+
Zu allem bereit: Hooligans prügeln im Juli 2015 nach einem Testspiel zwischen Eintracht Frankfurt und Leeds United aufeinander ein. Philipp Winkler erzählt in seinem Debütroman ?Hool? die Geschichte eines solchen Schlägers. Es sind Einblicke in eine sonst unzugängliche Welt.

Debütroman „Hool“ von Philipp Winkler

Roman über deutsche Hooligan-Szene: Bis die Knochen brechen

Wie im Rausch: Philipp Winkler erzählt in „Hool“ die Geschichte eines Schlägers, für den Keilereien mit Fußballfans das Wichtigste im Leben sind.

Achtung, dieser Text ist nichts für schwache Nerven. Hier geht es um Blut und um das Geräusch von brechenden Knochen. Es geht um Nierenschläge und zersplitternde Schlüsselbeine. Es geht um kaputte Zähne, verklebt mit Blut. Es geht um Dinge, über die man in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht allzu viel liest. Weil sie dreckig sind. Weil sie brutal sind. Weil sie barbarisch sind. Weil sie in einer Welt spielen, die in sich geschlossen scheint, die eigene Codes kennt, aus der nur weniges in jene Welt herüberschwappt, in der fast alle anderen Bücher geschrieben werden.

„Hool“ heißt der Roman, um den es hier geht, und der mit so viel Wucht daherkommt, dass der Leser nach der Lektüre mit dem Gefühl zurecht kommen muss, wie von einem ordentlichen Kinnhaken niedergestreckt worden zu sein.

„Hool“ erzählt die Geschichte von Heiko, Mitte 20, Hannover-96-Fan. In seiner Freizeit „süffelt“ er gerne ein paar Pils, pflegt seinen Hass gegen die Fans von Eintracht Braunschweig und verprügelt gemeinsam mit seinen Freunden und Verwandten in beunruhigender Regelmäßigkeit andere Fußballfans.

Heiko ist ein harter Hund, Heiko ist Hooligan. Und mit so einer richtig derben Hooligan-Keilerei beginnt dann sogleich auch Philipp Winklers Debütroman: Heikos Schläger-Truppe fährt mit einem Kleinbus von Hannover aus in ein Waldstück nahe Köln, wo sich die Gruppe mit anderen Hools zum Prügeln verabredet hat. Da treffen Typen mit zerdellten Nasen, lückenhaften Gebissen und Fred-Perry-Poloshirts aufeinander. Es folgt die detaillierte Schilderung von fliegenden Fäusten, angetäuschten Bewegungen, spritzendem Blut. Es passiert all das, wovon am Anfang dieses Textes die Rede ist. Das ist keine Gewaltverherrlichung, vielmehr ist es die notwendige Schilderung eines Milieus, um dem Leser die Härte und die Radikalität des hier beschriebenen Lebensraumes vor Augen zu führen.

Philipp Winkler, 1986 in der Nähe von Hannover geboren, hat einen Sozialroman geschrieben, in dem von einem jungen Mann erzählt wird, der an der Gewalt festhält, weil sie das einzige ist, was seinem Leben einen Sinn gibt. Die Gruppe, von der zu Beginn des Romans erzählt wird und mit der Heiko die Fans anderer Fußballclubs aufmischt, bricht schon bald auseinander: Einer der Schläger gründet eine Familie, ein anderer wird Fußballtrainer, ein anderer will sein Studium beenden. Heiko, der Ich-Erzähler, bleibt in dem deprimierenden Gewaltstrudel hängen. Und er kann nicht fassen, dass die Gruppe auseinanderbricht.

Trotz all der derben Muskelspiele ist „Hool“ eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, eine Geschichte voller Romantik, in der junge Männer ihren Platz in der Gesellschaft suchen, Freunde finden, einen Werte-Katalog erstellen.

Heiko kommt von ganz unten: Aufgewachsen im Plattenbau, Mutter abgehauen, Vater Alkoholiker. Heiko glaubt an Freundschaft und Verbindlichkeit. Die Hools sind seine Ersatzfamilie, für sie lässt er sich windelweich prügeln. Motiv und Sprache des Romans erinnern an Clemens Meyers gefeiertes Debüt „Als wir träumten“ (2006) – auch hier kämpfen abgehängte Jugendliche um ihren Platz in der Gesellschaft. Verlieren sich die Helden bei Meyer im Drogenrausch und Kleinkriminalität, suchen Philipp Winklers Protagonisten ihr Glück in Gewaltorgien und Bandenkriegen. „Hool“ ist kein allzu poetischer Roman: Die Sprache ist schnell und hart, die Handlung nimmt rasant Fahrt auf, die Protagonisten sprechen Soziolekt. „’S ist, wies ist. Bist jetzt dabei heute Abend?“, fragen sie, oder: „Bin eh viel zu kirre zum Penn’.“ Winkler setzt auf Schockmomente, und die sind oft ein bisschen sehr bemüht: Bei einem Tierkampf zerfetzt ein Braunbär zwei Kampfhunde, an anderer Stelle schießt sich der Vater eines Freundes am Nachmittag mit der Schrotflinte in den Kopf.

Die große Stärke des Romans ist seine Figuren- und Milieu-Zeichnung: Der Leser bekommt eine Ahnung vom Hooligan-Dasein und betritt das Hoheitsgebiet einer Szene am gesellschaftlichen Rand, die sich nicht gerne durchleuchten lässt. Das ist ein neues Motiv in der jungen deutschsprachigen Literatur, und dafür wird Winkler gefeiert. „Hool“ ist ein Wirkungstreffer und der nachhallendste Debütroman des Jahres.

Philipp Winkler: „Hool“, Aufbau-Verlag, 312 Seiten, 19,95 Euro. Der Autor liest am 19. Oktober in Frankfurt, Hessisches Literaturforum, Waldschmidtstraße 4.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare