Noel Gallagher, einst bei der Kultband ?Oasis?, jetzt im Wiesbadener Schlachthof.
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Noel Gallagher, einst bei der Kultband ?Oasis?, jetzt im Wiesbadener Schlachthof.

Popkonzert

Noel Gallagher und seine "High Flying Birds" flatterten durch den Schlachthof Wiesbaden

Der Auftritt der Briten kündete davon, ein Ex-„Oasis“-Musiker zu sein, der seinem erinnerungsstarken Publikum nicht entkommt.

Es gibt Menschen, die können mit der Vergangenheit nicht abschließen. Im randvollen Wiesbadener Schlachthof krakeelen seit dem Konzertbeginn von „Noel Gallagher’s High Flying Birds“ in jeder Songpause Unermüdliche „O-A-SIS“. Ob das die von der Insel angereisten berüchtigten englischen Fans sind?

Trennungstrauma

Über die schnöde Trennung von Noel Gallaghers Ex-Band kamen die harten Verehrer auch hierzulande nie hinweg. Gefangen im „Oasis“-Trauma befindet sich da eine zwischen Retrokultur und Wohlstandsmacken lebende Generation, die den Autoren Florian Illies und Benjamin von Stuckrad-Barre die Seiten ihrer Bestsellerbücher füllte. Sieben Songs lang steht das Gebrüll ohne Reaktion im Raum, dann spricht der Partriach doch noch ein Machtwort und knurrt „Shut Up“ ins Mikrofon. Schließlich möchte der 50-jährige Brite nicht auf ewig daran erinnert werden, dass er sich mit seinem fünf Jahr jüngeren Bruder Liam 2009 derart in die Wolle geriet, dass ihre Erfolgsband über die Klinge springen musste. Mehr noch. Einige Songs später setzt der alte Grantler zu weiteren „Shut Ups“ noch ein Wiesbaden-Bashing hinterher: „Wie könnt ihr in eurer Stadt nur ohne Geschäfte überleben?“ Noel-Folklore at its best.

Dass Mr. Gallagher Zugeständnisse machen muss, um die Fans zu halten, erklärt sich von selbst. Was würde wohl passieren, wenn ruchbar würde, dass kein einziger „Oasis“-Song auf dem Plan stünde? Momentan tummeln sich sechs „Oasis“-Cover im Repertoire. Den um einen ganzen Zacken schneller gespielten Überhymnen „Wonderwall“ und „Don’t Look Back In Anger“ haftet allerdings Fahrigkeit an. Mehr Mühe geben sich Gallagher und seine ausgezeichneten Musikanten bei den Klassikern „Little By Little“, „Go Let It Out“ und „The Importance Of Being Idle“. Mit „Half The World Away“ findet sich gar eine Rarität.

Auf Gastspielreise befindet sich die Truppe derzeit mit dem dritten Album „Who Built The Moon?“. Der Auftaktsong „Fort Knox“, Rave-Reminiszenz, Sixties Beat und Pop-Psychedelik in einem, leidet unter anfänglich schroffem Klangbild. Schon hier fällt das Damentrio aus Jessica Greenfield (Keyboards, Gesang), Charlotte Marionneau (Perkussion, Flöte, Gesang) sowie der stimmgewaltigen Vokalistin YSEÉ alias Audrey Gbaguidi äußerst angenehm auf. Nicht minder virtuos schlagen sich Sologitarrist Gem Archer, Keyboarder Mike Rowe sowie die Rhythmussektion aus Russell Pritchard (Bass) und Chris Sharrock (Schlagzeug). Nicht zu vergessen das famose Blechbläser-Trio an Trompete, Posaune und Saxofon mit Tendenz zu Soul und Jazz.

Kaugummi-Pop

Schon bei „Holy Mountain“, eine irrwitzige Bubblegum-Pop-Hommage an „The Equals“ und Plastic Bertrand, lichten sich die Nebel klanglicher Unpässlichkeit. „Keep On Reaching“ zündet im eiligen Boogie-Rhythmus, „It’s A Beautiful World“ schillert in satten Psychedelik-Purpurtönen. Danach gönnt sich Gallagher diverse Rückblicke auf die beiden Vorgängeralben: „Riverman“, „In The Heat Of The Moment“ oder „Ballad Of The Mighty I“ leisten mit den gleichen Bestandteilen Überzeugungsarbeit, wie sie auch „Oasis“-Klassiker besitzen: Durchweg melodiös kernig zielen sie auf Britpop-Breitwand-Epos. Alle, wirklich alle, stimmen ein in eine grandios authentische Coverversion der „Beatles“-Flower-Power-Hymne „All You Need Is Love“.

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