Der Städelgarten ist kein Paradies, aber die Schlange aus David Claerbouts Zeichentrickfilm ?Die reine Notwendigkeit? ist dort anzutreffen.
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Der Städelgarten ist kein Paradies, aber die Schlange aus David Claerbouts Zeichentrickfilm ?Die reine Notwendigkeit? ist dort anzutreffen.

Zeichentrickfilm in Garten des Frankfurter Städtels

Raus aus der Zivilisation, rein in den Urwald

Der belgische Künstler David Claerbout hat „Das Dschungelbuch“ neu gezeichnet. Ohne Hauptfigur Mogli und ohne Action ist es ein fast meditatives 60-Minuten-Werk.

Raus aus der Zivilisation, rein in den Urwald – so beginnt der Film, der den Betrachter weg von engen Häusern in ein beschauliches, aber fast zu ruhiges Paradies führt. Tatsächlich passiert nicht viel. Ein Panther trifft einen Tiger, dann eine Schlange, eine Elefantenherde, einen Bären, eine Gruppe von Affen und einige Geier. Schließlich schreitet ein junges Mädchen mit anmutigen Schritten zum Ufer eines Sees, singt herzzerzeißend schön von seiner Familie, füllt den mitgebrachten Krug mit Wasser, balanciert ihn auf den Kopf, blickt kurz zurück und entschwindet wieder in die nahe Wohnsiedlung.

Das ist alles an Handlung, gedehnt auf 60 sehr entspannende Minuten. Möglicherweise kommt diese Aneinanderreihung von Szenen manchem Betrachter bekannt vor. Immerhin geht es um eines der bekanntesten und erfolgreichsten Jugendbücher der Welt. „Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling führt sogar in Walt Disneys Verfilmung von 1967 bis heute die Liste der Filme mit den meisten Besuchern in Deutschland an. Gegenüber diesem Klassiker fehlt aber bei David Claerbout die Hauptfigur, der von Wölfen großgezogene Junge Mogli. Es gibt weder gute, noch böse Tiere und damit keinen Spannungsbogen. Auch auf Farben wird verzichetet, die Tiere bestehen nur aus schwarzen Umrisslinien.

Entschleunigte Energie

Doch die erste Enttäuschung weicht nach wenigen Minuten dem Gefühl einer großen Ruhe im Garten des Frankfurter Städels, wo David Claerbouts Film bis 23. Oktober auf einer sechs mal vier Meter großen Leinwand läuft, nah bei den Bullaugen, unter denen sich der unterirdische Anbau für die moderne Kunst befindet. Von 8 bis 22 Uhr startet der Film zu jeder vollen Stunde als „Loop“ (Schleife) wieder von vorne.

Der Film steht für das Leben als langsamen Fluss von Ereignissen, aber ohne Dramen. David Claerbout hat bewusst die Handlung reduziert, er will einen steten, aber gemächlichen Energiefluss zeigen, im Gegensatz zum sonst üblichen Auf und Ab der Gefühle und Ereignisse. Ein sehr suggestiver Film, dem man sich nur schwer entziehen kann. „Er kommt spielerisch daher, aber hinter dem schönen Schein versteckt sich mehr, eine leise Melancholie“, meint Städel-Kurator Martin Englert. Für Englert ist David Claerbout, 1969 im belgischen Kortrijk geboren und nun in Antwerpen lebend, der wichtigste flämische Gegenwartskünstler.

Dreieinhalb Jahre saß Claerbout mit zwölf Mitarbeitern an der Überarbeitung des Disney-Filmes, um Szene für Szene nachzuzeichnen – insgesamt 90 000 Bilder. Das aufwendige Unterfangen konnte nur mit Hilfe eines privaten Geldgebers realisiert werden. Nicht zu vergessen die Unterstützung durch das Ehrengastprogramm der Frankfurter Buchmesse, das heuer Flandern und den Niederlanden gilt.

Claerbout greift gern historische Fotos oder Filme auf und verändert deren Handlung. Er gibt der vorgefundenen Story eine neue, meist ins Gegenteil verkehrte Richtung. Daraus werden dann Geschichten über das Verstreichen der Zeit und ihre Wahrnehmung, über Bewegung und Licht. Vor drei Jahren zeigte die Mainzer Kunsthalle in einer Einzelschau seine neueren Filme. Erst vor einem Jahr war Claerbout auch beim großen „Ray“-Fotofestival in Frankfurt beteiligt, mit ähnlich meditativen Videos, die das Publikum in Bann zogen.

Seinem just erst fertig gewordenen Film hat Claerbout den Titel „Die reine Notwendigkeit“ gegeben. Damit spielt er auf das Filmende an, als Mogli mit dem schönen Mädchen zurück in die Zivilisation kehrt, während der Bär Balu und der Panther Baghira ihre Trauer überspielen und ein Lied anstimmen über die richtige Entscheidung, die „reinen Notwendigkeiten des Lebens“. In der deutschen Disney-Version ist das allerdings verballhornt zum Song „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“.

Ruhiger Erzählfluss

Claerbouts Film ist minimalistisch, ohne wildes Gemetzel und ohne pralle Farben. Gefallen daran dürften Groß und Klein haben. Für die Erwachsenen, so der Künstler, ist es „eine Hommage an die Erinnerung des Originals“. Den Kindern indes bietet der Film ein neues Seherlebnis mit ungewohnt langen und ruhigen Einstellungen. Damit hat Claerbout sein Ziel erreicht. Er will „Bilder schaffen, die schweigen“.

Städel, Schaumainkai 63, Frankfurt. Bis 23. Oktober, dienstags bis sonntags 8–22 Uhr, Beginn zur vollen Stunde. Eintritt frei. Telefon (069) 60 50 980. Internet

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