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"Ohne Sprache geht nichts"

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Elternhäuser und Grundschulen sieht der Schriftsteller als wichtigste Orte der Leseförderung an. Sie ist die Grundvoraussetzung für jegliche spätere Bildung.

Er ist einer der bekanntesten und beliebtesten Kinderbuchautoren in Deutschland: Paul Maar. Er hat sich nicht nur Herrn Taschenbier, Frau Rotkohl und das Sams ausgedacht, sondern auch viele andere Figuren und Geschichten, die junge Leser und Zuhörer bereits seit Jahrzehnten begeistern. Maar setzt sich mit verschiedenen Unternehmungen auch für die Eingliederung von Zuwanderern und Flüchtlingen ein. Ein zentraler Punkt für ihn ist dabei die Sprache. Ohne sie gehe nichts, sagt der 78-Jährige im Gespräch mit Daniel Staffen-Quandt.

Herr Maar, das Lesen hat in Ihrer Familie doch sicherlich einen hohen Stellenwert?

PAUL MAAR: Ja, aber ob das unbedingt an meinem Beruf liegt, das weiß ich nicht. Meine Kinder haben auf jeden Fall immer mitbekommen, wie und an was ich arbeite. Wir haben oft schon am Frühstückstisch darüber diskutiert, wenn ich zum Beispiel mal nicht wusste, wie eine Geschichte weitergehen oder aus welcher Perspektive ich sie erzählen soll. Diese Erfahrung, dass Literatur auch eine Art Handwerk ist, hat sicher mit dazu geführt, dass zwei unserer Kinder auch Schriftsteller wurden. Sobald ich ein neues Buch veröffentliche, bekommen auch alle unsere Kinder und Enkelkinder gleich ein Exemplar.

Lesen die Kinder in Deutschland Ihrer Meinung nach noch genug? Es gibt ja Menschen, die meinen, dem sei nicht so.

MAAR: Ich denke das mittlerweile auch, leider. Die Schere klafft immer weiter auseinander. Wenn ich vor rund 20 Jahren in eine Schulklasse zum Vorlesen gegangen bin, gab es immer vier bis sechs Kinder, zumeist Mädchen, die wirklich viel und gerne gelesen haben. Der Rest hat sich „Asterix“-Comics angeguckt, gelegentlich auch ein Buch. Diese vier bis sechs haben sich montags in der Schulbücherei ein Buch ausgeliehen – und am Mittwoch waren sie schon fertig damit. Heute gibt es in manchen Klassen vielleicht noch drei Kinder, die viel lesen – dann aber drei Bücher in drei Tagen, während der Rest der Klasse mit Büchern kaum etwas anfangen kann.

Drei Bücher in drei Tagen? Das hat aber auch nicht mehr viel mit intensivem Lesen zu tun, das funktioniert doch nur oberflächlich.

MAAR: Das habe ich auch lange gedacht. Inzwischen bin ich anderer Meinung. Die Kinder, die heute noch lesen, lesen leidenschaftlich gerne und ungeheuer schnell. Meine Enkelin Antonia hat mich überzeugt. Als sie an nicht mal einem Nachmittag ein neues Buch von mir durchgelesen hatte, wollte ich ihr das erst nicht glauben. Also habe ich ihr Testfragen gestellt, auch zu kleinen Details. Sie wusste alles. Diese lesehungrigen Kinder haben eine eigene Lesetechnik, die ich nicht beherrsche, aber sie lesen die Bücher wirklich. Leider sind diese Kinder klar in der Minderheit.

In den 90er Jahren haben sicherlich auch noch Viertklässler „Sams“-Bücher gelesen. Wie ist das heute?

MAAR: Anders. Wenn ich früher in eine vierte Klasse gekommen bin und erzählt habe, dass ich ein neues „Sams“-Buch geschrieben habe, sollte ich immer sofort daraus vorlesen. Heute würde ich vor allem von der Mehrheit der Mädchen, die dann teils schon leicht geschminkt in den Tischreihen sitzen, ziemlich verwundert angeguckt. „Das ist aber doch ein Kinderbuch“, wäre wohl noch das Netteste, was sie sagen würden. Das Leseverhalten der Kinder geht sozusagen auch mit der Zeit.

Nur im Hinblick auf die vermeintlich kindlichen Themen, oder auch was Länge und Komplexität der Texte angeht?

MAAR: Nein, leider auch, was die Länge und Komplexität angeht. Ich höre in zweiten Klassen beispielsweise oft, dass die Kinder begeistert sind, wenn die Lehrerin oder der Lehrer aus den „Sams“-Büchern etwas vorlesen. Und wenn man dann fragt, ob auch jemand selbst schon mal ein „Sams“-Buch gelesen hat, kommt oft: „Nö, das ist so eng geschrieben, und farbige Bilder sind auch keine drin.“ Das ist sehr schade. Deswegen erzähle ich meine „Sams“-Geschichten jetzt für Erstleser-Geschichten nach. Die Sätze werden kürzer und auch einfacher, die Zeilenabstände größer, und es gibt farbige Bilder.

Schmerzt Sie als Kinderbuchautor diese Entwicklung nicht?

MAAR: Ja, klar. Aber was soll ich machen? Ich schreibe ja für Kinder. Aber wenn den Kindern das Lesen zu Hause nicht mehr wirklich vorgelebt wird, muss man sich darüber nicht wundern.

Wie führt man Kinder überhaupt richtig an das Kulturgut Buch heran: Durch vorlesen, vorlesen, vorlesen? Oder indem man als Erwachsener liest und Vorbild wird?

MAAR: Es ist eine Mischung aus beidem. Ich war mal in einer Grundschule zu Gast, da gab es zwei dritte Klassen. In der einen waren die Kinder ganz aufgeregt, dass ein Autor zu ihnen kommt. Die haben erzählt, was die Lehrerin alles vorliest, was sie alles lesen, die Lehrerin hat erzählt, was sie liest. Die Parallelklasse war das krasse Gegenteil. Keiner hatte wirklich Spaß am Lesen oder Lust dazu. Im Nachgespräch mit dem Lehrer stellte sich dann heraus: Er liest auch zu Hause nichts. Dafür habe er ja keine Zeit. Da merkt man die Funktion des Vorbilds: Die Lehrerin erzählt ihrer Klasse begeistert vom Lesen, die Unlust des Lehrers überträgt sich hingegen unbewusst auf die Kinder.

Aber Sie haben ja zu lesen begonnen, obwohl sie zu Hause keine Kinderbücher hatten und Ihr Vater Lesen als Zeitverschwendung sah.

MAAR: Ja, das stimmt schon. Aber ich denke nicht, dass das der normale Gang der Dinge ist. Kinder orientieren sich an Vorbildern, an Lehrern und an Eltern. Und wenn die den Kindern kein positives Gefühl zum Vorlesen und Lesen vermitteln, dann wird daraus meistens nichts. Schön ist auch, wenn Eltern nicht nur vorlesen, sondern auch Geschichten erzählen. In dieser Zeit widmen sich die Eltern mal ganz dem Kind.

Die Buchverlage haben vor einigen Jahren große Hoffnung in E-Books für Kinder gesetzt. Ist das die Lösung? Der Markt stagniert.

MAAR: Mich wundert das nicht. Ich glaube an das gedruckte Buch, das man abends mit ins Bett nimmt, das beim Umblättern knistert, das nach Buch riecht. E-Books sind sicher für manche eine tolle Sache, wenn sie viel lesen und unterwegs sind. Das Elektronische wirkt für mich etwas kühl, nicht emotional – aber genau das müssen Bücher für mich sein.

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