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Eleanor Riese (Helena Bonham Carter, links) fühlt sich in der Psychiatrie falsch behandelt und sucht Beistand bei der Anwältin Colette Hughes (Hilary Swank).

Interview

Psychische Erkrankungen: Regisseur Bille August spricht über "Eleanor & Colette"

Mit Helena Bonham Carter und Hilary Swank in den Hauptrollen geht es um die Patientin einer Nervenklinik, die sich gerichtlich gegen Zwangsbehandlung wehrt.

Bille August (69) ist der hierzulande bekannteste dänische Filmemacher neben dem jüngeren Lars von Trier. Bekannt wurde der in Kopenhagen Geborene durch den Abenteuerfilm „Pelle der Eroberer“ sowie die Literaturverfilmungen „Das Geisterhaus“ und „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. Mit „Eleanor & Colette“ greift der Regisseur nun eine wahre Geschichte aus dem Amerika der 80er Jahre auf. Es geht um die Psychiatrie-Patientin Eleanor, gespielt von Helena Bonham Carter, die sich gegen die Zwangsbehandlung mit bestimmten Medikamenten wehrt und die Hilfe einer Rechtsanwältin (Hilary Swank) in Anspruch nimmt. Martin Schwickert sprach mit Bille August über dessen neues Kinowerk.

Mr. August, „Eleanor & Colette“ erzählt von einem Gerichtsfall in den USA der 80er Jahre. Mit ihrer Anwältin Colette Hughes hat damals die Psychiatrie-Insassin Eleanor Riese gegen die Zwangsbehandlung mit Psychopharmaka und für ein Mitspracherecht der Patienten bei der Wahl der Medikamente geklagt. Was hat Sie an dieser Geschichte interessiert?

BILLE AUGUST: Dieser Fall hat den medizinische Umgang mit psychisch Kranken in den USA grundlegend verändert und ist für die Betroffenen bis heute von großer Bedeutung. Aber besonders hat mir die Entstehung dieser ungewöhnlichen Freundschaft zwischen den beiden Frauen gefallen. Auf der einen Seite ist da Eleanor, die durch ihre Krankheit geistig zurückgeblieben ist, sich oft wie ein Kind benimmt, aber diese sehr offene Art im menschlichen Umgang hat. Auf der anderen Seite ist Colette, die eine sehr versierte Rechtsanwältin ist, aber keine richtige Verbindung zu ihre eigenen Gefühlen aufbauen kann. Es hat mich sehr berührt, wie aus dieser seltsamen Kombination eine enge Freundschaft erwächst. Es ist eine Art Ying-&-Yang-Beziehung. Die beiden ergänzen sich auf ein sehr spezielle Weise.

Der Rechtsstreit fand in den 80er Jahren statt. Welche Bedeutung hat diese Geschichte in der heutigen Zeit?

AUGUST: Wir leben im reichen Teil der Welt, und in einer solchen Wohlstandsgesellschaft würde man erwarten, dass die Menschen glücklich sind. Aber das Gegenteil ist der Fall: Es gibt mehr psychische Erkrankungen als je zuvor. Viele leiden an Depression. Die Selbstmordrate ist sehr hoch. Deshalb hat das Thema heute fast noch eine größere Relevanz. Wir müssen als Gesellschaft darüber reden und die Betroffenen mit Respekt behandeln.

Filme über psychisch Kranke neigen oft dazu, die Betroffenen auf die Opferrolle zu beschränken. Wie haben Sie diese Falle umgangen?

AUGUST: Ich habe vor einigen Jahren mit „Good Bye Bafana“ einen Film über Nelson Mandela gedreht und in der Vorbereitung mit ihm korrespondiert. Er schrieb mir, das Wichtigste sei, dass ich die Realität respektiere. Das habe ich mir auch bei diesem Film zu Herzen genommen. In erster Linie geht es darum, dass man mit der Realität dieser Menschen respektvoll umgeht. Das setzt eine gründliche Recherche voraus. Ich habe psychiatrische Kliniken besucht, mit Patienten gesprochen und zahllose Video-Interviews mit Betroffenen angeschaut. Helena Bonham Carter hat sich sehr ausführlich auf die Rolle vorbereitet. Für eine Schauspielerin ist es sehr schwer, eine psychisch Kranke zu spielen, weil man da schnell ins Klischee abrutschen kann. Uns war es wichtig, alles so glaubwürdig wie möglich zu gestalten.

Gleichzeitig gibt es eine Faszination gegenüber psychisch Kranken, wie sie etwa in „Einer flog übers Kuckucksnest“ bedient wird.

AUGUST: Es gibt natürlich eine Faszination, weil die Betroffenen im direkten Wortsinn außergewöhnliche Menschen sind. Sie verhalten sich anders als wir es gewohnt sind, und da hat man Berührungsängste. Aus diesem Grund ist es auf der Leinwand besonders interessant, sich solche Menschen genau anschauen zu können. Und gerade deshalb muss man mit solchen Filmfiguren besonders respektvoll umgehen. Eleanore ist zwar durch ihre Krankheit auf dem geistigen Stand einer 12-Jährigen geblieben, aber das heißt nicht, dass sie dumm war. Sie hatte eine große Klarheit und Direktheit im Umgang mit Menschen. Sie war furchtlos und hatte ein sehr großes Herz.

Wie schwer ist es heute, einen Film über ein solch eher unbequemes Thema zu finanzieren?

AUGUST: Vor zehn Jahren hatten die großen amerikanischen Studios noch kleine, engagierte Unterabteilungen, in denen solche Projekte realisiert werden konnten. Aber heute fließt das ganze Geld nur noch in die riesigen Blockbuster-Produktionen. Immer mehr Filmemacher mit anspruchsvolleren Themen weichen deshalb mit ihren Produktionen nach Europa aus. Wir haben unseren Film in Deutschland gedreht, obwohl er ja in San Francisco angesiedelt ist. Nur einige Außenaufnahmen haben wir in San Francisco gedreht. Wir haben den Film in den Vereinigten Staaaten gezeigt, und keiner hat einen Unterschied gesehen. Ich habe den Dreh in Deutschland sehr genossen. Die Crew hat genau verstanden, was für eine Art Film wir machen wollten, und dass man dafür ein ruhiges, friedliches Umfeld braucht. In Amerika sind ja immer unzählige Leute am Set. Das liegt schon an den Gewerkschaftsvorschriften. Das ist immer sehr laut und hektisch. In Deutschland konnten wir sehr viel konzentrierter arbeiten.

Eleanor & Colette

Vom 3. Mai an in den Kinos

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