Stimme aus dunkler Vergangenheit: ?Mein Kampf?.
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Stimme aus dunkler Vergangenheit: ?Mein Kampf?.

Dokutheater im Frankfurter Mousonturm

Performance-Gruppe „Rimini Protokoll“ hat sich „Mein Kampf“ vorgenköpft

  • VonAstrid Biesemeier
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Die Performance-Gruppe „Rimini Protokoll“ hat sich Adolf Hitlers „Mein Kampf“ für ihr Dokutheater im Frankfurter Mousonturm vorgeknöpft.

Wie kann man eine Auseinandersetzung mit Hitlers Pamphlet „Mein Kampf“ auf der Bühne inszenieren, ohne Buch, Autor oder Ideologie eine große Bühne zu bieten? Ohne zu mythisieren? „Rimini Protokoll“ hat sich mit den für die Inszenierung wieder eigens gecasteten „Experten der Wirklichkeit“ dieser Aufgabe gestellt.

Anfang dieses Jahres ist der Urheberrechtsschutz für Hitlers „Mein Kampf“ ausgelaufen. Das hatte Fragen aufgeworfen, etwa ob und – falls ja – in welcher Form das Buch zugänglich gemachten werden sollte. Mit der Juristin Anna hat das Regie-Team denn auch eine Frau gefunden, die aus der Perspektive des Strafgesetzbuches diesen Aspekt beleuchtet. Oder die Frage, ob die live auf der Bühne ausgedruckte Ausgabe ins Publikum weitergereicht werden darf, oder ob man sich damit strafbar macht.

Auch der israelische Anwalt Alon, der ausgerechnet mit Hitlers Werk eine Schreibblockade überwunden hat, ist mit von der Partie. Außerdem der Buchrestaurator Matthias, der blinde Redakteur Christian, der deutschtürkische Hip-Hopper Volkan oder die Juristin Sibylla, die als Teenager ihren Eltern einmal zu Weihnachten eine eigenhändig abgeschriebene Best-of-Version von „Mein Kampf“ geschenkt hat.

Sie lesen in mehreren Sprachen aus dem Buch oder türmen Übersetzungen auf. Verkaufszahlen werden eingeblendet. Es heißt, dass Brautpaare in der NS-Zeit das Buch in manchen Städten auf dem Standesamt statt einer Bibel bekamen. Auch in Frankfurt.

Es wird Interessantes, Wissenswertes, Skurriles und Absurdes auf die Bühne gebracht. Natürlich zieht man Parallelen zur Gegenwart. Fragespiele auf der Bühne bringen auch den Zuschauer zum Nachdenken. Dennoch überzeugt die Inszenierung nicht vollends. Entstanden ist eine Art szenische Collage, in der die „Experten der Wirklichkeit“ weniger als in manch anderen Inszenierungen von „Rimini Protokoll“ für sich und ihre Geschichte einstehen können. Das macht es ihnen nicht leicht, immer wieder Themen- und Haltungssprünge zu absolvieren. Das Miteinander auf der Bühne erscheint bisweilen etwas hölzern und gewollt.

Das Ganze bleibt sperrig. Wahrscheinlich ist das gut so. Gespielt wird auf der Rückseite der großen Bücherwand aus der „Rimini“-Inszenierung zu Marxens „Kapital“.

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