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„Noch nerve ich nicht“

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Zur Fußball-Europameisterschaft 2016 gibt es eine Reihe von Songs. Mark Forsters „Wir sind groß“ fürs ZDF gehört dazu – live zu hören bei Auftritten in Gießen und Mainz.

Von STEFFEN RÜTH

André Vallini ist sauer. „Die Europameisterschaft ist eine großartige Chance, mit unserem Image und unserer Sprache im Ausland zu glänzen“, so der dem Außenminister unterstellte Staatssekretär für Frankophonie. „Und dann das.“ Der offizielle EM-Song des Gastgeberlandes stammt von einer Gruppe namens „Skip The Use“, bietet im Video immerhin einige Nationalspieler wie Paul Pogba – und ist eine Coverversion des Gassenhauers von „Kiss“. Der Refrain wurde lediglich von „I was made for loving you, Baby“ umgewandelt in „I was made for lovin’ you, my Team“, was es nur bedingt besser macht. Denn die Krux ist: Frankreich singt auf Englisch. „Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen“, mosert Monsieur Vallini reichlich undiplomatisch.

Mit solchen Problemen müssen sich die offiziellen Beiträge der deutschen TV-Anstalten (einen offiziellen DFB-Song gibt es dieses Mal übrigens nicht) nicht herumschlagen. Wohl aber mit anderen. Die ARD hat eine generationsübergreifende Paarung aufgestellt, über die Axel Bakausky, der Sportkoordinator des Senders, stolz verkündet: „Das ist so, als ob Mesut und Günther in einer Mannschaft spielen würden. Mehr geht nicht.“ Will man sich das vorstellen? Den Part von Özil jedenfalls übernimmt in diesem Vergleich der 21-jährige Jungstar-DJ Felix Jaehn, der schon mit „Cheerleader“ und „Ain’t Nobody“ bewiesen hat, wie man sehr erfolgreiche, belanglose Beatmusik machen kann, den Netzer gibt der Großturnier-song-erfahrene Herbert Grönemeyer (60), der zur WM 2006 mit „Zeit, dass sich was dreht“ aber schon zeigte, dass er es (ein bisschen) besser kann.

Lahm ins

Nirgendwo

„Jeder für jeden“ heißt die Nummer, der konsequent alles fehlt, was einen guten EM-Song ausmacht: Man kann es sich schwer merken, geschweige denn mitsingen, nicht einmal im nüchternen Zustand. „Jeder für jeden“ marschiert vier Minuten lang konsequent und für eine vermeintliche Hymne wirklich lahm ins Nirgendwo. Der Text ist ein typischer Grönemeyer („Wir sind fest im Jetzt“), der zweite Teil des langen Refrains lautet „Im Ball der Gefühle/ Als Teil der Sinfonie/ Alle Gedanken geben auf/ Ein Wurf, Dein Team“. Die spontane Mutmaßung, das Liedchen könnte bei der Handball-EM neulich aus Versehen liegengeblieben sein, und als sie es wiederfanden, haben sie vergessen, „Wurf“ in „Schuss“ zu ändern, wollten sie bei der ARD nicht bestätigen. Kann aber gar nicht anders sein.

Auch der offizielle ZDF-Song hat etwas mit Felix Jaehn zu tun, wenngleich glücklicherweise nur indirekt. Gesungen wird „Wir sind groß“ von Mark Forster, und der hatte letztens mit Jaehn eine gemeinsame Nummer eins, „Stimme“ hieß der Song. „Wir sind groß“ ist im Ganzen nicht unschmissig, die Gröl-Kompatibilität ist der eingängigen, melodischen Nummer nicht vollständig abzusprechen, nur: Hier hat man sich sehr eng, sehr, sehr eng an Andreas Bourani und seiner WM-Uptempo-Schnulze „Auf uns“ orientiert. Die Aussage beider Songs ist so gut wie identisch (Freundschaft! Zusammenhalt! Alle für einen und so weiter!), auch die Typen sind irgendwie ähnlich und dazu noch gut befreundet.

Zusammengerührte Melodie

„Das ZDF meint, ,Wir sind groß‘ passt sehr gut, um damit die Bilder einer Europameisterschaft zu unterlegen“, sagt Forster (32), und das stimmt ja auch. Man gönnt dem Grundsympathen aus dem pfälzischen Winnenden, der es als Fan des 1. FC Kaiserslautern ja nun auch nicht leicht hat, außerdem seinen Spaß. „Der Traum meines 14-jährigen Ichs ist wahrgeworden“, freut sich Mark, der für den Sender als Außenreporter und gelegentlicher Studiogast im Einsatz sein wird. „Das ist einer der drei Höhepunkte meines Lebens“, beteuert Forster und gibt sich dennoch selbstkritisch: „Vielleicht sind mich die Leute bald ja auch total leid. Im Augenblick nerve ich zum Glück noch nicht so sehr.“ Sein neues Album „Tape“ mit dem EM-Song „Wir sind groß“ erscheint an diesem Freitag. Live-Auftritte von Mark Forster sind für den 8. Juli in Gießen und einen Tag später in der Mainzer Zitadelle geplant.

Wenig bis keine Ahnung vom Fußball hat David Guetta. „Am Ball biete ich ein Bild des Jammers“, sagt der 48 Jahre alte DJ-Weltstar aus Paris, der den alleroffiziellsten „UEFA Euro 2016 Song“ aufgenommen hat. Warum nur? „Weil das Turnier nun mal in Frankreich stattfindet und nicht so viele französische Künstler so international aufgestellt sind wie ich“, glaubt Guetta. Womöglich. So halbherzig wie sein Statement klingt denn auch die Nummer. „This One’s For You“ wird gesungen von der Schwedin Zara Larsson und vermag mit textlichen Plattitüden („We’re born to fly“) und einer aus Instant-Hymnen-Pulver zusammengerührten Melodie keinen Glanzpunkt zu setzen.

Gibt es denn echt gar nichts Gescheites? So einen Ohrwurm, wie „Força“ von Nelly Furtado bei der EM 2004 einer war. Vom Allzeit-Klassiker „Football’s Coming Home“, von den „Lightning Seeds“ zum Turnier 1996 herausgebracht, ganz zu schweigen. Die Suche ist zäh.

Man stolpert über Dschungelcamp-Absolventin Melanie Müller und ihr dümmliches „Ab nach Frankreich“, langweilt sich beim Hauptsponsor-Song „Taste The Feeling“ von „Avicii“ und Conrad Sewell und wundert sich über Österreichs Paarung zwischen der Band „Heinz“ aus Wien und dem feierfreudigen Ex-Profi Toni Polster („Das neue Wunderteam“ heißt das Lied). Auch der prominenteste Beitrag aus der Schweiz, eine Zusammenarbeit des französischen Young-Boys-Bern-Stürmers Guillaume Hoarau mit der Reggae-Band „Open Season“, taugt eher zum Stirnrunzeln.

Ein klarer Favorit schält sich jedoch heraus, zumindest, was die Musik angeht: Das kleine, störrische Wales hat sogar zwei Songs im Aufgebot, die man sich gut anhören kann. „Bing Bong“ von den „Super Furry Animals“ ist eine Elektrohymne, die noch aus dem Jahr 2004 stammt, als Wales die Qualifikation verpasste. Und die walisischen Volksrocker „Manic Street Preachers“ lassen im Video zu ihrem „Together Stronger (C’mon Wales)“ auch gleich noch die – rar gesäten – Höhepunkte der walisischen Fußballgeschichte Revue passieren.

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