Kultur

„Oedipus Rex“ und „Iolanta“, zwei Antihelden im Frankfurter Opernhaus

Zwei Antihelden, die nicht sehen können oder wollen. Ihr steiniger Weg führt ins Ungewisse. Mit Tschaikowskys „Iolanta“ und Strawinskys „Oedipus Rex“ zeigt die Oper einen Doppelabend von Format.

Verschließt der Mensch die Augen, wenn Gefahr droht? Oder stellt er sich den Herausforderungen des Lebens? Die Oper Frankfurt hat dazu in einem Doppelabend Antworten auf Lager, die inhaltlich nach schwerer Kost klingen. Da ist zum einen die bedauernswerte „Iolanta“ von Peter Tschaikowsky und zum andern der tragische „Oedipus Rex“ (nach Sophokles) von Igor Strawinsky.

Dass die Kurzopern zweier unterschiedlicher Epochen in Frankfurt nicht so harmonisch zusammenfinden wie etwa ein Duo aus dem melodienträchtigen Verismo, wird an der Abfolge der Werke deutlich. Ursprünglich wollten Regisseurin Lydia Steier und Generalmusikdirektor Sebastian Weigle mit dem Romantiker beginnen, um dann den Impressionisten mit seiner weiter greifenden Tonsprache andocken zu lassen. Musikalisch wäre das schlüssig gewesen.

Da jedoch der Star des Abends, Sopranistin Asmik Grigorian, Tschaikowsky zu Glanz verhilft, änderten die Verantwortlichen in letzter Minute die Abfolge. Die Premiere zeigt zunächst einen stringenten Strawinsky, ehe nach der Pause der emotionale Tschaikowsky für Furor sorgt.

In beiden Stücken geht es um das Nichtsehenkönnen – einmal im realen und einmal im übertragenen Sinn. Natürlich gelingt es den Antihelden nicht, ihrem Schicksal zu entrinnen. Weder bleibt der Königstochter Iolanta die Erkenntnis über ihre Blindheit erspart, noch kann König Ödipus es verhindern, den eigenen Vater zu ermorden und die Mutter zu heiraten.

Iolanta wird von ihrem Vater in einem goldenen Käfig gehalten und vom Hofstaat verhätschelt. Als der verliebte Graf Vaudémont die junge Frau mit der Realität konfrontiert, findet Iolanta die Kraft, sich einer Therapie zu unterziehen, die ihr das Sehvermögen wiedergibt. König Ödipus hingegen verschließt die Augen vor den Tatsachen. Als die Wahrheit endlich ans Licht kommt, begeht seine Mutter Selbstmord. Der verzweifelte Ödipus sticht sich die Augen aus.

Der Rhythmus ist Strawinskys größter Verbündeter. Mit archaischem Gegurgel, pulsierenden Stereotypen, lateinischem Gesang und kleinen Jazz-Einsprengseln hält er die Spannung hoch. Die formale Trennung von Arien, Duetten und Chören sticht daraus wie ein Anachronismus hervor.

Regisseurin Steier stellt dazu ein Parlament auf ihr Bühnen-Theben, das nach Weimarer Republik riecht. Die Politiker – Stahlhelm tragende Militärs, das verärgerte Bürgertum und ein Alt-Hippie – mutieren zu einer grauen rechten Masse (Kostüme: Alfred Mayerhofer). Videosequenzen mit deutschem Text nehmen den Zuschauer inhaltlich an die Hand. Wenn Königin Jokaste (prächtig: Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner) im roten Abendkleid eitel und hochschwanger – Sohn Ödipus zeugte mit ihr vier Kinder – die Bühne betritt, kommt auch der Humor nicht zu kurz, selbst wenn er gallig wirkt.

Den Auftritt der Königin präsentiert Steier gleich zweimal hintereinander. Ödipus (stimmlich etwas zu klein: Tenor Peter Marsh) ahnt nur, dass Unheil im Verzug sein muss. Die Drehbühne blendet am Schluss den Männerchor der rumorenden Parlamentarier aus und zeigt die tote Königin am Galgen. Ödipus bleibt verstümmelt zurück.

In „Iolanta“ beklatscht das Publikum zunächst das Bühnenbild von Barbara Ehnes. Sie hat ein rosa Kinderzimmer mit zwei überdimensionalen Puppenwänden in den ersten Stock gezaubert. Die Untertanen sitzen im Parterre und fertigen immer neue Puppen an. Steier jubelt diesem König (impulsiv: Bass Robert Pomakov), der seine Tochter von der Welt abschirmt, ein Inzest-Verbrechen unter. Während die Ritter Robert (stark: Bariton Gary Griffiths) und Vaudémont (in den Höhen beeindruckend: Tenor AJ Glueckert) die Liebe besingen, macht sich der Vater über das schlafende Mädchen her. Im Finale, wenn Iolanta von ihrer Blindheit geheilt ist, wendet sie sich vom König ab. Dass die Regisseurin mit dem gut disponierten Bass Andreas Bauer in beiden Opern eine Schlüsselposition besetzt, den die Wahrheit sagenden Seher Teiresias (Strawinsky) und den heilenden Arzt Ibn-Hakia (Tschaikowsky), zeugt von dramaturgischem Weitblick.

Die musikalische Leitung liegt in den bewährten Händen von Dirigent Weigle. Er fordert das Frankfurter Opern- und Museumsorchester immer wieder neu. Im Strawinsky arbeitet Weigle das Kleinteilige sauber heraus, ohne laut zu werden, während er in Tschaikowskys letzter Oper die Musiker durch die Partitur schwelgen lässt. Der Chor klingt gewohnt erhaben. Sopranistin Asmik Grigorian als Iolanta wird gefeiert. Die Litauerin spielt intensiv und singt mit Ausdruck und enormer Klangschönheit. Sie allein ist bereits den Besuch des gelungenen Doppelabends wert.

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