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Fast versonnen schaut der Braunbär auf die Besucher der Ausstellung. Seine Art hat überlebt.

Ausstellung in Wiesbaden

Reise in die Welt der Eiszeit

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Das Museum Wiesbaden schickt erwachsenes und junges Publikum auf eine imposante „Eiszeit-Safari“, die Wissenschaft und Erlebnis verbindet.

Erdacht wurde die „Eiszeit-Safari“ (bis 21. April) für die Reiss-Engelhorn-Museen zu Mannheim. In Wiesbaden füllt sie, ergänzt um lokale Funde und Archivobjekte, vier Hallen und Räume von tausend Quadratmetern. Die 200 Exponate reichen vom gewaltigen Mammut, Riesenhirsch und Steppenbison, vor denen man sich klein und schwach fühlt, über allerlei Würz- und Heilkräuter bis zum Basislager wandernder Jäger und Sammler der jüngeren Altsteinzeit und Vitrinen mit Ausgrabungen.

Die museale „Eiszeit-Safari“ beruht auf Fakten, präsentiert ihre Wissenschaft aber so dosiert, dass der Anschauung und dem Erleben viel Platz bleibt. Tierstimmen, pfeifende Winde und Tierfährten am Boden schaffen Atmosphäre und weisen den Weg.

Mit Gratis-App

Gerade auf Kinder von klein bis groß schielt das Museum besonders. Hat man die Treppe nach unten genommen, warten am Eingang und in der Saalmitte Malstifte, ein Quiz mit Tierfährten und Fragen zur Eiszeit, dazu Tiergebisse und ein Puzzle. Die Zweigleisigkeit setzt sich in der Gratis-App fort (über 300 MB), die man mit Kopfhörer in der Ausstellung nutzen kann, aber auch zu Hause mit dem Begleitbuch. Es gibt die App für Erwachsene („Na, was würden Sie dafür eintauschen?“), für Kinder („Erzähl’s nicht weiter, aber ich bin mit Lili in eine Höhle gegangen“) und auf Englisch. Kleines Geheimnis: ohne App geht’s auch.

Fast versonnen schaut der Braunbär auf die Besucher der Ausstellung. Seine Art hat überlebt.

Die Macher schicken uns buchstäblich auf Zeitreise: Safari vor 15 000 Jahren, Roboterstimme auf der App und Reiseführer-Katalog inklusive. Das Finale zeigt uns den Kölner Dom einmal in Gletschern, einmal unter Palmen am Strand: zwei mögliche Zukünfte der Klimaentwicklung. Auch die Entstehung von Eiszeiten wird verhandelt (siehe Kasten). Unsere Vorfahren vor 15 000 Jahren, so lernt man, waren anatomisch moderne Menschen wie wir (Homo sapiens sapiens) und sprachen echte Sprachen aus Wörtern in grammatischer Anordnung. Ein zeitreisender Dolmetscher hätte bald den Bogen raus.

600-Kilo-Hirsch

Am eindrucksvollsten sind und bleiben die gut hundert teils gewaltigen Skelette und lebensechten Tierrekonstruktionen, oft sogar beides von einer Art Seite an Seite. Es muss nicht immer das Mammut sein. Dass der über zwei Meter hohe und 600 Kilo schwere Riesenhirsch mit seinem vier Meter breiten Geweih beeindruckt, ist klar, nur müsste das Wollhaarmammut gegenüber (acht Tonnen) noch mehr hermachen.

Blick in die Ausstellung mit Eiszeitfrau Lena, die die Schau im Museum Wiesbaden bereichert.

Ob also alle Spezies eins-zu-eins rekonstruiert sind? Neben Arten, die das Eiszeitbiotop abrunden wie Polarfuchs, Schneeeule und Moorschneehuhn, zeigt das Museum seine „Big Five“ der Eiszeit. Der Höhlenbär fraß vegetarisch und starb anders als der Braunbär aus. Der Ziegen-verwandte Moschusochse hat fast schon sein Aussterben im Glasaugenblick. Das Steppenbison, viel größer als sein amerikanischer Verwandter, imponiert mit am meisten in Wiesbaden.

Vom großen Saal geht es weiter zu den Menschen, ihrem „kleinen“ Basislager und dem Modell eines „großen“ Winterzeltes. Kinder können hier Faustkeile und Knochen ausbuddeln. Vitrinen erzählen in Wort, Bild und Objekt von der Grabung Igstadt, wo Eiszeitler Wildpferde jagten oder zum Baden in den heißen Quellen Wiesbadens gingen.

Ein 3D-Modell zeigt eine alte Fundstelle an der Lahn, wo man Schmuck aus Knochen fand. Ein zweiter großer Raum gestaltet die Wände per Faltparavent als Landschaft des Übergangs, in der man sich die vielen im Mittelrheintal gefundenen Tiere und Menschen vorstellen kann. Rekonstruiert sind Großtiere wie Auerochs, Elch, Wisent und Wildpferd und der Fundort eines Mammuts, dazu überlebende Spezies vom Steinadler bis zum Dachs. Die Höhlenhyäne ging, sehr philosophisch, lachend unter.

Hier und überall sind auch Artefakte aus der Region zu sehen, wie Schieferplatten-Ritzungen. Mit einem Flusspferd unter Palmen am Rhein läuft die Schau aus, nicht ohne die Besucher mit Schrifttafeln zur Altersbestimmung auf unsere Aussichten für die Zukunft und eine „Erde ohne Eis“ einzustimmen. Doch die nächste Eiszeit kommt bestimmt: „je nach Prognose in 2000 bis 3000 oder erst 15 000 Jahren“.

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