Das ist Liebe auf den ersten und zweiten Blick: Sieglinde (Heidi Melton) und Siegmund (Christopher Ventris).
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Das ist Liebe auf den ersten und zweiten Blick: Sieglinde (Heidi Melton) und Siegmund (Christopher Ventris).

"Ring des Nibelungen" in Bayreuth

Der Ritt der Walküren gerät außer Kontrolle

  • VonAxel Zibulski
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In der „Walküre“, zweiter Teil von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, wartet Bayreuth mit Neubesetzungen und dem scheiternden Dirigenten Marek Janowski auf.

Erstaunlich schnell ist Festspielbetrieb auf dem Grünen Hügel fast wieder so wie gewohnt. War der „Parsifal“ zur Eröffnung noch bestens bewacht von Polizisten, die Taschen, Gesichter, Ausweise und die allgemeine Lage kontrollierten, hat sich das mit dem „Ring“ entspannt. Zwar ist auf dem Weg zwischen Eingang und hartem Sitzplatz die begehrte Eintrittskarte vor jeder Vorstellung und nach jeder Pause drei Mal zu zücken. Aber die Ordner eines privaten Sicherheitsdienstes können mittlerweile sogar lächeln. Fast ein wenig schade eigentlich, denn der Vergleich zur harten Hand Hundings im ersten „Walküre“-Akt wäre eine bestimmt gern genutzte Gelegenheit für die in Bayreuth stark vertretenen Kulturjournalisten gewesen, die Szenen auf der Bühne mit jenen auf dem Hügel in Verbindung zu bringen.

Nichts da: Draußen grüßen Franken in Uniform herzlich, während drinnen der kalte Realismus frühsowjetischer Ölförderanlagen das Bild und die Bühne von Aleksandar Denic bestimmt. Der erste Akt, dieses Terzett von Sieglinde, ihrem Mann Hunding und dem fremden Gast, der sich als Sieglindes Bruder Siegmund zu erkennen geben wird, ist im vierten Jahr der „Ring“-Inszenierung Frank Castorfs vokal komplett neu besetzt.

Dabei entwickelt sich in diesem zweiten der vier „Ring“-Teile das Dirigat des 77 Jahre alten Bayreuth-Debütanten Marek Janowski zur ernsten Bedrohung für die Sänger. Jahrelang hat er keine szenischen Opernproduktionen mehr dirigiert. Mit überschnellen Tempi bringt er sogar einen erfahrenen Siegmund-Tenor wie Christopher Ventris an Grenzen, weil der erst das Tempo nicht halten kann und dann auch die Fokussierung der Stimme aus dem Blick verliert. Nicht besser geht es Heidi Melton als Sieglinde. Sie versucht immer wieder, ihren Sopran über die von Janowski entfesselte Lautstärke zu drücken. Auch das geht selten gut aus.

Konsequent vermasselt

Immerhin knüpft Georg Zeppenfeld als Hunding an seinen grandiosen Gurnemanz aus dem Eröffnungs-„Parsifal“ an, rennt sogar mehrmals die Treppen zum Förderturm hinauf. Man muss kein Anhänger des Typen-Castings sein, aber Castorfs Theater verlangt eben eine solch hohe und präzise Körperlichkeit von den Sängern, wie sie Heidi Melton so wenig einlösen kann wie im Vorjahr noch der vollschlanke Tenor Johan Botha als Siegmund. Wie im „Rheingold“ waren auch in der „Walküre“ zahlreiche Neubesetzungen ins Konzept einzuarbeiten, denn außer einigen Walküren, deren achtstimmigen „Ritt“ zu Beginn des dritten Akts Janowski nicht unter Kontrolle bringt, ist einzig Catherine Foster als Brünnhilde geblieben. Sie schleudert jedes „Hojotoho“ sicher über die Rampe, singt ihre Todesverkündung gegenüber Siegmund aber auch mit prächtiger lyrischer Empfindung. Und scheint als Einzige Dirigent Janowski zum orchestralen Ausschwingen und Atemschöpfen bewegt zu haben.

Eine so hohe musikalische Binnenspannung, wie sie hier an einsamer Stelle gelingt, wäre auch deshalb viel häufiger und unbedingt willkommen, weil die „Walküre“ mit ihren menschelnden Passagen zwischen inzestuöser Geschwister- und göttlicher Vaterliebe Castorf nicht sonderlich motiviert zu haben scheint. Ein projizierter russischer Stummfilm (versteht man nicht), stramme russische Walküren (sieht man kaum) und – vor laut rauschend brennendem Ölfass – der „Feuerzauber“ (hört man schlecht): Da ist vieles auch handwerklich nicht präzise, schon gar nicht im Verhältnis zur Musik. Die Reihe der Bayreuth-Debütanten verlängert Sarah Connolly als ausdrucksneutrale Fricka; ihren Gatten Wotan gibt erstmals in Bayreuth, anders besetzt als am „Rheingold“-Vorabend, der dänische Bariton John Lundgren, profund im Deklamieren, forciert bei dramatischerem Auftrieb. Das Publikum nimmt zu guten Teilen die musikalischen Leistungen mit Jubel entgegen. Andere diskutieren kräftig: Warum hat Bayreuths Musikdirektor Christian Thielemann, der sich auch sonst nicht scheut, sich in die Arbeit von Kollegen einzumischen, Janowski nicht ein paar Nachhilfestunden in sängerdienlichem Operndirigat und Einstimmung auf die Festspielakustik verordnet?

Einen von den Bläsern so konsequent verschlampten Wotan-Abschied wie hier hört man in der Theaterlandschaft auch an kleineren Häusern nicht mehr.

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