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Auch in der Download-Generation finden Vinyl-Platten ihr Publikum

Renaissance der Schallplatte: Raus aus der Liebhaberecke

Sie knistern, sie haben Kratzer. Na und? Der Klang ist wärmer, die Cover sind schöner: Immer mehr Musikfans schwören auf Vinyl-Schallplatten.

Als die englische Musikerin Lucy Rose zum ersten Mal in Frankfurt auftrat, konnte man in der „Brotfabrik“ eine schöne Szene beobachten. Da standen zwei blutjunge Mädchen am Merchandising-Stand und begutachteten das Angebot ihrer Lieblingssängerin: Neben T-Shirts und selbstgemachter Marmelade lagen da auch Schallplatten. Das eine Mädchen sah das andere an: „Weißt Du den Unterschied zwischen einem CD- und einem Vinyl-Album?“ Die Aufklärung kam prompt, allerdings von einem Vertreter der Großelterngeneration, der danebenstand. Und dann hielten die zwei das Vinyl in den Händen und bewunderten staunend das schöne große Bild auf dem Cover.

Das war ein unverhofftes sinnliches Erlebnis für zwei, die Musik fast nur noch aufs Smartphone „downloaden“. Vielleicht haben sie sich am nächsten Tag nicht gleich einen Plattenspieler gekauft. Aber sie wussten jetzt, früher gab es auch noch was anders.

Als die Compact Disc (CD) 1982 auf den Markt kam, verdrängten die Silberlinge immer schneller die Vinyl-LPs. 1984 wurden in Deutschland noch 71 Millionen Langspielplatten verkauft und drei Millionen CDs. Das änderte sich schnell. Seinen Höhepunkt erreichte der CD-Absatz 2001 mit 133 Millionen Compact Discs. Gerade mal 600 000 Vinylscheiben wollten Musikfans damals noch haben. Dabei wurde schon Ende der 90er Jahre der Abgesang auf die physischen Tonträger generell gesungen. Tatsächlich gingen die CD-Verkäufe bis 2014 auf rund 87 Millionen zurück, während sich die Schallplatte auf 1,8 Millionen verkaufter Exemplare verbesserte. Hierzulande kommen heute zwar noch 70 Prozent der Einnahmen aus CDs. Doch die digitale Scheibe verliert rasant gegen Streaming-Dienste und Download-Portale. Die LP gar galt lange nur noch als ein Fall für Liebhaber, für Sammler, Klangästheten und Freaks. Das war und ist immer auch eine Glaubensfrage.

Vinyl in (fast) allen Größen, Formen, Farben und musikalischen Ausprägungen, darunter Punk, Metal, Indie, Garage, Psych, Prog und Electronic, so wirbt etwa der Vinyl-Flohmarkt im „ExZess“ in Frankfurt-Bockenheim für sein Angebot. Zwei Mal im Jahr treffen sich in der Leipziger Straße längst nicht mehr nur die Spezialisten. Jäger und Sammler waren bislang meist Männer gesetzteren Alters. „In den vergangenen zwei Jahren fällt auf, dass vermehrt jüngere Käufer und auch Frauen kommen. Eine interessante Entwicklung“, findet Eric vom „ExZess“. „Auf den kleineren Flohmärkten lassen sich ja noch die wirklich guten Schnäppchen machen im Gegensatz zu den großen Plattenbörsen.“ Der nächste Termin ist im Frühjahr und wird unter noch bekannt gegeben. Klassische Schallplatten- und CD-Börsen finden dagegen häufiger statt, etwa im Kasino der Jahrhunderthalle oder in der Stadthalle Offenbach (29. Januar, 11–16 Uhr).

Das ganze Jahr über ist das „No. 2“, ein Second-Hand-Plattenladen in Sachsenhausen, eine Anlaufstelle für Musikbegeisterte. Seit mehr als 30 Jahren überlebt Michael Baumann allen Unkenrufen zum Trotz mit seinem Geschäftsmodell. Obwohl der Preisverfall bei den Silberlingen in den letzten Jahren immer eklatanter wurde, werden im „No. 2“ noch erstaunlich viele CDs verkauft. „Aber die Leute, die echte Freude an der Musik haben, das sind LP-Käufer“, betont Baumann. Die Physis, die Haptik und Sinnlichkeit des Vinyls reizt nicht nur die Um-die-50-Generation der Stammkunden, die mit dem Inhaber alt geworden sind. „Auch die Jungen haben ihre speziellen Bands, die sie auf Vinyl haben wollen“, weiß Baumann.

Die Renaissance der Schallplatte verdankt sich keinesfalls nur der Befriedigung nostalgischer Sehnsüchte. Nicht nur gebrauchte, auch neue LPs werden vermehrt gekauft. „Bei einem Anteil von 4,3 Prozent am Branchenumsatz ist Vinyl zwar noch immer ein vergleichsweise kleines Marktsegment, aber angesichts der hohen Verkaufszuwächse von rund 50 Prozent kann man sagen, dass es sich nicht mehr um eine reine und kleine Liebhaberecke handelt“, sagt Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie. „Es zeigt sich immer deutlicher, dass die neu entfachte Begeisterung für das ,Schwarze Gold’ nicht nur ein kurzfristiger Retro-Trend ist, sondern immer mehr Musikfans und Genres erfasst“, erklärt Matthias Giloth, Geschäftsführer von GfK Entertainment, die wöchentlich die offiziellen Deutschen Charts erhebt.

Vor einem Jahr wurde eigens eine Vinyl-Chart ins Leben gerufen. Neben David Bowie gehörten mit „AnnenMayKantereit“, „Beginner“ und Udo Lindenberg auch drei deutsche Produktionen auf Vinyl zu den Topsellern in diesem Jahr. Der Anteil des Vinyls am Gesamtumsatz auch der großen Labels mag zwar noch klein sein, doch es geht bergauf. Sony Music, früher in Frankfurt, dann in Berlin, heute in München beheimatet, bewirbt Vinyl gezielt in Anzeigenkampagnen. „#MyVinylLove – Schwarzes Gold“ heißt eine im Frühjahr gestartete Aktion. „Da geht es um 180-Gramm-Vinyle, auch um Klassiker, die nachgepresst werden“, sagt Willy Ehmann von Sony Music. Zu den Top-Künstlern in diesem Herbst zählten Bob Dylan, Billy Joel, „Depeche Mode“ und „Pearl Jam“. „Aber wir verkaufen nicht nur und ausschließlich an eine alte und vom Aussterben bedrohte Zielgruppe“, lacht der Plattenmanager: „Unter den Vinylkäufen sind viele junge Menschen, die gerade jetzt Vinyl für sich entdeckt haben.“

Genau diesen Eindruck hat auch Karsten Krämer von „CDs am Goethehaus“, dem letzten verbliebenen Schallplattenfachgeschäft in Frankfurt. „Die Jungen begeben sich zunehmend mit Vinyl auf Entdeckungsreise“, beobachtet er. Sein ansonsten vor allem Klassik- und Jazz-affines Publikum freut sich jedenfalls über Empfehlungen.

Vor drei Jahren stellte das lange erfolgreiche Frankfurter Independant-Label „Hazelwood Vinyl Plastics“ seine Arbeit ein. Obwohl die Rödelheimer das Vinyl im Namen führten, waren auch CDs im Angebot. Anders bei „Lotte Lindenberg“, dem neuen Label des einstigen Mitbegründers von „Hazelwood“, Wolfgang Gottlieb, mit Tonstudio in Alt-Sachsenhausen. „Wir wollen hier etwas ganz Spezielles, Exklusives, im Prinzip ein Zusatzangebot kreieren, schöne Aufnahmen auch mit renommierten Künstlern machen“, sagt der Produzent und setzt – neben den unvermeidlichen Downloads – auf Vinyls. CDs gibt es bei „Lotte“ keine mehr, aber Musik-Perlen für gut sortierte Plattenläden, nicht gerade für die Elektromärkte.

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