Isaak Dentler in Heiner Müllers "Der Auftrag".
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Isaak Dentler in Heiner Müllers »Der Auftrag«.

Regiestudio im Schauspiel Frankfurt

Rasender Stillstand

  • vonAstrid Biesemeier
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Mizgin Bilmen inszeniert in der Reihe Regiestudio im Schauspiel Frankfurt Heiner Müllers „Der Auftrag“.

Minutenlang rennt Isaak Dentler auf der Stelle und sagt dabei immer wieder „Fünf Minuten vor der Zeit ist die wahre Pünktlichkeit“. Es ist ein Vergeblichkeitssprint gegen die Zeit und die Verhältnisse. Seine Überlegungen, wie er den Gegebenheiten ein Schnippchen schlagen könnte, klingen aberwitzig und könnten auch von einem Kafka- „Helden“ stammen. Es ist jedoch Heiner Müllers Mann im Fahrstuhl, der da spricht.

Die gedanklichen Verrenkungen, die dieser Mann anstellt, um wider alle Umstände seinen Chef zu erreichen, setzt Dentler auch körperlich um. Es ist ein Bild des rasenden Stillstands. Beim Zusehen und -hören meint man etwas von dem Druck, den man in den nahegelegenen Bankentürmen vermutet, zu spüren.

Doch auch wenn dieser Mann im Fahrstuhl bis dahin ein Bild für einen Kapitalismus sein könnte, der unentwegt versucht, sich selbst zu überholen, zeigt die Inszenierung von Mizgin Bilmen in der „Box“: Revolution ist keine Alternative. Utopien sind im Leben am Ende nicht wirklich zu haben.

Denn Müllers „Der Auftrag“ versammelt drei Revolutionäre, die auf Jamaika einen Sklavenaufstand planen. Ihr Revolutionsauftrag wird jedoch von der Geschichte überholt – sie müssen selbst entscheiden, welches Leben sie wollen. Zwar heißt es bei Müller, „der Aufstand ist die Heimat der Sklaven“. Martin Rentzsch, in der Rolle des Sohns von Plantagenbesitzer Debuisson, spottet, dass die Freiheit für die Sklaven eine unerreichbare Geliebte sei. Auch wenn er dabei jovial klingt und den Schwarzen Amel-Logan Breudji freundlich dabei ansieht – in der Hand hält er selbstgefällig eine dicke Zigarre.

„Der Auftrag“ gehorcht keiner linearen Logik. Mizgin Bilmen versucht auch nicht, eine stringent wirkende Erzählung daraus zu formen, selbst wenn die Figuren zeitweise sehr menschlich wirken. Zwischen verschiebbaren Elementen mit Strahlern und einem Haufen rötlicher Erde (Bühne: Sabine Mäder) lässt sie einzelne Szenen spielen. Wenn Dentler und Moritz Pliquet ihre Oberkörper schwarz und weiß einfärben, schafft es Bilmen doch, dem „Auftrag“ das etwas Lehrstückhafte auszutreiben. Gefallen findet Bilmen an der gegenwärtigen Welt offenbar nicht: Ausgerechnet wenn der Mann im Fahrstuhl in Peru landet, singt Manu Chao aus dem Off „Clandestino“. Welche Ironie.

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