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Nachdenklich, aber auch ein wenig verschmitzt schaut Herbert Grönemeyer drein. Ob ihm das Bälle-Menü auf diesem Bild wohl schmeckt? Ganz und gar nicht jedenfalls schmeckt dem Musiker das, was derzeit in Deutschland passiert.

„Haltung zeigen gegen Rechts"

Herbert Grönemeyer gibt sich auf seiner neuen Platte politischer denn je

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„Tumult" lautet der programmatische Titel des neuen Albums von Herbert Grönemeyer. Es ist der Soundtrack zur Lage der Nation in 13 grandios produzierten Liedern.

„Wer Herbert Grönemeyer heißt und trotzdem Popstar wird, der hat schon was erreicht“, stand 1988 im „Stern“. 30 Jahre später hat Herbert Grönemeyer den Status eines Pop-Übermenschen inne, der zuverlässig alle drei, vier Jahre ein neues Lebenszeichen schickt. Und 2018, in diesem irren Jahr, in dem Jahr von Chemnitz und dem zunehmendem Erstarken der Rechten, dem WM-Desaster und der beginnenden Dämmerung von Angela Merkel, da hat dieses Land ganz besonders ein Album von Herbert Grönemeyer nötig. Die Dinge müssen mal wieder gerade gerückt werden.

Wut im Bauch

Sänger steht für Orientierung und Halt, und kaum ist die Promo-Maschinerie zu „Tumult“, Grönemeyers 15. Studioalbum, angelaufen, da schwirren auch schon die großen Sätze durch die Welt: „Wir stehen auf dem Prüfstand, und es gilt viel zu verteidigen. Niemand ist deutscher als andere, es gibt nicht das Deutschland, sondern es gibt Millionen Deutschlands. Und das ist die untrennbare Schönheit dieses Landes.“

Also alle mal locker machen, mal schön schütteln? So einfach ist das nicht. Das weiß auch Grönemeyer, der mit „Tumult“ sein dezidiert politischstes Album veröffentlicht. Es gibt auf diesem neuen Album Sätze, die lassen keinen Interpretationsspielraum: „Verständnis ist nicht schlecht / aber keinen Millimeter nach rechts.“ Oder: „Es bräunt die Wut, es dünkelt / der kleine Mob macht rein / Es ist die Angst, die glaubt / sauber muss es sein.“ Der 62-Jährige, der seinen Wohnsitz vor einigen Jahren von London wieder nach Berlin verlegt hat, gibt die Losung aus: Haltung zeigen gegen rechte Krawallmacher – um nichts anderes geht es jetzt.

Hübsche Beats

Dass sich Grönemeyer so deutlich politisch äußert, ist zwar nicht überraschend, schließlich thematisierte er mit dem Song „Die Härte“ (1993) bereits einen aufkommenden Rechtsruck im wiedervereinten Deutschland. Doch die Dringlichkeit, die Konkretheit, mit der er hier reüssiert, ist bemerkenswert. Da hat jemand ordentlich Wut im Bauch.

Musikalisch ist davon allerdings nicht allzu viel zu hören: Die 13 Songs sind grandios produziert, ziemlich zeitgeistig, mit hübschen Beats und runtergekühlten Gitarren, bisschen Elektro, viel Luft zum Atmen.

Eingängiger Elektropop

Entspannt, könnte man das nennen. Und damit steht „Tumult“ in direkter Nachbarschaft zu seinem Meilenstein-Album „Mensch“ (2002). Es gibt hier düster-schöne Balladen („Wartezimmer der Welt“), Gitarren-Gospel („Warum“) und eingängigen Elektropop („Leichtsinn & Liebe“). Dazu gesellt sich die gutgelaunte Up-Tempo-Nummer „Doppelherz/Iki Gönlüm“, auf der Grönemeyer streckenweise türkisch singt. Freunde sollen ihn dazu ermutigt haben – und es funktioniert gut.

Textlich wandelt Grönemeyer auch auf „Tumult“ oft hart an der Grenze zum Kitsch, zum Pathos, manchmal gar zum Possenhaften, offenbar weiterhin inspiriert von expressionistischer Lyrik der 20er und 30er Jahre. Die Metaphern sind entsprechend groß, manchmal ein bisschen windschief. Und dennoch bastelt er aus teils wundersamen Wortkreationen Bilder von grandioser Schönheit.

Ganz besonders gut gelingt ihm das hier in der anschwellenden Gitarren-Nummer „Sekundenglück“ – Grönemeyers schönstem Song seit „Der Weg“ (2002). Sein typisch gepresster Gesang, das Stakkatohafte, das Bellen, die harten Brüche schimmern zwar durch, doch ist diese Melodie so watteweich, dass man sich am liebsten in ihr einbetten würde. „Und Du denkst, Dein Herz schwappt Dir über / Fühlst Dich vom Sentiment überschwemmt / Es sind die einzigartigen tausendstel Momente / Das ist, was man Sekundenglück nennt“, singt er mit ganz laaaaaangen Vokalen.

Beat-Geklacker

Und wenn man diesen Textauszug hier so liest, auf diesem grauen Zeitungspapier, dann fragt man sich, na klar, wie soll dieses reichlich pathetische Geschwurbel denn bitteschön unter die Haut gehen? Und dann hört man Grönemeyer diesen Text also singen, zum sanften Beat-Geklacker und zu einem schön drückenden Bass, und da fällt es einem wieder ein, dass tatsächlich niemand außer Grönemeyer solch einen rosaroten Text so kreuzehrlich singen kann.

Und vor diesem Hintergrund scheint es noch trauriger, dass sich die Radios des Landes zuletzt so lange mit diesen ganzen Max Giesingers und Gregor Meyles abgeben mussten. Was für ein krasser Kontrast.

Gut, dass Grönemeyer wieder da ist. Und dass er wieder kommt. Mal sehen, was Deutschland dann für ein Land ist. Seine Lieder wird es auf jeden Fall auch in drei, vier Jahren gebrauchen können.

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