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Nach einer versehentlich falschen Bekanntgabe des besten Films zeigt Jordan Horowitz (links), Produzent des Films ?La La Land?, während der Verleihung der Oscars 2017 neben Moderator Warren Beatty (rechts) den Umschlag mit dem wirklichen Gewinner ?Moonlight?.

Filmpreise

Oscar-Verleihung: Sind die besten Jahre vorbei?

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Bei der 90. Oscar-Verleihung winkt Hollywood-Ruhm – und das große Geld. Doch die große Party ist in die Jahre gekommen und leidet unter ihrem Sendungsbewusstsein.

Im letzten Jahr schrieben Faye Dunaway und Warren Beatty Geschichte, als sie bei der Oscar-Verleihung den falschen Sieger in der Kategorie „bester Film“ verkündeten. Unfreiwillig komischer Höhepunkt einer Gala, die mittlerweile so aufregend geworden ist wie ein Fußballspiel ohne Tore.

Frustrierte Zuschauer wenden sich ab, die Quoten sinken stetig. Die Alterserscheinungen des Oscars, der am 4. März zum neunzigsten Mal vergeben wird, sind nicht zu übersehen. Dem dreieinhalbstündigen Preis-Marathon fehlt es an Schwung. Zu viele Kategorien, zu langatmige Danksagungen an die Eltern, den Ehemann, die Geliebte und das Haustier.

Die erste Verleihung der „Academy Awards“, so der offizielle Name, ging am 16. Mai 1929 in einer schlappen Viertelstunde über die Bühne – allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Hollywood Roosevelt Hotel.

Der Hauptgrund für die anhaltende Tristesse ist hingegen nicht die immense Laufzeit, sondern die Auswahl der nominierten Filme. In den vergangenen Jahren neigt die Oscar-Akademie dazu Streifen auszuzeichnen, die bis zum Zeitpunkt der Zeremonie niemand gesehen hat, ausgenommen Kritiker und Cineasten. „Birdman“, „Spotlight“ oder „Moonlight“ mögen künstlerisch wertvoll gewesen sein – Publikumslieblinge waren sie nicht.

Der Trend setzt sich in dieser Saison fort mit Werken wie „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“, „The Shape of Water“ und „Call Me by Your Name“, die unter dem Radar des durchschnittlichen Kinogängers liegen. Wieso sollte er voller Spannung eine Show verfolgen, deren Kandidaten ihm herzlich wenig bedeuten?

Ganz anders vor zwanzig Jahren: An seinem 70. Geburtstag feierte der Oscar seine höchste Einschaltquote. Es war die Nacht, in der „Titanic“ elf Trophäen abräumte, ein Kassenschlager, dessen Triumphzug Millionen Fans vor den Fernseher lockte. Dem Beispiel folgend hätten in diesem Jahr „Star Wars“ und „Wonder Woman“ zu den Nominierten zählen müssen. Doch Beiträge aus dem Bereich der Popkultur werden meist übergangen. Schlicht und einfach deshalb, weil sie kein Lametta brauchen, um erfolgreich zu sein. Es ist das Kunstkino, das den Abglanz des Goldjungen nötig hat. Eine Auszeichnung als bester Film sorgt für einen Popularitätsschub in allen Medien, was wiederum die Neugier des Publikums anregt.

„Slumdog Millionär“, Gewinner des Jahres 2008, verzeichnete anschließend ein Umsatzplus von 43 Millionen Dollar. Inzwischen basieren sechzig Prozent aller Einnahmen eines Siegerfilms aus Ticketverkäufen, die nach der Verleihung getätigt werden. Die Oscars haben sich zu einer Subventionsveranstaltung für Produktionen gewandelt, die ihre Kosten nicht aus eigener Kraft einspielen können.

„Darum ist auch die Anzahl der Nominierten erhöht worden“, erklärt Produzentin Elizabeth Yoffe. „Je mehr Titel im Rennen sind, desto größer ist die Chance für die Studios, hinterher an Geld zu kommen.“ Regie-Veteran William Friedkin („Der Exorzist“), der die Fernsehausstrahlung in früheren Zeiten produzierte, schimpft über den „gigantischsten Werbetrick, der jemals von einer Industrie erfunden worden ist“.“

Besonders die Tätigkeit der sogenannten „Oscar Consultants“ stößt sauer auf. „Das sind hoch bezahlte PR-Strategen, die Lobby-Arbeit im Sinne ihrer Auftraggeber leisten und die Meinung der Akademie beeinflussen“, weiß Hollywood-Reporterin Gayl Murphy. Von Geschenkkörben bis zur Privatvorstellungen in Anwesenheit der Stars wird jedes Register gezogen, um die Stimmen der sechstausend wahlberechtigten Mitglieder der „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“ zu gewinnen.

Selbst vor unsauberen Methoden schrecken die Publicity-Spezialisten nicht zurück und schwärzen schon mal die Konkurrenz gegenüber der Presse an. So wurde in den amerikanischen Medien just vor der Vergabe im Jahr 2013 eine Diskussion über den nominierten Thriller „Zero Dark Thirty“ losgetreten, der angeblich die Folterung inhaftierter Terroristen verherrliche. Das Ergebnis war, dass Regisseurin Kathryn Bigelow leer ausging. Der Preis ging stattdessen an Ang Lee für „Schiffbruch mit Tiger“.

Von den kostspieligen Image-Kampagnen profitieren aber nicht alleine die Macher hinter den Kulissen. Auch Schauspieler können sich eine goldene Nase verdienen, wenn eine der begehrten Statuen bei ihnen steht. „Jeder verdient dadurch mehr Geld, die Frage ist nur wieviel“, sagt Emmanuel Levy, Autor des Buchs „All About Oscar“.

Im Schnitt steigt die Gage um vier Millionen Dollar pro Film – vorausgesetzt der Academy-Champion ist männlichen Geschlechts. Schauspielerinnen sehen lediglich einen Gehaltszuwachs von 500 000 Dollar. Ein Beleg für den Mangel an Gleichberechtigung im Filmgeschäft. Meryl Streep wurde bereits dreimal von der Jury ausgezeichnet, feiert dieses Jahr ihre einundzwanzigste Nominierung für die Rolle als Zeitungschefin in Spielbergs Drama „Die Verlegerin“ und zählt trotz des Rekords nicht zu den bestbezahlten Stars der Zunft. Im Gegenteil: Streep verdient ein Bruchteil des Salärs, das Leonardo DiCaprio, Matt Damon oder George Clooney einstreichen.

Die benachteiligten Damen dürfen sich mit dem Gedanken trösten, dass der Prestige-Preis auch den Herren der Schöpfung nicht automatisch Erfolg beschert. Der Fluch, hernach keine vernünftigen Rollen mehr zu spielen, ist in der Branche als „F. Murray Abraham Syndrom“ bekannt. Abraham gewann den Oscar für „Amadeus“ (1985) und verdingte sich später in illustren Possen wie „Muppets im Weltall“. Ähnlich erging es Cuba Gooding junior, Co-Star von Tom Cruise in „Jerry Maguire“ (1996). Bei seiner Dankesrede vollführte er Luftsprünge. Nachfolgende Flops der Marke „Kindergarten Daddy 2“ gaben ihm wenig Anlass zur Begeisterung.

„Viele Schauspieler scheuen nach dem Oscar jedes Risiko und begnügen sich mit Stumpfsinn“, wusste bereits der legendäre Humphrey Bogart. Außerdem ist nicht jeder so geschäftstüchtig wie Doppelsieger Christoph Waltz („Inglourious Basterds“, „Django Unchained“) und lässt sich einen Preisträger-Bonus in Höhe von 100 000 Dollar in den Vertrag schreiben.

Robert Forster, dessen Karriere durch die Nominierung als bester Nebendarsteller in Tarantinos „Jackie Brown“ (1997) einen Schub bekam, zieht den Vergleich zum Aktienhandel. „Man muss seinen Marktwert kennen und sich gut verkaufen, solange der Kurs günstig ist.“ Hat ein Akteur den Tiefststand erreicht, kann ihn selbst ein Oscar nicht retten. Obwohl der Knabe ein Schwert in der Hand trägt, bewahrte er weder Kevin Spacey vor Sex-Skandalen noch Nicolas Cage vor Steuerschulden.

Sein Goldüberzug ist zwar rund 300 Dollar wert, nützt aber rein gar nichts, wenn die Privatinsolvenz droht. Den Besitzern ist der Verkauf seit dem Jahr 1951 gesetzlich verboten. Wer das Prachtstück dennoch loswerden möchte, sieht sich verpflichtet, es der Academy zu überlassen – für die symbolische Rückkauf-Summe von einem Dollar. Der Oscar soll schließlich kein Kommerz-Produkt sein.

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