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Das Notenbuch in der Hand: Arne Gieshoff im Taunus, wo er seine Kindheit verbrachte - im Hintergrund die Eppsteiner Burg.

Arne Gieshoff

Ein Preis von Prinz Charles

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Im Taunus geboren und aufgewachsen, hat er in London studiert. Nun kehrt er zurück in sein Heimatland. Wir wollten wissen, was ihn antreibt.

Arne Gieshoffs Leben gehört der Musik – nicht der, die täglich unzählige Radiosender spielen lassen, sondern modernen Kompositionen. Jüngst hat der Student der Komposition am Londoner Royal College of Music den „President’s Award“ aus den Händen seiner königlichen Hoheit Prinz Charles entgegennehmen dürfen – nicht der erste Preis für den 1988 in Bad Soden geborenen und in Eppstein, Niedernhausen und Mainz aufgewachsenen Arne Gieshoff.

Renommierte Orchester haben Werke von ihm aufgeführt: das BBC Scottish Symphony Orchestra und das London Philharmonic Orchestra ebenso wie das Phorminx-Ensemble. Er war Inhaber des Mendelssohn-Stipendiums, und im Sommer fliegt er nach Amerika, weil das Boston Symphony Orchestra ihn mit einem Stück für 16 Blechbläser und zwei Schlagzeuge beauftragt hat.

„Piano Ping Pong“ heißt ein Klavierstück, „Unwuchten“ ein Streichquartett: Gieshoff selber würde sich wohl gegen „Klingt-wie “-Vergleiche sträuben, doch irgendwie müssen wir es ja versuchen – also: „Unwuchten“ klingt zu Beginn durchaus so, als stünde man bei einem Formel 1-Rennen ganz nah an der Strecke. Später assoziiert man einen Maschinenpark voller merkwürdiger Gerätschaften. Das malträtiert durchaus die Ohren. Vier Streichinstrumente verursachen ein Bohren und Kreischen, das aus der Form gerät und dann, überraschend, wieder zusammenfindet. Ein Werk, das mit Hoffnungen spielt: der Hoffnung auf eine tonale Einigung, auf Momente der Erlösung. Auf geheimnisvolle Weise spielen sie alle zusammen, die vier Streicher – und doch folgt jedes Instrument seinem eigenen Weg.

Der Komponist Arne Gieshoff lebt in einer Musikerwelt. Manchmal ist das wie eine Blase. Hauptberuflich beschäftigt er sich damit, Klänge zu erforschen: Töne zu kombinieren und Arrangements zu schaffen, die er, beiläufig fast, „sein ganz Eigenes“ nennt. Das ist es, was man im Studium lerne, sagt Gieshoff, der leise, aber durchaus bestimmt und geläufig über seine Arbeit spricht. So, als sei sein Weg nicht ungewöhnlich.

Es begann damit, dass Arne als Kind Klavier spielte wie so viele – dann aber bald „eigene Sachen“ wollte. Ob er sein Talent schon früh gespürt habe? Arne Gieshoff wiegt den Kopf. Das Wort „Talent“ behagt ihm nicht. „Zugeflogen ist mir nichts“, sagt er. Und erzählt von einem Komponisten, der von sich selber sage, er habe gar keines. Was zähle, sei allein der Wille.

Mit diesem Willen brachte es Arne Gieshoff am Klavier recht weit. 2005 wurde er 1. Preisträger bei „Jugend musiziert“. „Zu meiner Schulzeit war es immer meine Idee, Pianist zu werden, ich habe viel investiert, dann aber die Entscheidung getroffen, eine Priorität zu setzen für die Komposition.“

Schon zu seiner Zeit bei den Mainzer Domknaben faszinierten ihn moderne Stücke mit ihren oft atonalen Strukturen weit mehr als die meisten seiner Sängerfreunde, erinnert sich Gieshoff. Mit 13 komponierte er ein eigenes Werk, nannte es pompös „Der Denker“ – ein „absolut programmatisches“ Stück, lächelt er heute über sich: „und total naiv“. Doch einen Preis gewann er: „Es geht ja immer darum, wie kann man eine Form finden für das, was man sagen möchte, und ,Der Denker‘ thematisierte genau das: Wie komme ich vom Anfang zum Ende des Stückes?“

Er wolle wissen, wie sich dieser oder jener Akkord verhalte, wenn sich etwas verschiebe, sagt Gieshoff. Er öffnet sein Notenbuch und zeigt eine erste Skizze für ein neues Stück. Darin geht es um die Verteilung der Instrumentengruppen. Es könne sein, dass ein Musiker während des Stückes von hier nach dort laufen muss, zeigt Gieshoff – „und zwar nicht, weil es lustig aussieht, sondern weil ein Akkord vom einen Ort zum anderen getragen werden soll“.

Auf Skizzen sieht das abstrakt aus, mitunter fast mathematisch. Doch auch, wenn Kalkül dahintersteckt – gegen diese Zuschreibung wehrt er sich. „Ich kann ja machen, was ich will“, sagt er begeistert. Und neben dieser Grundlage gebe es „dann Momente, wo man das zerstören muss – oder andere Dinge hinzubringen, wie das etwa auch Stockhausen gemacht hat, der Systeme zerbrach und gewaltsam Neues einfügte“. Hier kommt das Persönliche zum Tragen, das Gieshoffs Klangschöpfungen und Musik generell einzigartig macht: „Kein anderer könnte es ja so machen wie ich, da sind so viele persönliche Details, wie ich über etwas nachdenke, wie es zu einer musikalischen Geste kommt.“

Da kommen also die Gefühle ins Spiel? Aber das ist Arne Gieshoff auch nicht recht. Er arbeite ja lange an einem Stück, sagt er. Wochen, mitunter Monate feile er, bis etwas fertig sei: „Das Resultat kommt ja nicht aus dem Moment.“

Und warum all diese Mühe, vom Komponieren bis zum ungeheuren Stress in den Stückproben? Die Aussicht auf Reichtum kann es nicht sein: „Es gibt auf der ganzen Welt eine Handvoll Leute, die davon leben können“, weiß Arne Gieshoff. Vielleicht ist es der Reiz, immer Neues zu entdecken. Das Hören werde oft vernachlässigt: „Heutzutage sind wir so aufs Auge fixiert.“ Dabei könne es „so aufregend“ sein, einen Klang zu beobachten und sich zu fragen: „Was passiert mit dem?“ Und dann wird Arne Gieshoff grundsätzlich: „Ich wehre mich dagegen, dass man dafür ein Fachmann sein muss.“ Ein differenziertes oder tiefes Hören sei jedem möglich, der sich darauf einlasse. „Wenn man sich erlaubt, sich mal total unkritisch in ein ,Ensemble-Modern‘-Konzert zu setzen, dann kann auch ein Laie merken: Da passieren aufregende Dinge. Das kann Leuten so viel geben.“

Ob er sich vorstellen könne, dass man seine Musik oder die seiner Komponisten-Kollegen in 50 Jahren vielleicht einmal hören werde wie heute Beethoven oder Mozart?

Das sei schwer zu sagen, antwortet Gieshoff: Immerhin höre man ja heutzutage auch Webern oder Schönberg, auch wenn deren Werke schwierig seien. Seine Musik, sagt Gieshoff schließlich nach längerem Nachdenken, „ist erst einmal für unsere Gesellschaft geschrieben, sie kommt aus unserer Gesellschaft und ist für jeden da.“ Und dann fügt er an, und dazwischen liegt wieder eine längere Pause: „Es wäre schön, wenn sie auch künftig noch gehört würde.“

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