Albrecht Dürer im Darmstädter Landesmuseum

Ritter, Tod und Teufel

Schon vor 500 Jahren musste Kunst gefallen, damit sie sich verkaufen ließ. Das wusste Albrecht Dürer (1471-1528) und nutzte das in seinen Kupferstichen und Radierungen aus.

Von CHRISTIAN HUTHER

„Fleisig kleiblen“ nannte er das mühsame Geschäft, große Altartafeln in allen Details auszumalen. So klagte Albrecht Dürer 1509 gegenüber seinem Auftraggeber Jakob Heller in einem Brief: „Aber das Ausarbeiten geht nicht voran. Darum will ich wieder Kupferstiche machen, und hätte ich das bisher getan, so wäre ich heute um 1000 Gulden reicher.“ Mit dem neuen Medium der Druckgrafik war mehr und schneller Geld zu verdienen, zumal die Unabhängigkeit von Auftraggebern lockte. Dürer, der schon früh als wichtigster Künstler seiner Zeit galt, konnte sich selbst die Themen aussuchen, er musste nur auf ihre Verkäuflichkeit, aber auch auf Sitte und Moral achten.

Ideen hatte er genug für die Druckgrafik, die vom städtisch-bürgerlichen Publikum gekauft wurde. Dürer machte sich über tollpatschige Bauern lustig, warnte vor ehelichen Fehltritten, schuf fromme Andachtsbilder – und zahlreiche, bis heute rätselhafte Werke. Einen schönen Querschnitt dieser Themen zeigt jetzt das Hessische Landesmuseum Darmstadt, das mit 450 Kupferstichen, Holzschnitten und Radierungen nahezu das gesamte druckgrafische Schaffen Dürers besitzt.

Das sind zwar rund 100 Blätter weniger, als das Städel sein Eigen nennt, aber dafür stammen zahlreiche Abzüge von frühen Drucken, sind also besonders fein. Diese erstklassige Sammlung verdankt man dem Darmstädter Landgrafen Ludwig X. und späteren Großherzog Ludewig I., dem Gründer und Förderer des Museums, der Dürers grafisches Werk in den Jahren 1802/03 erwarb, ebenso wie das Grafikwerk von Rembrandt.

In Darmstadt sind nun 130 Dürer-Grafiken bis 24. April zu sehen; ähnlich viele zeigte das Frankfurter Städel aus eigenem Bestand 2007 und eine kleinere Auswahl in der großen Dürer-Schau von 2013. Der Nürnberger Maler und Grafiker ist ein Publikumsmagnet und gilt noch heute als berühmtester Renaissance-Künstler diesseits der Alpen. Sein Ruhm fußt vor allem auf der weit verbreiteten Druckgrafik. Er brachte sie billig unters Volk, verlangte etwa für einen Kupferstich den Gegenwert von ein bis zwei Abendmahlzeiten. Von einem Kupferstich ließen sich bis zu 400, von einem Holzschnitt locker mehr als 1000 Abzüge machen.

Zudem wusste Dürer, wie er selbst anstößige Motive gut verpackte. Eine nackte Frau konnte man damals, an der Wende vom Spätmittelalter zur Neuzeit, nicht ohne weiteres abbilden. So stellte er sie um 1498 als Venus dar, die einen schlafenden, reichen Mann verführen will. Indem er den Mann als trägen Müßiggänger bezeichnete und die Frau zugleich dämonisierte, konnte er die hüllenlose Venus groß in den Vordergrund rücken. Solche Blätter um Sex und Seitensprung, Liebe und Tod kamen bei gebildeten Bürgern immer gut an.

Oft schuf Dürer auch Karikaturen, um 1497 etwa „Der junge Bauer und seine Frau“: Während er ihr sein derbes Gesicht zuwendet und wild gestikuliert, tut sie ganz vornehm. Doch ihr gutes Kleid hat sie derart linkisch hochgerafft, dass nun ihre einfachen, unpassenden Schuhe hervorlugen. Noch breiteren Raum nahmen bei Dürer Glaube und Religion ein. Schon ab 1496 widmete er sich der Apokalypse, später dem beschaulichen Marienleben mit seiner heilen Welt von Mutter und Kind. Und in der mehrfach als Holzschnitt und als Kupferstich realisierten Passion Christi ging es ihm auch um das Mitleiden der Gläubigen.

Kustodin Mechthild Haas hat die Dürer-Blätter klug über sechs thematische Kabinette verteilt. Ihr Haus besitzt viele sogenannte Referenzexemplare – Grafiken, die im Werkverzeichnis Dürers als erstklassige Drucke angegeben sind. Dank dieser erlesenen Qualität ist Dürers Entwicklung zum genialen Druckgrafiker gut nachvollziehbar. Hilfreich sind die kleinen Lupen, die an den Wänden hängen und zum genaueren Sehen einladen.

Versuchen sollte man das etwa an Dürers zahlreichen Mariendarstellungen, um die feinen Unterschiede in der Strichführung und im Druck zu entdecken. Besonders markant sind zwei Blätter von 1495 und 1498. Zeigt das erste Blatt eine gewisse Erzählfreude und zugleich eine ungeordnete, schwungvolle Linienführung, so ist das zweite Blatt viel ruhiger. Dürer orientierte sich nun an Martin Schongauers langen und geschmeidigen Linien.

Schließlich Dürers drei berühmte Meisterstiche von 1513/14. Sie stehen für die drei Lebensentwürfe des Handelnden, des Denkers und des Künstlers: „Der Reiter“ verfolgt seinen Weg unbeirrt von Tod und Teufel, „Hieronymus“ dagegen sucht den kontemplativen Weg zu Gott, und die „Melancholie“ zeigt wohl einen grübelnden Künstler nebst vielerlei Geräten für Handwerk und Wissenschaft. Kein Dürer-Werk wurde so oft gedeutet wie die „Melancholie“, aber bis heute nie überzeugend enträtselt. Zumindest galt nach der damals gängigen Lehre von den vier Temperamenten der düster brütende Melancholiker als Leitbild des schöpferischen Genies, des gelehrten Künstlers, den Dürer verkörperte. Ob er allerdings mit diesem Blatt ein Selbstbildnis schuf, ist ungewiss. Viel Zeit zum Grübeln hatte er ohnehin nicht nach seiner intensiven Arbeit mit dem „Kleiblen“.

Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Friedensplatz 1, Telefon (06151) 16 57 00 0. Bis 24. April. Geöffnet dienstags, donnerstags, freitags 10–18 Uhr, mittwochs 10–20 Uhr, samstags sonntags 11–17 Uhr. Eintritt 10 Euro. Internet:

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