Neue Ausstellung im Museum Giersch

Für ein paar Jahre in Frankfurt

  • Dierk Wolters
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Viele Künstler haben für ein paar Jahre in der Rhein-Main-Region gelebt und sind dann wieder weggezogen. Am Schaumainkai kann man sich einen Überblick über die vergangenen eineinhalb Jahrhunderte verschaffen.

Als der Böcklin-Schüler Karl von Pidoll nach langen italienischen Jahren nach Deutschland zurückzukehren beschloss, entschied er sich dezidiert nicht für München, sondern für Frankfurt. Er suchte ein unaufgeregtes Umfeld, wollte sich fernhalten vom „Ort des Massenbetriebs und der Kliquen“. Ähnlich beschauliche Gründe waren es auch gewesen, die 60 Jahre zuvor beim großen Philosophen Arthur Schopenhauer den Ausschlag für Frankfurt gegeben hatten: das gesunde Klima und die schöne Gegend.

Eine freie Region

Die Rhein-Main-Region, lernen wir daraus, war nie die Gegend, in die man zog, weil sich hier die Szene austobte und die Avantgarde mit dem ultimativen künstlerischen Kick lockte. Aber Frankfurt versprach (mit Ausnahme der unseligen Nazi-Jahre) Offenheit und Toleranz, unaufgeregte Arbeitsmöglichkeiten sowie – auch das für Künstler kein zu unterschätzendes Argument – ein feinmaschiges Netz von nicht unvermögenden Kunstförderern und Sammlern. Dass Karl von Pidoll in seinen zehn Frankfurter Jahren nicht glücklich wurde, mag weniger an der Stadt als an einer unseligen Verquickung von überzogenen Erwartungen und dem privaten Unglück seiner scheiternden Ehe gelegen haben.

Andere fassten hier besser Fuß: Max Beckmann immerhin hielt es 18 Jahre hier aus – und hätte ihn nicht die Judenfeindschaft ins Amsterdamer und schließlich ins New Yorker Exil getrieben, wäre er wohl länger geblieben.

Beckmann ist einer der Star-Künstler der Ausstellung, ein anderer ist Gustave Courbet, und beiden ist ein eigener Raum gewidmet. Die Werke allerdings, die man sieht, gehören nicht zur ersten Garde: Beckmanns berühmter Eiserner Steg hätte gut gepasst, bei Courbet hätte man sich über seinen Blick aus dem Frankfurter Atelierfenster aufs Deutschherrnufer gefreut. Was zu sehen ist, sind ein paar Landschaftsidyllen aus späteren Jahren. Dabei weilte Courbet deswegen in Frankfurt, weil er mit seinem revolutionären Realismus in seiner französischen Heimat als Provokateur erster Güte galt und in Deutschland zahlreiche Bewunderer hatte.

So bedauerlich es auch ist, dass sein Frankfurter Atelier-Blick nicht zu sehen ist und nicht einmal der Jäger mit frischgeschossenem Hirsch, den Courbet an seinem deutschen Silvesterfest 1858 auf einer der zahlreichen Treibjagden erlegte, zu denen er auch hier eingeladen war, so sorgsam ist doch seine Vorbildfunktion für Frankfurter Künstler aufgearbeitet: Karl Peter Burnitz wäre zu nennen, Anton Burger, vor allem aber Angilbert Göbel, der ohne Courbet womöglich nie den Mut gefunden hätte, seinen „Trunkenen“ so lebensecht und ungeschönt zu malen, ein Motiv aus dem einfachen Leben, wie es auch der wilde Gustave Courbet geschätzt hätte.

Jugendstil und klare Formen

Schön, dass die Künstlerkolonie Darmstadt in die Ausstellung miteinbezogen ist, mit zwei sehr lebendigen Zimmern, in denen Fotografien, Alltags- sowie Schmuckobjekte anreißen, wie die „Secession“ und der Jugendstil von hier aus Deutschland prägten. Ohne eine gezielte Kunstpolitik hätte sie nie ihre Wirkung erlangt. Das schloss ein, Künstler und Gestalter gezielt an die Mathildenhöhe zu locken.

Oft waren es auch große Sammler und Galeristen, die „ihre“ Künstler zu sich holten und ihnen mitunter Lebens- und Absatzmöglichkeiten zu schaffen versuchten: in Wiesbaden Heinrich Kirchhoff, der sich in der Beethovenstraße eine Villa errichten ließ, in Hofheim und Frankfurt Hanna Bekker vom Rath. Und natürlich ist es die Städel’sche Kunsthochschule, die seit jeher wertvolle Professorenstellen zu vergeben hatte und manche für Jahre und Jahrzehnte an den Main zog: etwa Hermann Nitsch (14 Jahre), Per Kirkeby (elf Jahre) und Michael Croissant (22 Jahre).

Bis in die Gegenwart

Durchs komplette 20. und bis ins 21. Jahrhundert hinein ragt die Ausstellung, die weder Bernard Schultze und mit ihm und der Künstlergruppe „Quadriga“ die Gründung des Informel in Deutschland 1952 vergisst, noch den Maler und Gestalter Willi Baumeister, der den Bauhaus-Künstlern und dem Frankfurter Architekten Ernst May nahestand.

Die Schau geht mehr in die Breite als in die Tiefe und lässt manches hochkarätige Werk vermissen. Doch steckt sie voller Forschungsarbeit. Von Frankfurt bis in den Taunus und von Darmstadt bis in den Odenwald haben Maler ihre Vorstellung in die Region hineingetragen, andere Künstler inspiriert und nicht selten die Region selber zum Träger ihrer Ideen gemacht. Mit mehr als 50 Künstlern, ihren Sammlern, ihren Verflechtungen und ihren Wirkungen zeichnet „Kommen und Gehen – von Courbet bis Kirkeby“ ein farbiges Bild der Region, das so intensiv wie hier im Haus Giersch wohl noch nie beisammen zu sehen war. Eine Fundgrube.

Museum Giersch, Schaumainkai 83, Frankfurt. Eröffnung am Sonntag, 25. September, 11 Uhr. Bis 22. Januar 2017. Geöffnet Di–Do 12 –19, Fr–So 10–18 Uhr. Tel.: (069) 13 82 10 10. Eintritt: 5 Euro. Katalog: 29 Euro

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