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Und was passiert nach der Apokalypse?

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Von: Marcus Hladek

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Wandelnde Tote zwischen Tempeltrümmern aus Chrom.
Wandelnde Tote zwischen Tempeltrümmern aus Chrom. © Birgit Hupfeld

"Der alte Affe Angst" feierte im Frankfurter Kammerspiel Premiere: Regie-Jungstar Ersan Mondtag bereicherte mit Oskar Roehlers Liebesgeschichte seine formstrenge Ader um das Gefühl für heftige Affekte.

Kaum einer versteht sich wie Mondtag auf kurze originelle Kammerspiele mit Sprengkraft. „Der alte Affe Angst“, seine Reaktion auf Roehlers Film gleichen Titels und auf Euripides’ Drama „Alkestis“, bedient denn auch das Kammerspiel im Schauspiel. Von dort ging es für Mondtags Arbeiten schon mehrfach zum Münchner Regisseurs-Festival „Radikal jung“.

Dass er nun einen Filmstoff nutzte, könnte verwundern, wäre Filmregisseur Oskar Roehler (57) keine Ausnahmegestalt. Beschrieb Roehler in „Die Unberührbare“ noch das Sterben seiner Mutter, erzählt „Der alte Affe Angst“ vom drohenden Ende her von der Liebe zwischen Theatermann Robert und Freundin Marie. Die von Robert schwangere Kinderärztin hält an ihm fest, obwohl der Krebstod seines Vaters und Roberts kalter Narzissmus ihn zu einer aidskranken Prostituierten und Richtung Selbstzerstörung schicken. Roehler türmt besessen und drastisch in körperlich-kreatürlichen Details Not und Elend auf, was dank starker Darsteller funktioniert – der Kolportage-Tendenz zum Trotz.

Linda Pöppel als Marie/Alkestis und Max Mayer als Robert/Admetos sind quecksilbrig und extrem, offen und einfallsreich. Neben ihnen kehrt die Tänzerin Kate Strong wieder, die schon in Mondtags „Orpheus#“ im Skelett-Bodysuit tanzte und jetzt Roberts sterbenden Vater/Thanatos (den Tod) gibt, also fast dieselbe Rolle wie damals, nur vom Orpheus-und-Eurydike-Mythos in den der Alkestis versetzt: beides mit Unterweltswanderung.

Rollstuhl und Rollator

Ein zwölfköpfiger Chor alter Frauen und Männer in rossbraunen Einheitsperücken, deren verfallende Körper das Hinwachsen auf den Tod mehr als nur abbilden, folgt dem Greisenchor aus „Alkestis“ und trägt zeitweise Bodysuits mit aufgedrucktem Blutkreislauf. Rollstuhl und Rollator sind dabei.

Mondtags Parallele von Roehlers Film zur „Alkestis“ ist erhellend. Weil sich Admetos’ Eltern weigern, an seiner statt zu sterben und so seinen Tod aufzuschieben, schickt er seine Frau Alkestis in den Tod. Herakles rettet sie aus der Unterwelt. Wie wird, wie kann das Paar noch zusammenleben? Das Ende ist ein Anfang, den Mondtag weiterdenkt. Stefan Britze (Bühne) hängt ihm zunächst einen Vorhang vors Geschehen, hinter dem Schatten wandeln (die Toten). „The End“ ist da zu lesen

„This is the end (my friend)“ von den „Doors“: So stellt sich uns jede Ich- oder Welt-Apokalypse dar. Was aber, so Mondtags Frage, passiert danach? Apokalypsen sind schließlich bekannt dafür, immerzu angesagt zu werden, um dann auszubleiben. Wie gehen wir Apokalyptiker damit um, dass es schon wieder weitergeht? Kleine Pause und die nächste Apokalypse herbeireden?

Britzes Bühne gibt ein mokant-realistisches Echo auf den lindgrünen Tempel aus „2. Sinfonie – Rausch“. Mondtags neuer Tempel ist aus spiegelndem Chrom und von Hand drehbar wie ein Karussell, was Säulen und Säulenstümpfe wie Kolben einer Dampfmaschine wirken lässt. Auch ein „Nike“-Plakat zitiert/bricht die Antike. Lichteffekte kommen dazu und eine flache und breite, spiegelnde Sitzbank in der Mittelachse. Auch ertönen Musikstücke (Diana Syrse): Cello, Klarinette, Geige, Vokalisenchöre, klassische Moderne.

Sind die ersten vierzehn Minuten zum Oratorium durchkomponiert, schließt sich dem, nach einer Schrei-Arie Pöppels in weißen Neutralklamotten (Kostüme: Raphaela Rose), ein liturgischer Eheberatungs-Dialog auf der Sitzbank an, mit Kate Strong als Orakel in der Mitte. Wenn sich der Vorhang aufs Bühnenbild öffnet (nach dem Ehealltags- und Sex-Talk), triumphiert mehr und mehr die Dialogform, und das Paar kämpft um seine Liebe. Der erratisch agierende Chor, die hysterische Marie, der halbirre Robert, die aus dem Chor ausgefällten Vater- und Mutter-Stimmen und nicht zuletzt ein großes Stück rohes Fleisch lassen aber nie Realismus aufkommen. Gut so! Gegen Ende bereichert ein Buntstift-gemalter, vergrößert projizierter Prospekt die Szene um eine Ansicht antiker Trümmer, derweil Wellenschlag das beständige Zikadenzirpen ablöst. Tolles Kunst-Stück in 80 Minuten.

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