Serie

Rabbinerin Elisa Klapheck: Vorreiterin für emanzipierten Umgang mit dem Judentum

Ein neuer Antisemitismus bedroht das friedliche Zusammenleben in Deutschland. Was bewegt Jüdinnen und Juden, die in Frankfurt und der Region leben? Woran arbeiten sie? Was bedeutet ihnen das Jüdischsein? In einer Serie stellen wir in den kommenden Wochen in loser Folge Menschen aus den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Religion vor. Heute: Elisa Klapheck.

„Es ist ein symbolischer Ort“, sagt die Frankfurter Rabbinerin Elisa Klapheck. Sie zeigt auf das 2014 fertiggestellte Hochhaus der Europäischen Zentralbank (EZB), das in die frühere Großmarkthalle hineingesetzt wurde. Klapheck hat den Frankfurter Osthafen, das Areal rund um die EZB, bewusst als Treffpunkt gewählt. Die Banken symbolisieren für sie den internationalen Austausch. „Die EZB ist die Bank, die mit ihren Finanzierungen Europa möglich macht“, betont Klapheck. Der Ort stehe, so die Rabbinerin, auch für die 1928 errichtete Großmarkthalle – „für die Idee des Marktes, aber nicht allein des Geldmarktes, sondern des Marktes an sich“. Ab 1941 nutzte das NS-Regime jedoch das Gebäude als Sammelplatz für Massendeportationen von Juden. Mittlerweile erinnert ein Mahnmal an die Deportationen.

Dieser Ort des Handels, zu dem die europäischen Juden jahrhundertelang entscheidend beigetragen haben, wurde in der Schoah in sein Gegenteil verkehrt. Jahrzehnte später wird er zu einem Zentrum des geeinten Europas – für Klapheck die geeignete Kulisse, sich mit der Bedeutung des Judentums in der heutigen Gesellschaft auseinanderzusetzen.

Im Gespräch wirkt Elisa Klapheck, Jahrgang 1962, zugewandt und präsent. In der Sache kann sie ernst und durchaus kämpferisch sein. Ihren Kopf bedeckt sie mit einer Kippa. Seit 2009 ist Klapheck Rabbinerin der liberalen Synagogengemeinschaft „Egalitärer Minjan“ in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Dort beten Frauen und Männer gleichberechtigt. Zuvor war sie Rabbinerin einer liberalen Gemeinde in Amsterdam.

Klaphecks Arbeitsalltag hat wenige Konstanten. „Wir treffen uns jeden Schabbat in der Synagoge, abwechselnd Freitagabend und Samstagmorgen“, berichtet die Rabbinerin. Sie leitet Gottesdienste, macht Vorträge, lehrt das Judentum, liest mit ihrer Gemeinde den Talmud und redet über die Tora, die hebräische Bibel. „Meine Spezialität ist, dass ich das aus einer heutigen Sicht interpretiere“, sagt Klapheck. Trotz liberaler Auslegung bleibt die Religion für sie ein Fixpunkt: „Es muss immer noch jüdisch sein.“

Ihre Hauptaufgabe als Rabbinerin sieht Klapheck darin, eine jüdische Gemeinschaft herzustellen, in der sich jeder entwickelt und auch zu Hause fühlt. Ihre Gemeinde begleitet sie durch alle Lebensstationen: Geburt, Bat-Mizwa für Mädchen, Bar-Mitzwa für Jüngen, Hochzeit, Partnerschaften und Beerdigung.

Dass Klapheck in Frankfurt wirkt, ist kein Zufall. Sie verweist zum einen auf die intellektuelle Tradition der Stadt, auf Figuren des deutschen Judentums wie Franz Rosenzweig und Samson Raphael Hirsch, aber auch auf Martin Buber und Bertha Pappenheim. „Der andere Aspekt ist, dass Frankfurt schon seit vielen Jahrhunderten ein internationaler Handelsplatz ist, und Juden hier mitgewirkt haben“, hebt die Rabbinerin hervor.

Sie setzt sich dafür ein, mit Stolz auf die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte des Judentums zu blicken. Mit anderen wirtschaftsinteressierten Frankfurter Juden hat Elisa Klapheck den Verein „Torat Ha-Kalkala“ gegründet, der sich angewandter Wirtschafts- und Sozialethik widmet.

Der Weg zum Rabbinerberuf war für Elisa Klapheck zunächst nicht vorgezeichnet. Ihr Vater ist der bekannte Düsseldorfer Maler Konrad Klapheck, dessen Bilder auch im Städel zu sehen sind. Ihre Mutter wurde in Rotterdam geboren. So ist Klapheck auch mit der niederländischen Sprache aufgewachsen. Elisa Klapheck hat Politologie, Judaistik und Rechtswissenschaft studiert. Sie arbeitete als Zeitungs- und Fernsehjournalistin, war zudem Pressesprecherin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. In der Hauptstadt hat sie 20 Jahre verbracht.

„Ursprünglich habe ich mich nicht als religiös verstanden“, erinnert sich Klapheck. Während ihrer Tätigkeit als Pressesprecherin fing sie ein Rabbinatsstudium an: „Ich habe dann irgendwann gesagt, ich bin religiös.“

Eine wichtige Rolle bei ihrem Entschluss, Rabbinerin zu werden, spielte Regina Jonas. Die erste Rabbinerin der Welt wurde 1935 in Offenbach ordiniert und starb 1944 in Auschwitz. Elisa Klapheck schrieb ein Buch über Jonas, deren Nachlass erst in den neunziger Jahren entdeckt wurde. „Es war eine unglaubliche Auseinandersetzung“, sagt Klapheck. Regina Jonas’ Abschlussarbeit an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums trug den Titel „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ Im Zuge der Beschäftigung mit Jonas fragte sich Klapheck: „Kannst du das rabbinische Amt bekleiden?“ Die Frage führte letztlich zum Ziel: „Dann habe ich mich entschieden, ich werde Rabbinerin.“

Ihre jüdische Identität möchte Elisa Klapheck aktiv ausleben: „Es reicht nicht, einfach nur Jüdin zu sein.“ Sie betont: „Ich gehe kreativ mit dem Judentum um.“. Für die jüdische Welt wünscht sie sich einen kreativen Umgang mit der Tradition. „Das fehlt mir noch zu stark“, beklagt die Rabbinerin. Sie resümiert selbstbewusst: „Da sehe ich mich als Vorreiterin.“

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