Franz Radziwills Ölgemälde ?Das rote Flugzeug? entstand 1932 im Stil der Neuen Sachlichkeit, einer Abart des Expressionismus.
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Franz Radziwills Ölgemälde ?Das rote Flugzeug? entstand 1932 im Stil der Neuen Sachlichkeit, einer Abart des Expressionismus.

Frankfurter Kunstmuseum

Ein rotes Flugzeug landet im Städel

Mit Ankäufen, Schenkungen und Leihgaben erweitern die Museen in Frankfurt und der Region ihre Sammlungen. Dahinter stecken spannende Geschichten. In loser Folge stellen wir einige vor. Heute: „Das rote Flugzeug“ von Franz Radziwill im Frankfurter Städel.

Man entdeckt es erst beim genauen Hinsehen: In den düsteren Gewitterwolken zeichnet sich ein fratzenhaftes Gesicht ab, bei dem man einen Totenkopf assoziieren könnte. Das 1932 entstandene Gemälde „Das rote Flugzeug“ des Künstlers Franz Radziwill (1895–1983) zeigt eine detailliert dargestellte Junkers-Propellermaschine. Sie wirkt wie ein lauerndes Raubtier kurz vor dem Sprung. Auf dem Feld im Hintergrund erscheint ein Sensenmann. Ein Dorf und Industrieanlagen sind am Horizont angedeutet.

Zum Abschied des Direktors

„Das rote Flugzeug“ ist seit einigen Wochen im Frankfurter Städel zu sehen. Angekauft wurde es anlässlich der Verabschiedung des Städel-Direktors Max Hollein aus dem Nachlass des Frankfurter Verlegers Werner Wirthle. An Radziwills Gemälde „scheiden sich die Geister“, erzählt Felix Krämer, Sammlungsleiter Kunst der Moderne am Städel. Es sei aber besser als ein Ankauf, „der einfach nur langweilig ist“. Der Ankauf des Radziwill-Gemäldes ergänzt die seit einigen Jahren kontinuierlich gewachsenen Sammlungsbestände der Neuen Sachlichkeit – einer figurativen Strömung der 20er und 30er Jahre. In der Kunstgeschichte sei man sei etwa 10 Jahren nicht mehr so sehr auf Abstraktion fokussiert, erläutert Krämer. Franz Radziwill ist kein allzu bekannter Name in der Öffentlichkeit, obwohl einige seiner Arbeiten in norddeutschen Museen zu sehen sind. In den 20er Jahren malte Radziwill Landschaften, Interieurs und Figurenbilder, interessierte sich stark für Technik und Maschinen. 1933 trat er in die NSDAP ein und ersetzte Paul Klee als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, wurde aber schon wenig später wegen seines expressionistischen Frühwerks entlassen. Radziwills NS-Verstrickung sieht Felix Krämer als „einen Teil der deutschen Kunstgeschichte“.

Für ihn ist die Qualität von Radziwills Arbeit ausschlaggebend: „Ich kaufe lieber ein gutes Bild eines weniger bekannten Künstlers als ein schlechtes Bild eines bekannten Künstlers.“ Auch das Flugzeugmotiv habe eine Rolle gespielt – im Zusammenhang mit der Bedeutung des Frankfurter Flughafens für die Wahrnehmung der Stadt. „So ein Bild gehört nach Frankfurt“, sagt Krämer. Über Infrarot und Röntgen konnten die Frankfurter Museumsexperten sehen, dass Radzwill das Gemälde nach 1932 überarbeitet hat. Die Fratze in den Wolken und der Sensenmann seien erst in den späten 30er Jahren hinzugekommen, erzählt Felix Krämer.

Von der ursprünglichen Fassung existiert aber keine Abbildung. Das Bild war sehr lange im Besitz des Künstlers. In den 60er Jahren wurde es nach Italien verkauft, später in die USA, dann kam es zurück in deutschen Privatbesitz. 2015 versuchte Felix Krämer, zunächst ohne Erfolg, das Gemälde zu erwerben. Vergangenen März ergab sich eine weitere Möglichkeit, verbunden mit einem äußeren Anlass. Max Hollein verkündete seinen Wechsel nach San Francisco zum 1. Juni. Schon die früheren Direktoren Klaus Gallwitz und Herbert Beck wurden mit Neuerwerbungen verabschiedet. „Es gab einen Zeitdruck“, berichtet Krämer. Er habe gewusst, dass Hollein das Bild kenne und sehr schätze. Diesmal klappte es. Am 22. Mai wurde „Das rote Flugzeug“ bei der Verabschiedung Holleins im Kaisersaal des Frankfurter Römers präsentiert.

Qualität muss stimmen

Das Gemälde wird nun in einem Kabinett mit anderen Werken der Neuen Sachlichkeit ausgestellt. Arbeiten von Otto Dix, Karl Hofer, Lotte Laserstein und August Sander ermöglichen einen präzisen Einblick in die Kunst der Weimarer Republik. Das Kabinett sei zu klein geworden und müsse umziehen, erzählt Felix Krämer. 90 Prozent der von ihm verantworteten Sammlungsbestände lagern indes im Depot. Daher versucht Krämer immer wieder, durch Rotation auch selten gezeigte Bilder „zu ihrem Recht kommen zu lassen“, ergänzt Krämer, am Städel zuständig für Malerei, Skulptur und Fotografie der Moderne. Als wichtigstes Kriterium für Neuerwerbungen nennt er „die Überzeugungskraft der Darstellung“. Der Name des Künstlers spiele ebenso eine untergeordnete Rolle wie der regional Aspekt. Vor jedem Ankauf werde zudem die Provenienz, die Herkunft des Kunstwerks, geprüft, auch begutachte ein Restaurator das Werk.

Eine lärmende Schülergruppe hat sich während des Gesprächs mit Krämer um Franz Radziwills Gemälde versammelt und studiert vor allem die Darstellung der Wolken. Es sei nicht immer einfach, mit der Museumssammlung jenseits von Wechselausstellungen Aufmerksamkeit zu erzielen, erzählt Felix Krämer. Nun werden sich auch nachfolgende Generationen mit Radziwills Bild beschäftigen können. „Dieses Flugzeug wird im Museumsbestand bleiben“, freut sich Krämer.

Städel, Schaumainkai 63, Frankfurt. Di, Mi, Sa, So 10–18 Uhr, Do, Fr 10–21 Uhr. Eintritt 14 Euro. Telefon (069) 60 50 98-200. Internet

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