Stephan Reich erzählt in seinem ersten Roman liebevoll die Geschichte von zwei 16-Jährigen: Erik und Finn.
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Stephan Reich erzählt in seinem ersten Roman liebevoll die Geschichte von zwei 16-Jährigen: Erik und Finn.

Stephan Reich mit Debütroman

Plötzlich explodiert die Welt mit einem lauten Knall

Als ob Huckleberry Finn und Tom Sawyer durch ihren letzten gemeinsamen Sommer flippen würden: „Wenn’s brennt“ ist aufgeladen mit Adrenalin, Verzweiflung und Weltschmerz.

Von CHRISTIAN PREUSSER

Es gibt in diesem Buch eine Szene, die zeigt das ganze Dilemma des Erwachsenwerdens: Der 16-jährige Erik schläft mit seiner Freundin Nina. Doch irgendwas stimmt nicht: „Konzentrier dich doch mal“, ruft das Mädchen empört. Und der überforderte Junge entgegnet: „Also wenn ich jedes Mal einen Euro bekommen würde, wenn ich das höre, dann hätte ich ausgesorgt.“

Es ist nicht leicht, erwachsen zu werden und alles zum ersten Mal zu erleben. Aber das ist eine Binsenweisheit. Und dafür braucht es seit Holden Caulfield keinen Romanhelden mehr. Stephan Reich hat es trotzdem gewagt und einen Roman über die Freundschaft von zwei 16 Jahre alten Jungs geschrieben, die ihren letzten gemeinsamen Sommer in der Provinz verbringen. Sie saufen, vögeln, prügeln sich durch die heißen Tage des Jahres und verdrängen ihren Abschied.

„Wenn’s brennt“ heißt der Roman, und tatsächlich hält er sich an den alten Kerouac-Satz: „Die einzigen Menschen, die mich interessieren, sind die Verrückten, die wie römische Lichter die ganze Nacht lang brennen, brennen, brennen.“

Es geht hier um Erik und Finn, die sich im Kindergarten kennengelernt haben und sich seit ihrer Pubertät zwischen Aldi-Parkplatz, Flussufer und Waldrand langweilen. Erik zieht es nach dem Realschulabschluss ins Postamt seines Vaters, Finn macht sein Abitur in Hamburg.

Kaum halten die beiden ihre letzten Schulzeugnisse in der Hand, da eskaliert es: Auf der Party beim Stadtproleten entlädt sich der Frust zwischen den Metal-Heads und den LSD-Schluckern. Wohin mit dem angestauten Zorn, wohin mit der ganzen Kraft, die in den Körpern brodelt? Ein Tohuwabohu bricht aus, das die jungen Menschen erstmals dazu zwingt, über Verantwortung, Vertrauen und Verletzlichkeit nachzudenken.

Träumerisch

Ich-Erzähler Erik wandelt somnambul durch sein Leben: „Weiß nicht“, lautet seine Lieblingsantwort. „Du musst doch irgendwas wollen“, sagt Nina entgeistert. Erik zuckt die Schultern. Warum die beiden ein Paar sind, das geht auch auf Ninas Initiative zurück. Sie war zwar schon mit Finn in der Kiste, aber das ist den Jungs egal. Nina ist eine reflektierte, kritische, hübsche Rothaarige, die sich nach Eriks Gelassenheit sehnt. Das funktioniert gut, solange es nur ums Knutschen geht. Doch plötzlich sagt Nina viel Wichtiges, Erik sagt überhaupt nichts Wichtiges. Was soll man schon vom Leben erwarten? Familie halt, irgendwann. Und während Erik langsam aus seinem pubertären Dämmerschlaf erwacht, da dreht ihm Finn beim Fußballspielen eine Wasserflasche mit Liquid Ecstasy an. Und Finn ist es auch, der Misanthropie, Depression und Aggression im Provinzstädtchen sät. Finn will raus, weg. Sein Menschenbild ist dunkel, unversöhnlich, hämisch. „Die Route 66 – der penibel gepflegte und akkurat geschnittene Reihenhaussiedlungs-Vorgarten unter den Lebensträumen“, sagt er. Weitere verachtenswerte Dinge für Finn: „Garten, Auto, Segeln“. Erik merkt, dass das mit seiner Vorstellung vom Leben nicht ganz konform geht. Können Finn und Erik überhaupt Freunde sein? Oder ist das nur eine Freundschaft, die auf Vergangenheit gründet, aber nicht in die Gegenwart hineinreicht? Logisch, am Ende fliegt den Jugendlichen ihre kleine Welt mit einem lauten Knall um die Ohren. Und dieser Knall, der dröhnt auch ins Leben des Lesers hinein.

Wie Stephan Reich, 1984 in Kassel geboren, diese glühende, träumerische, liebevolle Geschichte einer Freundschaft erzählt, das ist wunderbar. Reich erzählt in altersgerechter Pose, mit viel Witz und großer Empfindsamkeit. „Wenn’s brennt“ ist eine Hymne aufs Jungsein, auf die Verzweiflung und den Welthass während des Erwachsenwerdens. Und natürlich werden auch die großen, die wirklich großen Themen verhandelt: Popmusik, Filme, Fußball.

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