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Raus aus der Großstadt ans Meer

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Das Gemälde ?Roter Baum am Strand? von Ernst Ludwig Kirchner, entstanden 1913, feiert den Mensch in freier Natur.
Das Gemälde ?Roter Baum am Strand? von Ernst Ludwig Kirchner, entstanden 1913, feiert den Mensch in freier Natur. © Abb.: GDKE Landesmuseum Mainz

Die deutschen Expressionisten begeisterten sich für die Nord- und Ostsee. Im Mainzer Landesmuseum ist dies in einer Schau mit rund 70 Werken nachzuverfolgen.

Von CHRISTIAN HUTHER

Alles begann mit dem uralten, ewig neuen Protest der Jungen gegen die Alten. Die „Brücke“-Künstler sorgten für neuen Wind unter den „wohlangesessenen älteren Kräften“ und luden zum Mitmachen ein: „Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt“. So formulierte es Ernst Ludwig Kirchner, der Mitinitiator der im Juni 1905 in Dresden gegründeten Künstlergemeinschaft.

Ihr gehörten Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Fritz Bleyl und zeitweise Emil Nolde, Max Pechstein und Otto Mueller an. Bei der Auflösung 1913 galt die „Brücke“ bereits als Inbegriff des deutschen Expressionismus. Die Künstler aus der Großstadt suchten Zufluchtsorte in der Natur wie die Moritzburger Teiche bei Dresden. Oder das nordfriesische Seebüll, wo Emil Nolde im Sommer weilte, den Winter aber in Berlin verbrachte.

Nolde und die „Brücke“-Künstler stehen jetzt im Zentrum einer Ausstellung des Mainzer Landesmuseums, die sich um das gemeinsame Interesse an der norddeutschen Landschaft dreht. Die Schau versammelt bis 9. Oktober von Emil Nolde rund 35 Gemälde, Aquarelle und Druckgrafiken sowie 35 weitere Werke seiner Kollegen. Der Großteil der Leihgaben stammt aus Flensburg, das noch heute ein Zentrum des Expressionismus ist.

In Mainz sind die Bilder locker nach Themen, Motiven und Orten gruppiert. So lassen sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede gut verfolgen, auch wenn die Werke teils Jahrzehnte auseinander liegen, von der Zeit um 1900 bis in die 60er Jahre. Die Schau beginnt mit Noldes originellen Ansichtskarten der Schweizer Berge, denen er humorvolle oder karikierende Gesichtszüge verlieh. Damit verdiente er 1897 so viel Geld, dass er sich für eine Weile sorglos dem Malen hingeben konnte. Diese Berg-Porträts zeigen sein Verständnis einer beseelten Natur, in die er aber nie Menschen stellte, im Gegensatz zu den „Brücke“-Kollegen.

Nolde liebte auch ungewöhnliche Farben – bei ihm strahlt das Meer blau und rot, der Himmel gelb, die Wolken rosa. Von diesen „Farbstürmen“ waren die „Brücke“-Mitglieder so fasziniert, dass sie Nolde 1906 als Mitglied aufnahmen.

Flache Landschaft

Freilich suchte jeder Künstler andere Orte oder Inseln an der Nord- und Ostsee auf, von Dangast (Heckel und Schmidt-Rottluff) über Fehmarn (Kirchner) bis ins heute polnische Leba (Pechstein). Die Vorliebe für die flache Landschaft, das weite Meer und den tiefen Himmel einte die Gruppe. Doch in der Wahl der künstlerischen Mittel gingen die Künstler sehr verschiedene Wege. So malten Pechstein und Schmidt-Rottluff einen ähnlich gelb schimmernden Himmel, aber Pechstein stellte davor eine figurative Fischerszene in reduzierten Farben. Schmidt-Rottluff hingegen brach die Formen, Flächen und Figuren auf, freilich in leuchtenden Farben. Und während Nolde die Natur monumental ins Bild rückte, ducken sich bei Kirchner die Menschen und die Bäume in der dynamisch gezackten, unruhig flackernden Natur.

Derlei Vergleiche ermöglichen dem Besucher etliche schöne Seherlebnisse. Allerdings wird nicht thematisiert, dass Nolde künstlerisch ein kühner Farbmagier, politisch aber ein sich anbiederndes Braunhemd war. Möglicherweise ist das auch nicht mehr nötig seit der Ausstellung im Städel vor zwei Jahren. Damals wurde schon im Vorfeld intensiv diskutiert über Noldes wirres Mitläufertum, irgendwo zwischen Täter und Opfer.

Die „Brücke“-Gruppe verließ Emil Nolde freilich schon nach 20 Monaten wieder. Er hatte sich mehr von der Mitgliedschaft erhofft, mehr Aufmerksamkeit, mehr große Ausstellungen und mehr Verkäufe. Auch vom Temperament her lagen Welten zwischen den Künstlern. Da Nolde ohnehin rund 15 Jahre älter war als die anderen Mitglieder der „Brücke“, fiel ihm der Abschied leicht.

Landesmuseum Mainz, Große Bleiche 49–51. Bis 9. Oktober, Di 10 bis 20 Uhr, Mi–So 10 bis 17 Uhr. Eintritt 6 Euro. Katalog 19,90 Euro. Telefon (0 61 31) 2 85 70. Internet

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