Bellini-Oper

"Puritani" feierte an der Oper Frankfurt Premiere

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Grandioser Gesang, schwierige Inszenierung: Vincent Boussard führt Regie, Tite Ceccherini dirigiert. Die Musik trägt den Premieren-Abend.

Dunkel. Düster. Finster. Dreieinhalb Stunden Requiem. Vincent Boussard inszeniert allerdings nicht „La Somnambula“ (Die Nachtwandlerin) von Vincenzo Bellini, sondern „I Puritani“, Bellinis letztes Meisterwerk von 1835. Kurz darauf starb der Komponist. Wurde der von Affären umwitterte Italiener in Paris von Nebenbuhlern oder Mitwissern ermordet? Vergiftet? Ja, diese Jahre haben es in sich.

Bürgerliche Freiheiten suchen sich frische Luft – sie wehte in Paris, wie so oft. Verschwörungs-Phantasien beherrschen die Salons, die Lust an Schauergeschichten und schwarzer Romantik. Johannes Leiacker baut für sie drei Stockwerke Arkaden, eine ausgebrannte Theaterruine; die Türbögen in den rohen Mauern führen nicht mehr in elegante Logen, einst konspirative Rückzugsorte, sondern stoßen an notdürftig gesicherte Balustraden. Hier, am Abgrund, versammelt sich der Chor, Männer und Frauen der „besseren“ Gesellschaft in schwarzem Frack und schwarzem Zylinder, die Damen in abgestuften Purpur-Roben (Kostüme: Christian Lacroix), mit samtenen Stimmen, präzise vorbereitet von Tilman Michael.

Damit aber nicht genug. Die Handlung der Oper – mit der krisenhaften Beziehung von Elvira und Arturo im Mittelpunkt – wird mit dem Leben des Komponisten und seiner Zeit verbunden. Der Versuch einer biographischen Werkdeutung also.

Bellini tritt leibhaftig auf; noch vor der Ouvertüre wird er von einem Todesengel (die Tänzerin Sofia Pintzou) zu Klängen von Klaviermusik Franz Liszts erwürgt und begraben. Am Schluss sitzt der Komponist wieder vergnügt am Klavier, als sei nichts geschehen. Im letzten Moment aber knallt es, ein Schuss aus dem Hinterhalt trifft ihn. Alles erstarrt.

Tod des Komponisten

Der Kreis dieser erfundenen Rahmenhandlung schlösse sich also, hätte nicht zu Beginn der Komponist einen anderen Tod gefunden. So reizvoll diese Idee auch ist – sie passt in der Praxis nicht, oder ist nicht gut genug gemacht. Zumal solche gedanklichen Erweiterungen mit der Musik in Einklang gebracht werden müssen.

„I Puritani“ zeigen Bellini als Meister der Entwicklung großformatiger Dramatik. Er zieht alle Register der Gesangskunst und der harmonischen Möglichkeiten seiner Zeit; die Musik beleuchtet Empfindungen und Gefühle der Personen von verschiedenen Seiten, um schließlich virtuose Konsequenzen zu beschwören. Die Portamenti und Koloraturen sind kein Selbstzweck, sondern stellen sich, streng an die Sprache gebunden, in den Dienst des Ausdrucks.

Die Oper an sich wird also als Theater im Theater gespielt, zwei Akte lang hinter einem durchsichtigen Schleiervorhang. Er deutet ein riesiges Guckloch an, dient als Fläche für allerlei Projektionen (Isabel Robson), schafft aber auf Dauer auch eine missliche psychologische Distanz zum Geschehen. Carlo Pepolis Libretto vermischt den archaischen Opernkonflikt „Liebe gegen Staatsraison“ mit genretypischen Themen wie Eifersucht, Missverständnis und Verrat.

Historische Folie ist der englische Bürgerkrieg um 1650, parlamentarische Puritaner (mit Oliver Cromwell an der Spitze) gegen Anhänger des Stuart-Königs Karl I. Arturo, Elviras königstreuer Wunschehemann, rettet kurz vor der Hochzeit, unter dem Brautschleier der Geliebten, die gefangene französische Königin Enrichetta (unheimlich und entrückt: Bianca Andrew).

Prozess um Hochverrat

Damit liefert er den Anlass für Spekulationen und Verwicklungen, die in einem Hochverratsprozess münden; der von Elvira verschmähte Riccardo (ein stabiler, im Vibrato etwas fester Bariton: Jurii Samoilov) wittert Morgenluft, bevor Sir George verkündet: der Krieg ist aus, alle Gefangenen werden befreit.

Da ist also das „lieto fine“, ein Happy End, wie in der Barockoper, und eben der Ort, an dem es der Regie nicht zu erklären gelingt, warum Arturo alias Bellini, im Gegensatz zum Libretto, gemeuchelt wird.

Getragen wird der Abend, bei aller Düsternis und Langsamkeit, von der musikalischen Seite. Angefangen beim Orchester, das unter Tito Ceccherini dem Gesang ein weiches Bett bereitet, selbst wenn er – allzu oft – aus dem Off kommt. Nur selten wird es laut, ohne dass die vielfältige piano- bis mezzoforte-Dynamik je die Farbe verlöre. Wichtig ist das vor allem im statuarischen ersten Akt, der viele Merkmale einer konzertanten Aufführung aufweist.

Grandiose Sängerstimmen

Resolut sind die beiden Bässe (Lord Valron: Thomas Faulkner; Sir Giorgio: Kihwan Sim), alte Herren, die glauben, die Fäden in der Hand zu halten. Überragend John Osborn (Arturo), ein leichter, beweglicher, heller, auch im mezzavoce in die Höhe gelangender „tenore spinto“, bruchlos bis zum dreigestrichenen F hinauf – just an jenem Punkt, wo Arturo (in Boussards Lesart) schon im Sterben liegt. Hier wie ein Todesschrei, gedacht aber als Ausbruch höchster Erregung.

Weltklasse ist Brenda Rae als Elvira. Ihre Stimme bietet alles, was diese Rolle braucht: schmelzendes Legato, perlend virtuose Koloraturen, leichtes Staccato, kluge Atemführung. Zwei Wahnsinnsszenen billigt der Komponist dieser Partie zu, in beiden folgt das Publikum der im Frankfurter Ensemble großgewordenen Sängerin atemlos.

Wenn eine Pariser Zeitung die erste „Puritani“-Aufführung nach Bellinis Tod als „Requiem“ bezeichnete, meinte sie sicher das ewige Licht, das diese Musik über die Operngeschichte ausgießt – auch an einem düsteren Abend, wenn so gesungen wird wie in Frankfurt. Beifall und Buhs verteilen sich entsprechend.

Rubriklistenbild: © Oper Frankfurt

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