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Probenbesuch: Junge Kolumbianer bereiten sich auf Rheingau-Musik-Festival vor

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Sie fiebern ihrer ersten Europatournee entgegen: Junge Musiker des „Filarmónica Joven de Colombia“. Und wenn bei Strawinsky ihre Instrumente tanzen, dirigiert Andrés Orozco-Estrada.

„Happy birthday to you“, fangen die Violinisten in der Pause spontan an zu spielen. Und sammeln sich um das Geburtstagskind: Die zierliche Bratschistin Valentina Pulido aus Kolumbien wird 21 Jahre alt und strahlt über das ganze Gesicht, als sie sich von ihren jungen Kollegen feiern, umarmen und beglückwünschen lässt. Sie ist eine von 100 Nachwuchskünstlern zwischen 16 und 26 Jahren, die zur Zeit mit der „Filarmónica Joven“ ihr Europa-Debüt geben. Seit einigen Tagen quirlen sie nun schon durch die Probezimmer im Hessischen Rundfunk, überfluten in temperamentvollen Grüppchen die Kantine und üben gemeinsam im großen Sendesaal am Frankfurter Dornbusch ihr anspruchsvolles Programm für die bevorstehende Tournee.

Alle acht Auftritte zwischen dem Rheingau-Musik-Festival (am heutigen Freitag im Kurhaus Wiesbaden und am morgigen Samstag open air auf Schloss Johannisberg) und Graz dirigiert ein berühmter Landsmann: Andrés Orozco-Estrada, Chefdirigent des HR-Sinfonieorchesters. Überhaupt heißt es auf der Probe im HR-Sendesaal nicht „Guten Morgen“, sondern „Buenos días“, nicht „Aufpassen“, sondern „Atención por favor“. Spanisch ist die Sprache der Wahl, und dem in Medellín geborenen Dirigenten ist am breiten Lächeln anzusehen, wie wohl er sich in seiner Muttersprache fühlt und wie außerordentlich es ihn freut, den jungen Klassikeleven mit Humor und Pädagogik den letzten Schliff zu geben.

Professioneller Austausch

Nicht nur Orozco-Estrada bemüht sich um die talentierten jungen Südamerikaner. Schlagzeuger Burkhard Roggenbuck ist einer von 13 „Dozenten“ des HR-Sinfonieorchesters, der die muntere Percussion-Truppe unter seine Fittiche genommen hat: Er ist begeistert von ihrer „erfrischenden Art“ und davon, wie virtuos sie mit Bongos und Congas umgehen. „Die beherrschen sie aus dem eff-eff“, sagt Roggenbuck sichtlich beeindruckt. Ein professioneller Austausch in beide Richtungen? Er nickt.

Seit fünf Jahren bereits arbeitet Orozco-Estrada regelmäßig mit dem herausragenden Jugendorchester, ist ihr Mentor, Förderer und in diesen zwei Ausnahmewochen auch ihr heimlicher Held. Die Zusammenarbeit sei „wirklich wunderbar“, schwärmt der zweite Violinist Daniel Cifuendo (24), der seit März in Frankfurt einen Studienplatz hat. „Mit ihm zusammenzuarbeiten, ist unglaublich, er benutzt seinen ganzen Körper, um uns alles zu zeigen“, sagt der wuchtige, in Bogotá geborene Südamerikaner mit den langen Haaren und dem verträumten Blick. Die Geige erscheint für seinen Riesenkörper zu klein, ein Puppeninstrument in den Händen eines Giganten. Erst studierte er in Salzburg, ist aber dann nach Frankfurt gewechselt. Auch, weil es in der Mainmetropole mehr soziales Leben gibt als im feinen Salzburg, weil er mehr Konzertmöglichkeiten hat und weil hier so „unterschiedliche Kulturen wunderbar zusammenleben“.

Achtung, die Probe geht weiter! Daniels braune Hände strecken die Geige plötzlich waagerecht in die Höhe, goldene Hörner blitzen über dunklen Haarschöpfen, selbst die wuchtigen Celli werden sanft von ihren Spielern in die Höhe gestemmt. Was ist da los? Wieso spielen die jungen músicos nicht einfach auf ihren Instrumenten? Das, was sie gerade tun, heißt Orchester-Choreografie, und Gabriel Galindez Cruz ist der Tänzer, der sie sich ausgedacht hat. Energisch steht das Mitglied der Sasha-Waltz-Tanzcompagnie am Pult und zählt auf Spanisch bis zwölf, damit auch wirklich jeder weiß, wann er dran ist.

Auf dem Notenpult steht: Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“. Und wieder war Orozco-Estrada, oder „Maestro Andrés“, wie ihn der untersetzte Tänzer lächelnd nennt, Initiator der ungewöhnlichen Idee, das „Frühlingsopfer“ mit einer Licht-, Design- und Orchester-Choreografie auszugestalten.

Liegt das nahe? Schließlich war Strawinskys Skandalmusik von 1913 ein Auftragswerk für Djagilews ambitioniertes „Ballets Russes“. Wieso also nicht das Orchester und die Instrumente tanzen lassen? Wieso Musik nicht mit allen Sinnen erleben? Wieso als Orchesterleiter nicht Teil der Choreografie sein, zumal, wenn man berühmt ist für seinen eigenwilligen Tanzstil beim Dirigieren? Klar, sagt Cruz in der Pause, keiner tanzt am Pult wie „Maestro Andrés“.

Gold und Edelsteine

Zwei verschiedene Rituale habe er in seine Kreation eingebaut: heidnische Tänze aus dem alten Russland und die kolumbianische Sage von „El Dorado“. Die besagt, dass jeder neue Herrscher der Muisca-Indianer dem Sonnengott ein Opfer im Bergsee nahe Bogotá darbringen musste. Der nackte Körper des Königs wurde mit einer Paste aus Goldstaub eingerieben. Dann fuhr er auf einem Floß mitsamt Gold und Edelsteinen auf den See und warf alles hinein. Danach sprang er selbst ins Wasser, und der Goldstaub seines Körpers sank mit den Schätzen auf den Grund. Der Gedanke des russischen und kolumbianischen Opferns führte Cruz zur finalen Idee: In der klassischen Konzertaufstellung ist der Dirigent, in diesem Fall „Maestro Andrés“ selbst, König und Opfer zugleich. Die Instrumente werden zu „sakralen Objekten“, die Teil des Rituals sind.

Für die jungen Musiker ist das eine zusätzliche Herausforderung. „Ich fühle viel Stress,“ sagt der 26-jährige Jonathan Saldarriaga in gebrochenem Deutsch, „denn ich habe keine Chance, vor meinem großen Solo etwas auszuprobieren, ich muss direkt spielen.“ Wie sein Chef stammt der Solofagottist aus Medellín und studiert seit kurzem in Würzburg. Sein Trick gegen die Nervosität? „Einfach viel üben und eine gute Technik.“ Und weiter: „Dazu ruhig denken und ruhig atmen.“

Und das Geburtstagskind Valentina Pulido? Sie ist das erste Mal überhaupt in Europa. Deutschland findet sie „großartig durchorganisiert“, die Kultur, besonders „die Architektur der Städte“ sei so ganz anders als in Ibagué, ihrer Heimatstadt. Wie wird sie heute ihren großen Tag noch feiern? „Con la musica“, sagt sie und lacht mit den Augen.

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