Berliner Kunstsammlung Rusche

Roter Samt und Pausbacken

Unter dem Titel „Bittersüße Zeiten“ vereint die Ausstellung die alten Werke aber mit Arbeiten heutiger Maler und überrascht mit Gemeinsamkeiten.

Von Christian Huther

Der Jüngling ist bestens ausstaffiert mit rotem Samt, feinem Barett und kostbarem Perlenohrring. Aber er runzelt die Stirn, als wolle er sagen, dass all dies doch nur modische Hülle sei. Es ist kein normales Porträt, das Pieter Verelst im Jahr 1633 mit Ölfarben auf Holz gemalt hat, eher ein ermahnendes Bild oder eine Charakterdarstellung. Nicht weniger ungewöhnlich ist das Porträt daneben von Moritz Schleime. Das gemalte Gesicht ist ein Totenkopf, dafür leuchten der Irokesen-Haarschnitt und die Zähne schwarz-rot-golden auf, in den Farben der deutschen Flagge.

Ganz offensichtlich ein Punk, dessen einer Augapfel sogar ein Fußball ist. Ein Rebell, der sich als Nationalist und zugleich als Fußballfan ausgibt – das ist eigentlich kaum vorstellbar. In seinem 2010 entstandenen Bild vermengt Moritz Schleime alle Klischees über gesellschaftliche Gruppen und bürgerliche Werte. Der Bildhintergrund ist von vielerlei Notizen und Parolen übersät, als hätte die Leinwand zuvor als Schmierzettel gedient. So suggeriert das Bild, es sei ganz nebenbei entstanden.

Der Kontrast zwischen den beiden Gemälden von Verelst und Schleime könnte also kaum größer sein, zumindest auf den ersten Blick: Hier subtile Andeutungen, dort ein radikaler Bruch mit allen Konventionen. Aber ist der Gegensatz tatsächlich so groß? Das fragt sich der Besucher mehrfach beim Rundgang durch die Ausstellung „Bittersüße Zeiten. Barock und Gegenwart“, die noch bis 6. September in der Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirche zu sehen ist.

Zwar liegen rund 400 Jahre zwischen den Gemälden, aber die Motive, Themen und Formen liegen gar nicht so weit auseinander. Dafür sind die einst versteckten Anspielungen einer Direktheit gewichen, die mitunter erschreckt oder gar abschreckt. „Das Leben ist bitter und süß zugleich“, meint denn auch Thomas Rusche zum Ausstellungstitel. Der Textilunternehmer führt die Sammlung SØR Rusche bereits in vierter Generation, beheimatet im westfälischen Oelde und in Berlin. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts angelegt, umfasst die Sammlung inzwischen rund 2000 Werke. Ähnlich wie sein Vater begeistert sich auch Thomas Rusche für niederländische Barockmalerei. Doch seit zehn Jahren verändert und erweitert er behutsam die Sammlung mit zeitgenössischer Kunst. Die drehte sich lange nur um Gefühle und schlägt jetzt, so der Sammler in einem Interview, „in eine neue Suche nach dem um, was im Leben Wert und Bestand hat. Das zeigt sich auch in der Malerei, die den Alltag des Menschen und die Landschaften des Lebens in ihrer bedrohten Schönheit wieder als Objekt für sich entdeckt“.

So scheinen sich die Bilder der Sammlung über eine Spanne von 400 Jahren zu ähneln, zumal sie traut nebeneinander vereint sind in Kapiteln wie „Menschenbilder“, „Kinderzeiten“, „Lebenswege“, „Memento Mori“, „Mensch und Arbeit“, „

Vergnügen und Absturz

“ oder „Sex und Liebe“. Allerdings ist diese Nähe mitunter zu sehr konstruiert und überzeugt nicht immer. Christoffel Lubieniecky etwa porträtierte um 1690 einen Jungen als stolzen Jäger neben seiner Mutter, während Paule Hammer einen Knaben zeigt, der gebannt einen Märchenfilm verfolgt, aber ängstlich auf dem Schoß der Mutter sitzt.

Einst wurden Kinder schon früh zu kleinen Erwachsenen erzogen, heute sind sie hin und her gerissen zwischen Medienkonsum und Behütetsein. Die Kindheit war schon immer ein zerbrechliches Gut. Freilich drückt dies Lubieniecky nur verhalten, Hammer hingegen sehr deutlich aus. Ähnliches entdeckt man im Kapitel „

Vergnügen und Absturz

“: Die drei Musikanten von Jan Miense Molenaer (1630–35) sind wohl eher ein bunt und zufällig zusammengewürfelter Haufen, begleitet oder angeführt von einem gehänselten Zwerg. Heute hingegen werden Musiker nicht mehr belächelt oder verspottet, vielmehr als Ikonen verehrt, wie Daniel Richter mit seinen dunklen und somit anonymen Silhouetten vor grellem Gelb zeigt.

Dieser Bruch zwischen einst subtilen oder höchstens schlüpfrigen Anspielungen und jetzt direkten oder tabulosen Abbildungen zieht sich durch die gesamte Schau, von alten Wirtshausszenen bis zu heutigen Szeneclubs, von verschämten Bordellbildern bis zu lasziv sich räkelnden Frauen. Nur die Motive haben sich bei Liebe, Eros und Sex kaum über die Jahrhunderte hinweg verändert. Die füllige Dame von Jacob Adriaensz Backer etwa zeigt für die Zeit um 1650/51 zu viel von ihrem Unterhemd, während Oda Jaunes rote Lippen von 2009 eine ähnlich sinnliche Ausstrahlung haben, obgleich fast das komplette Gesicht der Frau hinter einer schwarzen Maske verborgen ist.

Kunsthalle Jesuitenkirche, Pfaffengasse 26, Aschaffenburg. Bis 6. September, dienstags 14–20 Uhr, mittwochs bis sonntags 10–17 Uhr. Eintritt 4 Euro, Katalog 25 Euro. Telefon (06021) 21 86 98. Internet

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