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Hartmut Haenchen (73) ersetzte als ?Parsifal?-Dirigent Andris Nelsons.

Ritter im Kampfanzug

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Dirigiert von dem eingesprungenen Hartmut Haenchen, inszeniert von Wiesbadens Intendant Uwe Eric Laufenberg, ging Wagners „Parsifal“-Oper friedlich über die Bühne.

Ein friedliches Bild nach der Premiere, draußen auf dem Festspielhügel: Zwei bayerische Polizisten stützen, einer links, einer rechts, eine betagte Premierenbesucherin und geleiten sie in den Abend. Schließlich sind die Wege in Bayreuth ein wenig länger geworden in diesem Jahr. Das Sicherheitskonzept sieht zum Beispiel einen Zaun ums Festspielhaus vor. Polizei kontrolliert die Zugänge, Rucksäcke sind ebenso verboten wie die beliebten Sitzkissen für die harten Stühle. „Alles sauber“ nickt uns der bayerische Beamte anerkennend zu, als er das Jackett abgetastet hat.

Zum Glück ist alles friedlich geblieben während dieser Premiere, an deren Ende Regisseur Uwe Eric Laufenberg allerlei religiöse Symbole von den Beteiligten auf der Bühne in einen großen Schrein entsorgen lässt und sie bei hell erleuchtetem Festspielhaus mit den letzten „Parsifal“-Klängen in nebelverhangenes Weißlicht schickt. Das ist nicht neu, Jürgen Flimms Sicht auf den „Ring des Nibelungen“ endete 2000 ähnlich entgöttert.

Regisseur Laufenberg, seit 2014 Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, versprach einen zwar religionskritischen, nicht aber direkt islamkritischen Blick auf Wagners 1882 in Bayreuth uraufgeführtes Bühnenwerk, nachdem er die Regieverantwortung vom umstrittenen und ausgeladenen Aktionskünstler Jonathan Meese übernommen hatte. Freundlich sollte der Applaus nach sechs Premierenstunden für ihn und sein Regieteam mit Gisbert Jäkel (Bühne) und Jessica Karge (Kostüme) bleiben.

Weit weniger Zeit war Dirigent Hartmut Haenchen geblieben, dem 73-jährigen Wagner-Routinier und Bayreuth-Debütanten, der nach der plötzlichen Abreise seines jungen Kollegen Andris Nelsons kaum drei Wochen Probenzeit hatte, die er hörbar effizient genutzt hat. Vieles hatte der gebürtige Dresdner auf Anhieb im Griff, den heiklen Kontakt zwischen verdecktem Bayreuther Graben und riesiger Bühne. Es war ein fast flotter, wenn auch punktuell etwas kurzatmig ausschwingender „Parsifal“, den er garantierte, bei noch weiter auffächerbaren Abstufungen des Langsamen und dafür nicht ganz so extremen Lautstärke-Staffelungen der einmal mehr grandiosen Chöre. Vorzüglich die scharfkantigen Ausblicke ins Moderne im zweiten Aufzug, der in einem arabischen Bad spielt.

Insgesamt fällt die Inszenierung bei weitem nicht so provokativ aus, wie spekuliert worden war. Die Gralsritter als christliche Ordensgemeinschaft harren in ihrer von Granateneinschlägen gezeichneten Kirche im urchristlichen Zweistromland des heutigen Iraks aus. Das Kreuz wird herein- und hinausgetragen, amerikanische Soldaten streifen schwer bewaffnet durch den atmosphärisch dicht von Gisbert Jäkel errichteten Kirchenraum, in dem Amfortas zur Gralsfeier im ersten Aufzug drastisch als Christusfigur gezeichnet wird, mit zum Kreuz ausgebreiteten Armen, Dornenkrone, Wunden und viel Blut. Würde Ryan McKinny, wüst Konsonanten spuckend, dabei doch nur nicht so erdig gestalten. Als Klingsor, ausgestoßener Gralsritter, der christliche Kreuze hortet wie andere Außenseiter Waffen, ist der raubeinige Bassbariton Gerd Grochowski eine Fehlbesetzung. Seine Blumenmädchen lupfen rasch die Schleier und räkeln sich bauchtanzend um Parsifal. Eine Spielerei, nicht mehr. Darin liegt dann auch das eigentliche Defizit des neuen Bayreuther „Parsifal“. Laufenberg, der erfahrene Vollbluttheatermann, hat sich konzeptionell etwas vorgenommen, was hoch aktuell und unbedingt auch auf der Bühne zu verhandeln, aber nur mit einer absoluten Regie-Höchstleistung auf dem gebotenen Niveau zu bewältigen wäre. Hier aber herrscht eine Tendenz zur szenischen Banalität, etwa wenn die Karfreitagsaue im dritten Aufzug sich im üppig blattgrünen Treibhaus ereignet, mit nackten Badenixen unter einem plötzlich einsetzenden Regenguss. Eine Spielerei mit dem Wassermotiv, das dem siechen Amfortas im riesigen Becken und Parsifal in Klingsors Badeparadies begegnet.

Andere Bilder scheinen Laufenberg irgendwie untergekommen zu sein, etwa das eines staunend auftretenden und dann direkt tot umfallenden Jungen, der vor Parsifals erstem Auftritt auf die Bühne huscht. Freilich gibt es auch visuell Starkes: Zur ersten Verwandlungsmusik geht es per Videoprojektion und Kameraflug (von Gérard Naziri) aus der Kirchenkuppel hinaus bis zur Sonne, weiter in ferne Galaxien und wieder zurück. Wow!

Eine ganz starke Leistung bietet Georg Zeppenfeld, Bayreuths neuer, großer, gelöst, wort- und ausdrucksgenau singender, nie bloß deklamierender Gurnemanz. Klaus Florian Vogt, sonst der beste Lohengrin zur Zeit, stattet Parsifal konsequent zum reinen Toren aus, mit silberhell trompetendem Jungburschentenor, der Elena Pankratovas im Dunkelsatten ziemlich einfarbiger, aber vokal höchst voluminöser Kundry immer Paroli bieten kann. Karl-Heinz Lehner wird als Titurel sichtbar, ebenso wie jener Statist, der fast den ganzen Abend lang vom Obergeschoss der Bühne aus alles beäugt. Warum, auch das weiß vielleicht Laufenberg. Oder der liebe Gott.

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