemd samt akkurat gebundener Fliege zu glänzend polierten Lacklederschuhen. Ebenso straff wie das nach hinten gekämmte Haar waren Haltung, Gestik und Mimik. Auch ohne Orchesterbegleitung standen bei Max Raabe die Komponisten und Textdichter der ausgehenden Weimarer Republik im Mittelpunkt, jene begnadeten Künstler zumeist jüdischer Herkunft, die nach 1933 aus Nazi-Deutschland fliehen mussten: Manchem Älteren im Saal waren Max Colpet, Friedrich Hollaender, Robert Gilbert, Werner Richard Heymann, Walter Jurmann, Ralph Benatzky, Hans May, Walter Reisch oder Fritz Rotter noch geläufig.

Max Raabe kannte alle ihre Namen, ihre Schicksale und benannte gar die Jahre, in denen die mehr als zwei Dutzend Lieder, Schlager und Couplets erschienen waren. Auf populäre Gassenhauer wie den „Kleinen grünen Kaktus“ verzichtete er. Stattdessen hob er Liedgut aus der Vergangenheit, das ebenfalls über Dekaden nichts von seinem Wortwitz eingebüßt hat: In „Ich kenn’ zwei süße Schwestern“ wurde die Faszination, sich in ein Zwillingspärchen zu verlieben, unter die Lupe genommen. Schlicht, frech-süffisant das Fremdgeh-Verhältnis in „Sag nicht ,du‘ zu mir, wenn meine Frau dabei ist“. Regelrecht prekär die Zunft des Eintänzers, der in „Wir tanzen ein und sehen aus“ porträtiert wurde. Dessen Berufsbild unterscheide sich vom Gigolo insofern, so Raabe, als dass Ersterer nur, Letzterer auch tanzt. Und dann immer diese zickigen Frauenzimmer: Schon der Auftakt „Guten Abend, schöne Frau“ zeichnete davon ein bezeichnendes Bild. In „O Luise!“, vor allem aber im widersprüchlichen „Sag ich blau, sagt sie grün“ wurde ordentlich nachgelegt.

Auch Melancholisches beherrschte Max Raabe, wie er eindrucksvoll mit „Irgendwo auf der Welt“ und „Ganz hinten, wo der Leuchtturm steht“ zeigte. Skurril zweideutige Ironie flammte in „Carmen hab’ Erbarmen“, „Stroganoff“ und „Rotkäppchen“ auf. Selbstkomponiertes, wie das in Teamarbeit mit Annette Humpe entstandene „Küssen kann man nicht alleine“, passte wie nahtlos in die Parade aus Originalen. Zum Finale reichte Max Raabe das wehmütige „Lebe wohl, gute Reise“.

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