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Kerstin Ott stand nicht nur auf der Bühne, sondern ging auch auf Tuchfühlung mit dem Innenraumpublikum. Fotos (2): Sven-Sebastian Sajak

Konzertveranstaltung

Das war die „Schlagernacht des Jahres 2018" in der Frankfurter Festhalle

Schunkel- und Polonaise-Daueralarm: Sechs Stunden lang geben sich 13 Schlagerstars in Frankfurts Festhalle die Klinke in die Hand.

Schlager-Queen Helene Fischer bleibt allgegenwärtig. Auch bei der „Schlagernacht des Jahres 2018“. Noch bevor Moderator René Travnicek kurz vor 18 Uhr den Startschuss zum Ausnahmezustand in Frankfurts bis unters Hallendach gefüllte „Gudd Stubb“ gibt, hechtet Helene via Konserve „Atemlos durch die Nacht“ – und die zum Teil mit Glitzerhütchen und Leucht-Blink-Kopfputz maskierten Partywilligen sämtlicher relevanter Altersstufen hecheln ihr im Chor tausendfach hinterher. Und das trotz des üblen Fischer-Bashings vor wenigen Tagen in der britischen Tageszeitung „The Guardian“.

Da wurde der 34-jährigen Entertainerin maliziös attestiert, sie sei der „reichste Star, von dem du noch nie gehört hast“. Eine Art „deutsche Taylor Swift, die dem Schlager ein aggressives Synth-Pop-Update verpasst“ hätte. Zudem wunderte sich die britische Autorin Laura Snapes, warum es für so „wahrhaft schreckliche Musik kaum Kritik“ gäbe? Möglicherweise ja, weil sich in Fischers Musik die kollektive deutsche Seele von Kiel bis Kempten widerspiegelt?

Allerdings behält Laura Snapes in einem Recht: Das „aggressive Synth-Pop-Update“ überzieht auch weite Teile jener 13 Schlagerstars, die in sechs Stunden ein Schlager-Marathon absolvieren. Schon zum Auftakt mit Vanessa Mai (26) – Schwiegertochter von Andrea Berg – stampft penetrant jener Techno-Beat, der Ende der 80er Jahre per DJ-Boom erstmals den Globus überrollte. Ohne das wuchtige Geknalle geraten die Feieraffinen gar nicht erst in Bewegung. Wo ist nur der facettenreiche Schlager früherer Zeiten geblieben, der kongenial jedwede musikalische Strömung aus aller Herren Länder adaptierte?

Da erweist sich die rundum souveräne Vicky Leandros ohne wuchtiges Gestampfe als Balsam für die geschundene Seele so mancher Schlagervernarrten. In nach wie vor makellosem Stimmtimbre singt sich die zweifache ESC-Veteranin durch ihre Evergreens „Après Toi“, „Ich bin“, „Ich liebe das Leben“ und „Theo, wir fah’n nach Lodz“. Von der ersten Sekunde an steht die Halle Kopf. Alle singen mit. Was wäre das jetzt schön, wenn die Musik anstatt aus der Halbplaybackkonserve von einem richtigen Orchester käme.

Applaus zur Akustikgitarre

Gleiche herzliche Anteilnahme erfährt Kollege Howard Carpendale mit drei Chormitgliedern im Schlepptau. Auch der 72 Jahre alte Südafrikaner greift mit „Hello Again“, „Ti Amo“ und „Nachts, wenn alles schläft“ tief in die Oldie-Kiste. Allerdings machen sich bei Mr. Carpendale auch schon moderat geratene Electro-Remix-Versionen breit. Ausgerechnet das mit Akustikgitarre verabreichte „Dann geh’ doch“ erhält den dicksten Applaus.

Auf ihre Akustikgitarre setzt auch die burschikose Songschreiberin Kerstin Ott – allerdings erst zum Finale ihres kleinen Hitpakets. Otts Durchbruch kam zwar erst 2016, aber mit den ebenfalls von Großraumdisco-Beats unterfütterten Ohrwürmern „Regenbogenfarben“, „Scheissmelodie“ und „Die immer lacht“ erzielt die 36 Jahre alte Schlager-Spätzünderin ungeteilte Aufmerksamkeit.

Als stimmgewaltig empfiehlt sich der charmante Österreich-Argentinier Semino Rossi (56). Mit Lieblingswort „Bitte“ auf den Lippen schunkelt sich der dezent von zwei Chorgrazien unterstützte Herr Rossi durch seine Dreivierteltakt-Preziosen „Aber Dich gibt’s nur einmal für mich“, „Muy Bien (Du hast dich heute wieder schön gemacht)“ und „Rot sind die Rosen“. Erste Schunkel- und Polonaise-Grüppchen bilden sich.

Mit Mickie Krause, dem Mallorca-König in spe (noch amtiert ja „Onkel“ Jürgen Drews), gerät die Sause auf den Siedepunkt. „Reiß die Hütte ab“, empfiehlt zum Einstieg der 48 Jahre alte gelernte Heimerzieher, der sich erste Meriten im Rampenlicht als Warmupper bei Talkshows verdiente. Mit Perücke auf dem Haupt, Sonnenbrille auf der Nase und Mitgröhl-Gassenhauer wie „Schatz, schenk mir ein Foto!“, „Nur noch Schuhe an!“ und „Geh mal Bier hol’n (GmBh)“ im frechen Mundwerk gibt Krause als Partyvollstrecker amtlich Vollgas. Erstmals geraten nun ellenlange Polonaise-Züge außer Rand und Band – dann folgt die Pause.

Erkälteter Nachwuchs

Wer glaubt, das lustige Treiben nähme nach Toilettengang und Getränkestandanstehen den roten Faden dort wieder auf, wo er endete, sieht sich getäuscht: Beim erkälteten Nachwuchs Sonia Liebing, der Kelly-Family-Abtrünnigen Maite Kelly (38) und Schlager-Spätstarter Christian Lais (55) knallen zwar die Beats harsch, aber der Drang zur Polonaise hat an Intensität verloren.

Eigentlich sollte der Niederländer Eloy de Jong, Ex-Mitglied der Boyband „Caught In The Act“, mit Marianne Rosenberg im Duett deren 70er-Oldie „Liebe kann so wehtun“ zum Besten geben. Da die Grande Dame des Discofox wegen der Folgen eines Autounfalls kurzfristig ausfiel, singt de Jong auf der Bühne kurzerhand alleine. Wacker schlägt er sich auch bei weiteren Auszügen seines vergoldeten Nummer-eins-Albums „Kopf aus – Herz an“.

Ebenfalls von Erkältungsproblemen geplagt sieht sich Nik P. (56). Ganze Passagen seines Megakrachers „Ein Stern (. . . der deinen Namen trägt)“ sowie weitere Hits lässt der Österreicher von der Besucherschar anstimmen.

Mit Showfinale Michelle (46) kommt Glamour ins Spiel. Nach diversen Höhen- und Tiefflügen befindet sich die ESC-Teilnehmerin von 2001 derzeit im Karriereaufwärtstrend. Doch auch Michelles Songs, abgesehen von ESC-Ballade „Wer Liebe lebt“, kennzeichnen sich signifikant durch das von Laura Snapes beschworene „aggressive Synth-Pop-Update“.

Maximilian Steiner

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