Für Wolfgang Niedecken (links) ist alles schon ?verdamp lang her?, für Sönke Reich hat alles gerade erst angefangen.
+
Für Wolfgang Niedecken (links) ist alles schon ?verdamp lang her?, für Sönke Reich hat alles gerade erst angefangen.

Wolfgang Niedecken in Frankfurt

Es ist noch immer gutgegangen

  • VonJoachim Schreiner
    schließen

Wolfgang Niedecken und seine Gruppe „BAP“ feierten mit viel Kölsch-Rock ausgiebig 40 Jahre Bandgeschichte in der Jahrhunderthalle Frankfurt.

Welch ein unheilvoller Auftakt. Vom Band läuten die Glocken des Kölner Doms, draußen tobt ein Gewitter. Eine nicht ganz freiwillige Dramaturgie, die aber bestens zum ersten Stück des langen Abends passt, „Frau, ich freu mich“, diesem Allzeit-Klassiker von „BAPs“ Album „Für usszeschnigge“.

Spielfreude sprüht

Ein Blick auf den umgestellten Bandnamen zeigt, dass das eine andere Gruppe ist als noch vor einigen Jahren. Neue Impulse bringen vor allem das Ehepaar Anne De Wolff und Ulrich Rode ein, erstere an Cello, Posaune, Vibraphone und Geige gleichermaßen versiert, und zweiterer eine Bank an den Gitarren und ein immenses Kraftzentrum, das dem „BAP“-Klangbild die charakteristische Bissigkeit verleiht. Und dann ist da noch ein junger neuer Schlagzeuger mit auf der Bühne: Sönke Reich war noch nicht mal geboren, als die Band gegründet wurde.

Im Zentrum der Bühne, stets präsent und in den Moderationen locker-leger, der 65-jährige Wolfgang Niedecken, der seine Band schon durch so manche Brandung manövriert hat und heute natürlich auf ein reich bestücktes Repertoire zurückgreifen kann, zudem Songs hervorholt, die im Arrangment immer wieder mal umgebaut werden und die Fantasie jedes einzelnen Musikers erfordern.

Bassist Werner Kopal und Michael Nass an den Tasteninstrumenten sind da ebenso eingebunden wie die anderen. „BAP“ ist also eine basisdemokratische Musikorganisation, die vor Energie und Spielfreude noch immer strotzt. „Ne schöne Jrooß“ ist ein Gitarren-Kracher, ein unverwüstlicher Höhepunkt der frühen „BAP“-Karriere, zu finden auf dem zweiten Album „Affjetaut“. Es sei die Tour mit „den beliebtesten Liedern“, sagt Niedecken über die neue Rundreise, und die bietet einen Querschnitt aus fast allen „BAP“-Platten. „Nix wie bessher“, das lange nicht mehr gespielte „Fortsetzung folgt“, „Für ’ne Moment“ und das für Niedecken prophetische „Jupp“ sind Highlights des Abends, während „Aff un zo“ ganz entspannt als Slow-Reggae daherkommt.

Natürlich wird klanglich auch Werbung für das neue Album „Lebenslänglich“ gemacht; Stücke wie „Alles relativ“, „Ballade vom Vollkasko-Desperado“, „Absurdistan“ und „Vision vun Europa“ sind vom Textinhalt her politisch und hoch brisant. Es war ja schon immer das Talent des Texters Niedecken, den Finger so in die Wunde zu legen, dass es den Mächtigen ruhig auch ein wenig wehtut – sofern sie kölsche Mundart verstehen. Bevor das Sextett konzertant auf die Zielgerade einbiegt, erklingen unplugged die schöne Ballade „Jraaduss“, das zärtliche „Paar Daach fröher“, eine bewegende Version von „Alles em Lot“, und das immer noch liebreizende „Do kanns zaubre“.

Zeit vergeht

Mit den textlich immer noch aktuellen „Kristallnaach“ und „Arsch huh, Zäng ussenander“ wird wieder gerockt, und eine achtminütige Version des „BAP“-Hits schlechthin, „Verdamp lang her“, schließt vorerst das Konzert unter Standing Ovations des Frankfurter Publikums.

Mit dem schwer rockenden „Alexandra, nit nur do“ als Zugabe hat das Konzert längst den Charakter einer Party angenommen. Niedecken bündelt noch mal alle Energien und fabuliert singend von der „Unendlichkeit“, die ihn anscheinend mit fortschreitendem Alter beschäftigt. Doch wie das Amen das Ende eines Gottesdiensts bedeutet, so beschließt „Et letzte Leed“ den fulminanten Auftritt nach fast 30 Stücken.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare