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Breakdance trifft Ballett: Szene aus ?Nutcracker reloaded?.

Tschaikowsky-Ballett

Nussknacker mit Müllprothesen

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„Nutcracker reloaded“ verknüpft klassisches Bewegungsrepertoire mit Streetdance. Das schrille Familienevent gastiert in der Frankfurter Jahrhunderthalle.

Raus aus der Zuckerwelt, hinein in die bittere Realität – das ist der Weg, auf den Fredrik Rydman die berühmten Tschaikowsky-Ballette führt. 2011 feierte der schwedische Choreograf mit seiner ins Rotlicht-Milieu verlegten „Schwanensee“-Version europaweit Erfolge, vor zwei Jahren nahm sich der auch im Fernsehen engagierte Künstler dann den „Nussknacker“ vor.

Der Magie der Musik vermochte sich der heute 43-Jährige nicht zu entziehen. „Sie ist fröhlich, zugänglich“, sagt Rydman. „Tschaikowsky gibt dir immer ein gutes Gefühl.“ Doch der auf einer Erzählung von E. T. A. Hoffmann basierenden Story konnte der Pausenfüller des Eurovision Song Contest in Schweden nichts abgewinnen. „Sie ist wirklich schlecht“, urteilt er hart. Denn nachdem der Nussknacker-Prinz die träumende Clara in das Reich der Süßigkeiten entführt habe, passiere kaum mehr etwas. „Das gab mir Freiheit, denn ich musste nicht viel bewahren.“

Das, was der Mitgründer der Streetdance Company „Bounce“ aus den Grundelementen des Originals zusammenbastelte, bewegt sich in der Moderne. In Schweden, so weiß der aus der Nähe von Stockholm stammende Familienvater zu berichten, prägten mittlerweile auch Bettler, überwiegend Roma, das Straßenbild. Im Radio hatte Rydman von einem gehört, der beglückt war von einem Teddybären, den er seiner Tochter in Rumänien schicken wollte. Der Reporter überbrachte das Geschenk und fand das Mädchen auf einer Müllkippe.

Clara war geboren. Doch nicht das verliebte, verzärtelte Kind der Vorlage, sondern eine junge, starke Frau, die anpackt und sich zu wehren weiß. Als der Nussknacker, der das Stofftier ersetzt, im Streit auseinandergerissen wird, bastelt sie dem Zerstörten aus Abfall neue Beine. Und Drosselbart, der sich vom unheimlichen Onkel und Uhrmacher zum rücksichtslosen Organhändler gewandelt und es zwecks Bereicherung auf Claras Herz abgesehen hat, tritt sie keineswegs hilflos entgegen.

Es ist eine düstere, sogar brutale Geschichte, die der auch beim in diesem Monat erscheinenden Musical „Fack Ju Göthe“ in Verantwortung stehende Rydman entwickelt hat. Aber sie enthält ebenso heitere Elemente. Wie unter dem von Hoffmann kreierten Weihnachtsbaum tummeln sich hier allerlei Geschenke. Doch sind es keine mechanischen Puppen und Soldaten, sondern zeitgemäße Objekte kindlicher Sehnsüchte wie Star-Wars-Bösewicht Darth Vader oder Videospielstar Super Mario. Es wird gewandt mit Laserschwertern gekämpft und manch auf den ersten Blick gar nicht so athletisch wirkender Körper zu den die klassischen Klänge verfremdenden Hip-Hop- und Elektro-Rhythmen gummiartig verbogen.

Rydman schwebte vor, mit seinem „Nutcracker reloaded“ ein Familienevent zu kreieren, entsprechend fügte er die clubartig beleuchtete, comichafte Action mit ernsten Problemen zusammen. Zudem will er denen die Angst nehmen, die fürchten, Tanz nicht zu verstehen. „Also brauchte ich einen Übersetzer“, erklärt er. So schuf er einen Erzähler, der unterhaltsam und witzig durch den Abend führen soll, sich aber dabei immer mehr in das Ensemble integriert und die Grenzen zwischen Claras Schicksal und der Arbeit einer Tanzkompanie verschwimmen lässt.

Erweist sich die Sprache als kaum nötig, da der Gang der Dinge auch so einsichtig ist, steht der Kommentator doch ebenso für die Kernthemen, die Rydman gewählt hat. Einsamkeit und die Suche nach Nähe ist es, die die Randfigur zum Protagonisten werden lässt und ihn mit Clara verbindet. Die junge Frau wiederum leidet genauso unter der Trennung von ihren Eltern wie der Nussknacker unter dem Verlust seiner unteren Extremitäten.

Wie er mit den Ersatzbeinen zurechtkommt, ist erstaunlich. Übt sich Darsteller Marcus Nyström gewollt staksig in klassischen Posen an der obligatorischen Ballettstange, laviert er im freien Raum äußerst geschickt mit den Prothesen. Der 22-Jährige vereinigt in sich damit nicht nur für die unterschiedlichen Tanzstile, die Begegnung des Balletts mit dem Breakdance, sondern gibt auch einen Einblick in seine eigene Entwicklung. Denn anders als für eine erste Fassung des „Nutcrackers“ wurde in Nyström jetzt ein Tänzer engagiert, der nicht geschult war in Pliés und Fouettés, sondern für die Rolle den Step dorthin aus dem Popping und Locking heraus erst wagen musste. Ein Schritt in die Vergangenheit.

The Nutcracker reloaded

Jahrhunderthalle, Frankfurt.

30. Januar bis 4. Februar.

Karten zu 40,90 bis 69,90 Euro unter

Hotline (0 18 06) 57 00 70.

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