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Schlabber-Look mit Maske: So mögen die Fans ihren Cro. Diesmal jubelten sie in der Frankfurter Festhalle.

Deutsch-Rap

So war das Cro-Konzert in Frankfurt

Das melancholische Deutsch-Rap-Spektakel vereint Eltern und Kinder: Cro schlägt ein neues Kapitel auf und hebt ab in ungekannte Sphären.

Ganze Familienverbände sind da: Papa mit Mama an der Hand führt die Halbwüchsigen und deren jüngere Geschwister an. Manchmal gesellen sich auch noch die Großeltern um die Sechzig hinzu – mitunter gar hipper und fitter, als der mit Arbeit, Haushalt, Kindererziehung und sonstigen Sorgen belastete 20 Jahre jüngere Nachwuchs. Immerhin: Jetzt haben alle mal frei. Denkste. Muss sich das männliche Oberhaupt der Familie für alle anderen doch am Imbiss anstellen, um Getränke, heiße Rindswurst, was zum Knabbern und weitere Leckereien zu besorgen.

Poppig unverfänglich

Später, als der Mutlangener Rapper, Multiinstrumentalist, Komponist, Texter und Produzent Carlos Waibel alias Cro schon seine exzentrischen Faxen in einer Kulisse treibt, die auf den ersten Blick ausschaut, als säße er auf einem Asteroiden fest, der aber nur eine riesige Replik seiner Pandamaske ist, hottet der Papa von allen am heftigsten ab auf die soulig-jazzigen Grooves. Schießt Fotos, dreht Videos, fragt Nachrichten auf dem Handy ab und darf zuguterletzt zeitweilig auch noch das Nesthäkchen auf seinen Schultern tragen. Und da wundert sich die Wissenschaft, warum Männer eine kürzere Lebenserwartung als Frauen haben!

Das Gastspiel des nunmehr mit komplett weißer Plastik-Pandamaske ausgestatteten 28-jährigen Cro bietet ein ambivalentes Bild. Da steht ein hagerer Typ im Mega-Schlabber-Look zu weißen Designer-Sneakers. Galt Carlos Waibel zum Karrierestart noch als Inbegriff reiner Positivität, guter Laune und niedlicher Kuschelbärchen-Aura – als strikter Gegenentwurf zum doof provokanten „Meine-Eier-sind-die-dicksten“-Gangsta-Rap à la Bushido, Kollegah und Farid Bang –, so wirkt der Schlaks nunmehr um einiges nachdenklicher und melancholischer, aber auch experimentierwilliger und unberechenbarer. Seine Maske trägt er – im Gegensatz zu Sido – noch immer. Angeblich, um in der Öffentlichkeit privat bleiben zu können. Verständlich. Wer möchte schon im Restaurant zwischen zwei Happen auf Selfies und Autogramme angesprochen werden? Sollten nicht alle Künstler Masken tragen? Jedenfalls feiern die Familien, Pärchen, Gruppen und vereinzelten Solobesucher ihn und seine kleine hochwertige Entourage in der nicht ganz ausgelasteten Festhalle bei poppig Unverfänglichem wie „Du“, „Hi Kids“ und „Einmal um die Welt“ ordentlich ab. Hörig folgen sie sämtlichen Anweisungen des Animationsprogramms im Imperativ wie „Handylicht an!“, „Ich lieb es, wenn ihr mitsingt!“ und „Ich will alle Arme oben sehen!“. Als Cro im Fotograben umherstreift, um unzählige Hände abzuklatschen, bricht eine Hysterie aus, als würde der Messias auf dem Wasser wandeln. Das gibt es doch nicht – ein Wunder ist geschehen: Cro zum Anfassen!

Kommt jedoch das Material vom dritten Studiowerk „tru.“ (2017) ins Spiel, das wie die beiden Vorgänger auf Rang eins der Albumcharts gelandet ist, gerät der Muntermachereffekt zumindest ein wenig ins Stocken. Breitet Cro doch auf „Denglisch“, also einem Mischmasch aus Deutsch und Englisch, eine tiefe Nachdenklichkeit aus – über sich selbst, aber auch über das Leben in der Gegenwart.

Bei „Forrest Gump“ etwa hockt er in sich versunken auf der Pandamaske, um sein bisheriges Leben zu reflektieren. Auch „Computiful“, „Fake You“ und der Titelsong sind auf surreal-bekiffte Art und Weise der Hinterfragung der eigenen Identität, aber auch den Themen Scheinwelt und Falschmeldungen im Internet gewidmet. Obwohl sich um Cro mehrere Begleiter scharen, ein Multiinstrumentalist an Keyboards und Gitarren, ein Schlagzeuger sowie Duoharmoniechor inklusive der deutschen R ’n’ B-Sängerin Ace Tee, kommen manche Töne aus der Konserve, lenken sich viele Gesangspassagen über Autotune.

Im Konfetti-Regen

Kein Frevel. Denn Cro und Co., darunter auch der Stuttgarter Rapper Danju (ehemals Dajuan) bei „Meine Gang“, spielen auch jede Menge live aus dem Stegreif. Leisten sich gar eine kleine Drum-Battle mit Cro am Trigger-Pad gegen den Schlagzeuger. Oder Cro greift mal zum Bass, dann wieder sitzt er für mehrere Songs konzentriert am E-Piano. Derweil spuckt die gigantische Projektionsfläche im Hintergrund im Sekundentakt vorproduzierte monumentale Impressionen aus.

Nicht fehlen dürfen selbstverständlich die Hits „Easy“, „Traum (Dream)“ „Bad Chick“ und „King Of Raop“. Nachdem das offizielle „Bye Bye“ schon im ersten Zugabenteil die recht aufgepeitschte Fangemeinde ereilt, beendet erst ein weiteres Song-Segment den Partyreigen:

Im Konfetti-Regen

entschwindet Cro in die „Unendlichkeit“, allerdings nicht, bevor er mit „Dankeschön Frankfurt, ich liebe euch alle!“ seinen Fans den Segen erteilt hat. Und Papa darf die Seinen nun wieder um sich sammeln, schließlich koordiniert er ja die Heimfahrt im Diesel-Van.

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