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Reichlich schräge Lyrik

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Von: Marcus Hladek

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Von ?Tresenlesen? bis zum Roman ?Förster, mein Förster?: Frank Goosens Auftritt beim Festival der Komik in Frankfurt wurde zu einer Tour de force durch das literarische Schaffen des Bochumer Autors.
Von ?Tresenlesen? bis zum Roman ?Förster, mein Förster?: Frank Goosens Auftritt beim Festival der Komik in Frankfurt wurde zu einer Tour de force durch das literarische Schaffen des Bochumer Autors. © Christian Christes

Auf dem Frankfurter Weckmarkt zwischen Dom und "Caricatura"-Museum versprühten Satiriker mit rhetorischer Verve den Geist der Komik

Parallel zum Museumsuferfest und ganz nah am Durchlaufverkehr vollzogen sich auf der Tribüne am Domturm drei Tage lang erstaunliche Dinge. Öffentliche Zwiesprachen mit Gott zum Beispiel. Moderator Bernd Gieseking hatte vor Jahren die Idee zum „Humorereignis des Jahres“ (jetzt in achter Auflage) damit begründet, es gebe einen „komischen Geist“, den es zur Formwerdung im Festival treibe: eine anarchische Haltung und Sicht „derer im satirischen Feld“ auf unsere absurde Welt. Sollte der „komische Geist“ ein Wechselbalg aus Weltgeist (Hegel) und Dreieinigkeit sein, so fand er zwischen Dom und „Caricatura“ seinen perfekten Ort.

So ko(s)misch ging es freilich erst am zweiten Tag, bei Ahne alias Arne Seidel, zu. Der hat seinen niedlichen Berliner Gott auf dem Prenzlauer Berg, Choriner Straße, gefunden und kreuzt bändeweise die Tassen mit ihm. Am Eröffnungsabend hatten aber erst mal Sedlmeir und Oliver Maria Schmitt das Wort. Sedlmeir, Vorname Henning, hat es als Trash- und Punkrocker einmal in den „Rockpalast“ geschafft. Auch bereiste er mit O. Maria die Bühnen. Dieses Doppelpack erlebte sein Revival.

Unerreichbare Frau

Koteletten wie Rasiermesser und die Hand aus Stahl taten sich in Sedlmeirs Soloteil zusammen, um Neue-Frankfurter-Schule-würdige Botschaften zu verkünden: „Du hast das Richtige im Falschen gelebt!“ Statt wie Kalle Marx die Arbeit zu adeln, postulierte der Seht-her-Prolet die „Befreiung vor allem von der Arbeit“ und forderte laute Beats. „Sex and Drugs and Rock und Rheuma“ hieß sein Programm mit Schmitt. Auch dieser, von „Olli, Olli!“-Rufen herbeigerufen, hat eine Punk-Geschichte. Also las er aus „Anarchoschnitzel“ und sang mit Sedlmeirs Zutun. Seine fiktionalisierte Lebensgeschichte als Punker drehte sich sympathisch um eine unerreichbare Frau und eine Reise in den tiefen Osten: Itty Lunatic. Welch ein Romantiker! Große Rhetoriker sind diese Satiriker außerdem, sonst hätten sie den Dreh nicht raus, wie man sich vor Publikum klein und schlecht macht (wegen der kurzen Hosen etwa), um die Zuschauer selbstsicher und wohlwollend zu stimmen.

Musikalisch klangen die Lieder der „Gruppe Senf“ erstaunlich gut, auch wenn man den Vers „Es lag ein Grauschleier über der Stadt“ doch irgendwoher kennt. Toll die Ossi-Szene, in der sich ein Haufen Neonazi-Rabauken als, in Wahrheit, schwule Sensibelchen herausstellt.

Nichts gegen Ahne, der am zweiten Abend auftrat. Literarisch waren seine Gottdialoge, Bahnverspätungsstories und Reime indes nicht immer das Gelbe vom Ei, wenn man die Klassiker der Neuen Frankfurter Schule als Maß nimmt. Für den mutmaßlichen Berliner Kiez- und Atze-Humor darf’s ein bisserl gemeinschaftsmiefig sein. Etwas Zeitdiagnostik blitzte aber auf, als er in „Vorläufiges Testament“ den Sicherheitsirrsinn in Zeiten der Terrorgefahr aufspießte und vorschlug, Ganzkörperstahlbetonmäntel zu tragen, auf dass man bei Explosionen nur leicht herumeiere. Seine Vogel-Mehrzeiler hatten den lakonischen Bogen raus: „Und da’n/ Schwan!/ Ga nicht,/ is’n Kranich.“ Unter Verkündigung der „13 witzigsten Methoden zu sterben“ (totgelacht beim Lach-Yoga?) überließ er die Bühne Frank Goosen.

Leicht pennälerhaft

Der war ein anderes Kaliber, obwohl er als Aufsichtsrat beim VfL Bochum mit Misserfolgen lebt. „Mein Ich und seine Bücher“ wurde eine Tour de force durchs Werk von „Tresenlesen“ bis zum Roman „Förster, mein Förster“, der sich wie „Pokorny lacht“ (mit Noten von „Professor Unrat“) mit den lieben Lehrern befasst. In der Titelgeschichte „Mein Ich und seine Bücher“ wiederum ist ihm Claudia, was Itty Lunatic für O. M. Schmitt war: die Heißbegehrte, die ihn nie ranließ und sich so in seiner Seele verewigte, ihn aber auch zur Autoerotik nebst Haarausfall trieb: „Rückenmarksschwund ist Quatsch, aber von Glatze hat nie einer was gesagt!“ Klingt kitschig? „Wer mit 15 nicht kitschig ist, wird später’n Arschloch, das steht mal fest.“

Goosen wirkte Pott-gestählt, Leo Fischer und Michael Ziegelwagner, die „Zwei Plastikteufel“ in den frühen 30ern, leicht pennälerhaft. Ziegelwagner kam einst mit „Der aufblasbare Kaiser“, einem klugen Gedankenspiel über die Wiederkehr der habsburgischen Monarchie (er ist unverschuldet Österreicher), auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis und machte sich dann darüber lustig. Zu beider Spezialitäten zählen Hype-meuchelnde Fake-Interviews wie „mit“ Frank Schätzing, der als eitles, New-Age-verstiegenes Bündel abstruser Gedankensprünge dasteht. Gerecht ist das nicht, lustig schon – auch mit Bundespräsident Gauck oder Daniel Kehlmann. Den falschen Propheten machten sie in Legendenform nieder.

Kinder im Bundestag

Eine „Education infernal“ besorgte das Trio Infernal Pit Knorr, Bernd Eilert und Hans Zippert. Unglaublich die geschmeidige Übung der „Titanic“-Mitgründer und des jüngeren Zippert. Ohne allzu viel Struktur ging es um Mallorca und die waschbärgerechte Großstadt, Kinder im Bundestag und verwirrende Durchsagen („Die kleine Angela will nachhaus, sie schafft es nicht mehr“), dicke Wiesbadener und arge Oberkellner („Bei den Damen galt er als Edelzwicker“). Oder auch um makkaronistische Dialoge in Käsesorten: „Camem-Bert, Sie schwingen sich jetzt auf Ihren Harzroller.“ – „Meine Frau ist bei einer Lesung von Peter Handkäs.“ – „Seine Zeit Esrom.“

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