Prinz Friedrich (Felix Rech) und Prinzessin Natalie (Yohanna Schwertfeger) als Träumer im preußischen Krieg.
+
Prinz Friedrich (Felix Rech) und Prinzessin Natalie (Yohanna Schwertfeger) als Träumer im preußischen Krieg.

Heinrich von Kleists Drama „Prinz Friedrich von Homburg“

Premiere am Schauspiel: Ein Schlafwandler zieht in die Schlacht

  • vonMarcus Hladek
    schließen

Michael Thalheimer inszenierte am Schauspiel Frankfurt „Prinz Friedrich von Homburg“ mit Felix Rech in der Titelrolle. Er zeigt den jungen Mann als Träumer.

Man muss diesen „Prinzen“ in Olaf Altmanns Bühnenbild zur Musik Bert Wredes in der Totale sehen und hören: aus gehöriger Distanz, mit Blick aufs Ganze.

Das geht nicht ohne Verluste ab. Yohanna Schwertfeger etwa setzt als Prinzessin Natalie mit am stärksten aufs Mienenspiel, um ihre anfangs nur fummelnde, später mit Verachtung vermengte Liebe zum Prinzen, ihre Verzweiflung über seine drohende Hinrichtung, ihre wohlmeinend verräterische Intrige zu seiner Rettung auszudrücken. Um ihre seelenvolle Mimik zu verstärken, ist sie duschfeucht frisiert und Wildfang-mäßig kostümiert (Nehle Balkhausen), obwohl ihre Rhetorik mit der Klaviatur ihrer Stimme allein zurechtkäme. Es ist eine Paraderolle für die Schöne im Karriere-Honeymooon, die so jung schon an den besten Häusern die Julien und Eves spielte und nun im Frankfurt-Debüt die Natalie. Und auch von Wolfgang Michaels strähnigem Umherschlurfen mit entgleister Physiognomie geht aus der Ferne manches verloren. Jede im Zweikampf erworbene Lüstlingsfalte ist an ihm ja so viel wert wie das resonante Lebendgewicht eines Opernsängers. Auch er weiß seinen Kurfürsten freilich zur Genüge in schrägen Posen im Raum und Brüllarien aus karpfenartig aufgesperrtem Maul zu markieren. Sein Friedrich Wilhelm: ein Lotterfürst von Michaels Gnaden.

Alles wahr. Doch erst die Totale rückt auch das Detail ins Bild. Den Auftritt des schlafwandelnden Prinzen, der bis zuletzt im Nachthemd spielt, als finde die blutige Realität der Schlachten nie Eingang in seinen Traum von Ruhm und Sieg, beginnt Felix Rech noch mittig auf der Vorderbühne, wo die traumlosen Kottwitz (Martin Rentzsch) und Hohenzollern (Stefan Konarske mit schroffer Ätzer-Stimme und Federbusch), die Feldmarschalle (Michael Benthin) und Fürstenfrauen (bestechend: Corinna Kirchhoff) ihn schief-lemurenhaft in Masken von der Seite anquatschen. Aber nicht lang, und der Bühnenraum dahinter schiebt sich auf, um uns Traumdünste, dann Pulverdampf preiszugeben. Rech spielt seinen Homburg unter ADHS-Gehabe mit weich-weiblichen Bewegungen, die vom Preußen-Stakkato der Befehlsausgabe abstechen. Während der aufmerksame Musterschüler-Rittmeister Golz (Alex Friedland) im Kanonenhagel aber versagen wird und das Zittern kriegt, hält dieser weibische Homburg bei aller Turnerei sichtbar stand und überträgt die traumhafte Sicherheit auf andere. Kriegsrausch: eine Infektion.

Wabert Wredes Musik oft im Mysteriösen, steigert die vollorchestrierte Klangpartitur der böllernden Kanonen und ins Mark gehenden Vibration fürs akustische Schlachten-Panorama mit Rumpf-Personal in kurzen Hosen um Grade. Mit den aus dem Nebel tretenden Kriegszitterern und blutig-ungerührten Kaugummikauern, die dem Nebel entfleuchen und glotzen, trägt der Soundtrack zu einem Gesamtkunstwerk vom preußischen Gründer-Getümmel bei Fehrbellin bei, wo es um Preußens Gloria ging.

Gut möglich, dass Thalheimer an die Schlachtbeschreibungen eines Stendhal und Tolstoi dachte: Alle irren umher, keiner begreift was, die Kausalität von Befehl und Sieg à la Kleist entschwindet im Bühnennebel. Als Homburg voreilig vorprescht, alle mitreißt und den Sieg erringt, bringt ihn die Insubordination vors Kriegsgericht des Fürsten und in Haft.

Damit gerät das Bühnenbild vollends in die Fülle der Regieidee. Unter jähem Krachen reißt es die Bühne gänzlich auf. Die Drehbühne unter Homburg versinkt ins Bodenlose und er, emporgerissen, hängt und zappelt als Marionette im weiten Raum über dem Abgrund. Welch ein Bild! Auf einmal ist der todbedrohte Träumer isoliert und aufgehoben wie der Pharao in der Pyramidengruft, wird der Raum zur Metapher des Ich in Homburgs „Lage, seit sie so seltsam sich verändert hat“. Im Kühlturm-Gewölbe ist er, der da mit widerhallender Stimme abzuckt, verwandelt wie ein Käfer. Geht die Rundtür am Zylinder auf und zu, denkt man womöglich an eine Laterna magica, was die filmischen Regie-Zeitlupen doppelt. Die Schwebe von Traum und Wirklichkeit im Stück ist beim Wort genommen und steigert sich ins Bild des Prinzen, der zwischen Tod und Leben im Nichts hängt.

Wo Kleist alles zur Komödie abbiegt, da des Fürsten Gnade noch ihren geläuterten Adressaten findet und den Lorbeer-Traum in Realität ummünzt, zieht Thalheimer die biografische Kleist-Pantomime vor. An Homburgs Brust schneidet sich Natalie den Hals ab, fast wie Kleist nicht lang nach diesem „Homburg“ den Doppelselbstmord wählte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare