Ausstellung im Goethehaus

So romantisch ist's an Rhein und Main

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Die perfekt ausgeleuchteten Bilder des Landschaftsfotografen Kilian Schönberger geleiten den Betrachter auf eine Zeitreise zu Hessens schönsten Orten.

Im Fürstenlager von Bensheim-Auerbach sei er für diese Romantik-Serie zum ersten Mal gewesen, sagt Kilian Schönberger. Eingetaucht sei er in dieses kleine Tal, „eine völlig eigene Welt“: Hügel, Blickachsen und Landschaft – eine einzige Komposition, ein „surreales Erlebnis“. Es ist das große Talent des 1985 geborenen Fotografen, dass er die Stimmung, die er erlebte, auf seinen Fotografien zu transportieren vermag. Dafür inszeniert er die Landschaft maximal, ohne sie zu verfälschen: Er sucht das ideale Licht, den perfekten Augenblick, immer ohne Menschen. Die Orte sollen für sich sprechen, nichts soll auf die Momenthaftigkeit des Fotos hinweisen. Es geht um Aufnahmen von überzeitlicher Gültigkeit, um jenen Augenblick, in dem man nicht umhin kann, mit Goethes Faust „Verweile doch, du bist so schön“ zu seufzen.

Auf seinen Fotografien präsentiert Kilian Schönberger eine hessische Route der Romantik, die vom tiefen Süden des Bundeslandes, vom Kloster Lorsch über das Schloss Auerbach und die Burg Frankenstein bis nach Hanau-Wilhelmsbad, ins Bad Homburger Schloss und schließlich in den hessischen Norden zu den Wirkungsorten der Grimm-Brüder führt: in die „Grimmwelt“ und zur Löwenburg im Bergpark Kassel. Der Osteinsche Park und das Brentano-Haus im Rheingau, die Feste Otzberg sowie, natürlich, das Frankfurter Goethehaus sind weitere Orte, die Schönberger besucht hat.

Jenseits aller Epochen-Gelehrsamkeit gelingt es den suggestiven Fotografien, den Geist eines Ortes einzufangen und Lust zu machen, diese Orte selbst aufzusuchen. Wer noch nie im Osteinschen Park war, der übrigens gar nicht weit hinter dem Brentano-Haus in Oestrich-Winkel liegt, wird nach dem Betrachten von Schönbergers Bildern nicht länger wollen, dass das auch für den Rest seines Lebens so bleibt. Schönberger möchte, dass man sich in seinen Fotos verlieren kann wie in einer wirklichen Landschaft, und diesem Ziel kommt er erstaunlich nahe. Man lässt den Blick schweifen, genießt die Aussicht, kommt zur Ruhe.

Kilian Schönberger ist gelernter Geograf, den es nach dem Studium in die Fotografie verschlagen hat. Prachtvolle Bildbände hat er gemacht, in denen er mythische Orte fotografierte („Sagenhaftes Deutschland“) sowie Bäume, die die Deutschen ja seit jeher verzaubern („Sehnsucht Wald“). Geradezu prädestiniert war er also für diese Reise zu hessisch-romantischen Sehnsuchtsorten, auf die ihn das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst geschickt hatte. Entstanden ist aus diesem Auftrag eine hochwertige Broschüre, die für die Schönheit des Hessenlandes wirbt und die Bedeutsamkeit seiner romantischen Stätten herausstreicht.

Das ist natürlich nicht ohne Hintersinn, denn neben dem Frankfurter Goethehaus wächst derzeit ein Romantik-Museum, dessen Entstehung zeitweise auf der Kippe stand, weil viele nicht einsehen wollten, warum – ausgerechnet – Frankfurt so etwas gut gebrauchen könnte. Hat nicht jedes Kind schon in der Schule gelernt, dass die Stätten der deutschen Romantik Jena heißen und Heidelberg? Und dass man ferner Berlin, Dresden und München hinzurechnen kann und noch Wien? Und war da jemals von Frankfurt die Rede? Nie.

„Wie ein Kranz um eine leere Mitte“ lägen diese Orte, führt der Literaturwissenschaftler Wolfgang Bunzel aus. Er ist Leiter der Brentano-Abteilung im dem Goethehaus angegliederten Freien Deutschen Hochstift und außerdem Co-Geschäftsführer der Brentano-Haus Winkel GmbH. Diese „leere Mitte“ umfasst ausgerechnet das Gebiet des heutigen Hessen mit seinem Zentrum Frankfurt und zahlreichen „romantischen Subzentren“ von Hanau bis Marburg und von Kassel bis in den Rheingau. Bunzel findet viele gute Gründe, die zeigen, dass die lange leergeglaubte Mitte in Wahrheit mit all dem ausstaffiert ist, was eine romantische Schwerpunkt-Region braucht, und es lohnt sich, mit den Stimmungsbildern Schönbergers im Kopf diese Gründe wieder und wieder zu wägen: Natürlich gab es in der Rhein-Main-Region um 1800 weder eine Universität wie in Jena oder Heidelberg, noch eine weltberühmte Gemäldesammlung wie in Dresden. Dafür aber stammten zahlreiche Romantiker aus der Gegend, wohnten hier an wechselnden Orten wie Karoline von Günderrode oder Bettine von Arnim. Das Brentano-Haus in Oestrich-Winkel war ein beliebter Treffpunkt, der nahe Rhein ein stimmungsvoller Fluss, den Touristen und Maler aus aller Welt bereisten.

Dass heute das Bild von der Handels- und Hochhausstadt Frankfurt dominiert wird, sollte nicht den Blick dafür verstellen, dass das Rhein-Main-Gebiet als Messe- und Transit-Ort seit jeher, ganz im romantisch-weltumarmenden Sinn, unterschiedlichste Menschen anzog und zusammenbrachte: In Frankfurt und in Heidelberg lag der Sitz der Buchhandlungen des romantischen Verlegers Jacob Christian Benjamin Mohr, und in die Messestadt brachte schließlich auch der Bremer Verleger Friedrich Willmans sein Unternehmen, so dass auf dem Titelblatt von Brentanos berühmter romantischen Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ 1806 Frankfurt steht, und nicht Wien und nicht München.

Wundersam ersteht so aus Wolfgang Bunzels Deutung der „leeren Mitte“ das geheime Zentrum jener geografisch ohnehin schwer zu bändigenden und höchst volatilen Bewegung namens Romantik, bis zum Hofgut Trages des Grafen von Savigny und bis zu E.T.A. Hoffmanns Kunstmärchen „

Meister Floh

“, das zu großen Teilen in Frankfurt spielt. Die Bilder von Kilian Schönberger helfen ungemein, sich die romantische Beseeltheit der Rhein-Main-Region vor Augen zu führen – damals, aber heute immer noch.

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