Oper "Enrico"

Posse, Wahn oder Wirklichkeit?

Mit Manfred Trojahns Pirandello-Oper „Enrico“ präsentiert die Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot eine Gemeinschaftsleistung auf höchstem Niveau und mit Holger Falk in der Titelpartie einen Sänger, dem eine unbegrenzte Farbpalette an Ausdruck und Stimmnuancen zur Verfügung steht.

Die Oper ist als Kunstform eines der künstlichsten Gebilde überhaupt. Sie speist sich aus verschiedenen Wirklichkeiten und aus dem schillernden Spiel von Sein und Schein. Betrachtet man es von dieser Seite, ist Manfred Trojahns „Enrico“, 1991 bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt und jetzt auf der Bühne des Bockenheimer Depots zu bewundern, ein Musiktheater über das Musiktheater selbst. Zudem eine böse Groteske, die mit vielfältig bedrohlicher Horrormusik den Gattungsbegriff „dramatische Komödie“ sprengt. In Frankfurt ist das verschachtelte Spiel von Wahn und Wirklichkeit mit geöffneten Strichen der Uraufführung zu sehen: Was vor allem eine intensivere ironische Brechung durch die rossini-haften Spritzigkeiten in den Quartetten der Diener Enricos bewirkt.

Sie sind als erste in der anscheinend gemütlichen, in Wahrheit bedrohlichen Bücher-Apsis Britta Tönnes zu sehen: In einer raumhohen Bibliothek mit alten Folianten und historischen Kostbarkeiten, die mehr wie ein Gefängnis wirkt denn als ein gemütlicher Rückzugsort für belesene Bildungsbürger. Hier fällt sich das begnadete Bediensteten-Quartett von Landolfo (Peter Marsh), Arialdo (Björn Bürger), Ordulfo (Frederic Jost) und Neuzugang Bertoldo (Samuel Levine) mit hohem Tempo, einer babylonisch-musikalischen Gesangsverwirrung und voller Hysterie gegenseitig ins Wort.

Spannend ist, wie die komplexe, freitonale Musik Manfred Trojahns einen ganz eigenen Kommentar zum Geschehen abgibt. Szenisch scheint die Lage klar: Enrico ist der Wahnsinnige, der seit seinem Sturz vom Pferd bei einer Maskerade vor zwanzig Jahren glaubt, der Salierkaiser Heinrich IV. zu sein. Genau die Rolle, als die er sich damals verkleidete, um die geliebte Marchesa Matilda zu beindrucken.

Die Umgebung spielt mit, anfangs aus Spaß, im Lauf der Jahre jedoch immer mehr unter Wiederholungszwang. Trojahns Musik offenbart nun, dass nicht Enrico der Verrückte ist, zumindest nicht nur, sondern vor allem seine devote Umgebung, die er wie an Marionettenfäden zur weiteren Maskerade anleitet. Auch Juanita Lascarros seelischer Zustand als einst verehrte Marchesa ist zumindest bedenklich. Trojahn hat für sie Musik in einem exaltierten Arienstil à la hysterische Diva geschrieben und lässt sie nicht minder in der Vergangenheit aufgehen. Gemeinsam mit dem Dottore (eindrucksvoll: Dietrich Volle), ihrer Tochter Frida, sensibel besetzt mit Neuzugang Angela Vallone, und Theo Lebow als Neffe Enricos wollen sie den Wahnsinnigen im

Erinnerungsschock

heilen.

Erst nach drei Szenen tritt der vermeintlich verrückte Potentat selbst auf: Holger Falks Porträt des geplant Wahnsinnigen ist vom ersten lyrischen Kopfstimmen-Ton seines hohen Baritons an schlicht atemberaubend. Innerhalb von fünf Minuten wechselt er gefühlt zehnmal das Temperament: Erst bringt er mit entrückten Kantilenen Ruhe in das wilde Geschrei, dann flüstert, kreischt, droht und mordet er schließlich mit der Attitüde eines schwer psychisch Kranken.

Ergebnis: Maske oder Wahn, Posse oder Absicht; es wird für die Zuschauer zunehmend verwirrender, seinen Gemütszustand zu durchschauen. Am Ende ersticht Enrico, der zuvor behauptet hatte, geheilt zu sein, seinen Nebenbuhler Belcredi (zackig: Sebastian Geyer) und muss nun zwangsläufig für immer in seiner Ersatz-Existenz verbleiben – und mit ihm die gesamte Umgebung –, wenn er nicht juristisch belangt werden will.

Neben den Sängern, von denen die meisten dem Frankfurter Ensemble angehören und die alle beeindruckende Rollendebüts abgeben, gehen die entscheidenden Anregungen vom Opern- und Museumsorchester unter Roland Böer aus, das in kleiner Besetzung besticht.

Konzentrierte Holzbläser-Charaktere stehen neben transparenten Querflötensoli, Fagott-Kaskaden neben höchsten Wahnsinns-Flageoletts. Die wohldurchdachte Regie Tobias Heyders trägt zur überzeugenden Gesamtleistung ebenso bei, wie die zum riesenhaften Matilda-Bild wandelbaren Bücherrücken Britta Tönnes. Großer Jubel für alle Beteiligten, besonders für Holger Falk und den extra angereisten Komponisten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare