HR-Sinfonieorchester

Ein Ozean an Emotionen

  • Michael Dellith
    VonMichael Dellith
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Mit drei CD-Aufnahmen bereichert Frankfurts HR-Sinfonieorchester das musikalische Frühjahr. Mit dabei ist die Geigerin Vilde Frang.

Liveaufnahmen haben so ihre Tücken, doch was Spontaneität und den sprichwörtlichen Funken angeht, sind sie meist unschlagbar. So ist es auch bei der ersten CD-Einspielung des HR-Sinfonieorchesters mit seinem Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada beim Label Pentatone. Sie vereint unter dem Titel „The Rite of Spring“ und „The Firebird“ (PTC 5186 556) Strawinskys einstige Sensations- und Skandalmusiken „Sacre du Printemps“ und den „Feuervogel“, aufgenommen im vergangenen Jahr in der Alten Oper Frankfurt und im HR-Sendesaal. Gerade das „Sacre“, eines der Lieblingsstücke Orozco-Estradas, sei ein „komplexes Werk, nicht immer einfach zu dirigieren“, wie der gebürtige Kolumbianer konstatiert. Und doch gelingt es dem 38-jährigen Pultstar, bei allem Temperament dank rhythmischer Präzision die Struktur dieser Ballettmusik erfahrbar zu machen. Und beim „Feuervogel“ legt das HR-Orchester, das international unter dem Namen „Frankfurt Radio Symphony“ firmiert, seine ganze Kraft in das Herbeizaubern von Klangfarben.

Wie gut sich das HR-Sinfonieorchester auf das russische Idiom versteht, zeigt auch eine weitere CD-Aufnahme, die mit dem Cellisten Jan Vogler entstanden ist und sich Tschaikowsky widmet (Sony Classical 88875114292). Vogler, weltweit gefeierter Interpret, Intendant der Dresdner Musikfestspiele und künstlerischer Leiter des Moritzburg-Festivals, bereitet darauf den berühmten „Rokoko-Variationen“ mit seinem edel-näselnden Celloton einen wahrhaft noblen Auftritt.

Auch die ursprünglich für Violine komponierten Werke „Sérénade mélancolique und „Méditation“ adeln Vogler und das HR-Sinfonieorchester unter Andrés Orozco-Estrada mit ihrem geschmeidigen Ton. Von angemessenem Temperament durchpulst präsentiert sich schließlich das von Vogler und dem Moritzburg-Festival-Ensemble interpretierte Sextett „Souvenir de Florence“ – ein Hauch von Italien durchweht diese wunderbare Musik.

Nicht mit Orozco-Estrada am Dirigentenpult, sondern von James Gaffigan geleitet wird das HR-Sinfonieorchester bei der dritten neuen CD-Aufnahme (Warner Classics 0825646009213), auf der Vilde Frang die Violinkonzerte von Korngold und Britten miteinander kombiniert. Der Amerikaner Gaffigan, der 2004 den Solti-Dirigentenwettbewerb in Frankfurt gewann und heute Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters ist, steuert das HR-Orchester mit viel Klangsinn durch diese beiden Violinkonzerte, die Vilde Frang mit einem „Ozean an Emotionen“ vergleicht. Mit ihrem filigranen, zart-schmelzenden und doch energischen Ton offenbart die norwegische Geigerin die ganze Poesie des spätromantischen, von Jascha Heifetz 1947 uraufgeführten Korngold-Konzerts, ohne in einen kitschig-überzeichneten Hollywood-Sound zu verfallen, für den Korngold als Filmkomponist im amerikanischen Exil ja auch steht. Zwischen wilder Strenge und meditativer Intimität bewegt sich dagegen das Violinkonzert von Benjamin Britten, dem Vilde Frang und das HR-Orchester viel Eleganz und Intensität abgewinnen – ein klingendes Plädoyer für Pazifismus.

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