+
Jonathan Pryce (r.) als Don Quixote und Adam Driver als Toby in einer Szene des Films ?The Man Who Killed Don Quixote?.

Interview

Regisseur Terry Gilliam über Träumer, Realisten und Don Quixotes Kampf gegen Windmühlen

Mit der britischen Komikertruppe „Monty Python“ hat Terry Gilliam einst seine anarchistischen Späße im „Leben des Brian“ und als „Ritter der Kokosnuss“ getrieben. Die poetische Großstadttragödie „König der Fischer“ wurde mit einem Oscar prämiert. In „12 Monkeys“ schickte er Bruce Willis in surreale Welten, mit „Fear and Loathing“ machte er Johnny Depp zum Junkie. Es folgte „Das Kabinett des Dr. Parnassus“. Jetzt kommt „Der Mann, der Don Quixote tötete“ in die Kinos. Darsteller starben, Geldquellen versiegten: Nach fast 30 Jahren ist der Kampf gegen die Windmühlen beendet. Mit dem Filmemacher (77) sprach Dieter Oßwald.

Mister Gilliam, Sie haben sich reichlich Zeit gelassen mit diesem Film. Wollten Sie mit den längsten Dreharbeiten der Welt in das Guinness-Buch?

TERRY GILLIAM: Stimmt, im kommenden Jahr könnten wir das 30-jährige Jubiläum feiern vom Beginn dieses Projekts. Das ist schon ziemlich doof! (Lacht)

Was bewog Sie, den Kampf gegen die Windmühlen nicht aufzugeben?

GILLIAM: Ich wusste es nicht besser. Ich bin wirklich dumm. (Lacht) Warum wollen die Menschen ständig den Mount Everest besteigen? Weil er da ist! Ich habe entdeckt, dass mein Kopf eine ganz besondere Form besitzt: Wann immer ich eine Mauer aus Ziegelsteinen sehe, muss ich mit dem Kopf solange dagegen schlagen, bis die Mauer zerbricht – oder eben mein Kopf!

Das passt allerdings kaum zu dem Eindruck, den man bei Interviews von Ihnen bekommt: Da wirken Sie immer sehr fröhlich und auffallend gut aufgelegt.

GILLIAM: Das ist die komplette Lüge. Das bin ja nicht ich. Bei Interviews spiele ich lediglich die Rolle des Regisseurs Terry Gilliam. Meine Frau kennt die wahre Person dahinter: Das ist ein ganz kläglicher Versager!

Was hatte Sie an diesem Don Quixote interessiert?

GILLIAM: Ich glaube nicht, dass ich an Don Quixote interessiert war. Vielmehr war er umgekehrt interessiert an mir. Er kam auf mich zu, rang mich nieder und verlangte, dass ich mit meinem Blut unterschreibe, ihn wieder zum Leben zu erwecken. Bei dieser Geschichte geht es um zwei Figuren, Don Quixote ist ohne Sancho Pansa nicht möglich. Mit der Kombination dieser beiden lässt sich zeigen, wer wir alle sind. Auf der einen Seite sind wir Träumer, auf der anderen die Realisten.

Welche Seite ist Ihnen wichtiger?

GILLIAM: Man benötigt beides, auf die Balance kommt es an. Wer nur pragmatisch und ohne Fantasie durchs Leben geht, hat viel verpasst. Wer nur träumt und keinen Bezug zur Wirklichkeit hat, endet schnell in der Irrenanstalt.

In einer Szene des Films heißt es: „Regisseur müssen grausam sein“ – gilt das auch für Sie?

GILLIAM: Nein, das ist nicht der Ansatz für meine Arbeit. Ich weiß, was ich will. Und ich mache das, was notwendig ist, um dieses Ziel zu erreichen. Meine Aufgabe als Regisseur besteht darin, eine verspielte Atmosphäre zu schaffen. Ich lese oft, dass all die großen Filmemacher stets auch große Manipulationskünstler waren. Dazu gehöre ich nicht. Ich möchte nicht manipulieren, ich halte Ausschau nach den passenden Leuten für das Team und dann spielen wir. Dafür werden wir sogar noch bezahlt, was diesen Job so großartig macht.

Welche Rolle spielt Fantasie in Ihrem Leben?

GILLIAM: Ich spiele ständig kleine Spielchen mit mir selbst. Wenn ich länger auf eine marmorierte Wand starre, kann ich da schon Gesichter entdecken. Ich reagiere gerne auf Dinge und gebe ihnen eine andere Gestalt. Damit unterhalte ich mein Gehirn, was amüsanter ist, als Sache als das zu akzeptieren, was sie sind. Sehr gerne laufe ich durch fremde Städte und schaue mir aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Gebäude an. Ich lasse mich gern von der Welt überraschen.

Wäre es keine Versuchung für Sie, Werbung zu machen wie der Held Ihres Filmes?

GILLIAM: Machen Sie Witze? Ich hasse Werbespots! Ich habe in meinem Leben einige gedreht und weiß jetzt: Nie wieder! Meine letzte Werbung war für Nike beim Word Cup 2002. Da habe ich zehn Tagen mehr verdient als in einem Jahr bei „Don Quixote“. Das viele Geld ist natürlich eine große Versuchung. Aber was macht man da? Es geht nicht um Ideen, sondern darum, Klopapier zu verkaufen.

Was hat es mit Ihrem Spitznamen „Captain Chaos“ auf sich?

GILLIAM: Mir ist klar, dass ich nicht zu den am besten organisierten Menschen auf diesem Planeten gehöre. Deswegen umgebe ich mich Leuten, die sehr gut darin sind.

„Always Look at the Bright Side of Life“ gehört zu den berühmtesten Sprüchen der Monty Python. Gilt das Optimismus-Motte auch für Sie?

GILLIAM: Nein! (Lacht). Ich schaue auf die düstere Seite! Da ist man dann überraschter, wenn etwas doch gut wird. Es ist einfacher, das Schlimmste anzunehmen und sich dann über Sonnenschein freuen zu können. Wer hätte gedacht, dass die Sonne jemals wieder scheinen könnte? – Das ist mein Ansatz! Und wenn es dann doch schlecht läuft, wird man nicht überrascht, sondern kann sagen: „Ich hab’s ja immer schon gewusst.“

Finden Sie es nicht seltsam, dass es nie würdige Nachfolger der „Monty Python“ gab? Das Alleinstellungsmerkmal ist fast wie bei den „Beatles“.

GILLIAM: Es kamen sehr viele Comedians nach den „Monty Python“, aber keiner hatte diese Wirkung wie wir. Das verhält sich ganz ähnlich wie mit den „Beatles“. Wir haben ja in jenem Jahr begonnen, als die „Beatles“ aufgehört hatten. George Harrison sagte oft, er sei überzeugt, dass der Geist der „Beatles“ auf die Monty Pythons übergegangen sein – was ja kein schlechter Weg ist. Jedenfalls hätten wir „Das Leben des Brian“ oder „Time Bandits“ nicht gemacht, wenn es George nicht gegeben hätte. All seine Alben, die ich meiner Jugend gekauft hatte, haben sich also ausgezahlt.

Wie haben Sie letztlich die Finanzierungslücke gestopft?

GILLIAM: Meine Tochter traf eine Frau, die ein großes Vermögen besitzt und die Dokumentation „Lost in La Manche“ über unsere Probleme gesehen hatte. Darauf sagte sie: „Ich will deinen fertigen Film sehen, hier hast du drei Millionen Dollar.“ Seit dieser Zeit möchte ich nur noch mit Millionären zum Essen gehen. Das ist die einzige Chance, meine Filme in der Zukunft zu finanzieren! (Lacht)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare