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Eurovision Song Contest: Ben Dolic vertritt Deutschland in Rotterdam.

Interview

Experte über den ESC: „Es gibt eine Entwicklung in der Musikszene, die mich besorgt“

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ESC 2020 in Rotterdam: Eurovisionsexperte Irving Wolther im Interview über die Siegchancen des deutschen Kandidaten Ben Dolic.

Frankfurt – Der 22-jährige Ben Dolic soll beim Finale des Eurovision Song Contest (ESC) am 16. Mai in Rotterdam für Deutschland singen – die Entscheidung fiel diesmal ohne Publikumsbeteiligung. Eurovisionsexperte Dr. Irving Wolther aus Eppstein, der über den Gesangswettbewerb promoviert hat, erläutert im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs, wie er den Beitrag beurteilt – und warum es beim ESC auch ein Huhn-Ei-Problem gibt.

Hat Sie die Wahl überrascht? Manche meinen ja, es hätte schon vorher Hinweise auf Ben Dolic gegeben?

Im Internet kursierte viel. Wenn man die Jury aus den Fans rekrutiert, ist die Wahrscheinlichkeit natürlich groß, dass da irgendjemand nicht dichthält.

Wie beurteilen Sie die Ausstrahlung des Kandidaten?

Er ist sehr jung, und das sieht man auch. Ich finde nicht, dass er so eine große Ausstrahlung hat, wie es in der Sendung verkündet wurde. Aber er kommt sehr sympathisch rüber, macht seine Sache gut und ist durch den Castingshow-Wahnsinn auf das vorbereitet, was ihn die nächsten Wochen erwartet.

Ben Dolic beim ESC für Deutschland

Und wie finden Sie das Lied?

Bei Schweden hätte ich gedacht: „Schon wieder so etwas.“ Aber da Deutschland schon seit vielen Jahren Midtempo-Songs oder Balladen geschickt hat, ist es durchaus erfrischend, mal einen Song zum Tanzen zu haben. Die Reaktionen im Netz zeigen, dass vor allem die Fans im Ausland positiv darauf reagieren.

Ist das schon die Handschrift der beiden neuen ESC-Beauftragten, die jetzt dem viel kritisierten ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber zur Seite stehen?

Um das zu beurteilen, kenne ich die beiden noch nicht gut genug. Ich denke aber, es gibt schon den sehr starken Willen, einen Song zu präsentieren, der sich international gut schlägt. Darum ging es auch beim Auswahlverfahren. 

Aber kommt da nicht Musik aus der Retorte heraus?

Das ist insgesamt eine Entwicklung in der Musikszene, die mich besorgt: die Möglichkeiten, die Big Data liefert, den Menschen Playlists auf den Leib zu schneidern, damit sie genau bekommen, was sie mögen. Ich meine, dass das zu einer Stagnation in der musikalischen Entwicklung führt. Wenn man eine Jury aus der Fangemeinde auswählt, bekommt man immer die gleiche Art Musik. Der ESC sollte aber auch eine Möglichkeit sein, Dinge kennenzulernen, mit denen man sonst nicht in Berührung kommt. Da kann gern etwas polarisieren.

Es haben ja oft Lieder gewonnen, die etwas Ungewöhnliches gewagt haben...

Ja, das stimmt. Aber da sich Deutschland in den letzten Jahren sehr schwer mit dem ESC getan hat, war das jetzt wohl die richtige Entscheidung, etwas zu wählen, von dem man halbwegs sicher sein kann, dass es international gut ankommt. Aus strategischen Gründen war es der richtige Weg – ob aus musikalischen Gründen, ist eine andere Frage.

Deutschland beim ESC: Kandidat Ben Dolic fährt nach Rotterdam

Wenn Deutschland in den letzten Jahren auf den öffentlichen Vorentscheid verzichtet hat, lief es nicht so gut. 2009 landete Alex swings Oscar sings auf dem 20. Platz, 2015 gab es den Wirbel um die Nominierung von Xavier Naidoo. Warum wurde diesmal auf den Vorentscheid verzichtet?

Der Vorentscheid ist auch eine Fernsehsendung, die Quote bringen soll. Nach den Schlappen der letzten Jahre war nicht zu erwarten, dass da viele einschalten. Diejenigen, die in der Vorentscheidung abstimmen, sind außerdem eine andere Zielgruppe als die Zuschauer im Finale. Bei der ARD liegt der Altersdurchschnitt bei etwa 61 Jahren. Der Eurovision Song Contest aber ist eine der wenigen öffentlich-rechtlichen Sendungen, die auch von jungen Leuten gesehen wird. Von daher besteht das Risiko, dass beim nationalen Vorentscheid vor allem Menschen mit einem tendenziell konservativeren Musikgeschmack abstimmen.

Mit einer Präsentation des deutschen Kandidaten im Sender One zieht man wirklich kein Massenpublikum an. Ist es auch ein Problem, dass Deutschland nicht genug hinter dem ESC steht?

Das ist vielleicht ein Huhn-Ei-Problem – man weiß nicht, ob der fehlende Rückhalt oder das schlechte Abschneiden zuerst da war. Ich glaube schon, dass der NDR den ESC gern macht. Ich glaube aber auch, dass die ARD insgesamt recht wenig Routine mit moderner Musik hat. Insofern haben die Erfolge der letzten Jahre im Wesentlichen in Kooperation mit Pro7 stattgefunden, wo Stefan Raab Musik gefördert hat.

Deutschland beim ESC: Ben Dolic ist "Unser Star für Rotterdam"

Der ESC hat aber auch viele ältere Fans, die seit Grand-Prix-Zeiten dabei sind. Gibt es beim Song Contest eine Art Generationenkonflikt?

Den gab es schon früher. Der ESC konserviert ja keine Musik, die vor 30 Jahren populär war, sondern entwickelt sich. Zunehmend gibt es Songs mit Rap- und Hiphop-Anteilen. Vielleicht kommt auch für mich irgendwann der Zeitpunkt, an dem ich mit der Musik nichts mehr anfangen kann.

Wie soll es jetzt gelingen, das Publikum hinter dem Kandidaten zu versammeln, damit er wirklich „Unser Star für Rotterdam“ wird?

Ben Dolic hat durch „The Voice of Germany“ schon eine große Fangemeinde. Er wirkt nett, gerade die jüngeren weiblichen Zuschauer werden ihn süß finden. Jetzt kommt es auf die Promotion an.

Natürlich ist zu hoffen, dass Ben Dolic erfolgreich ist. Aber wer ist schuld, wenn es diesmal nicht klappt?

Der NDR hat eine solide Basis gelegt, aber zwei Drittel der Songs aus den anderen Ländern sind noch nicht bekannt. Wenn viele nun plötzlich Beiträge mit ähnlicher Machart schicken, ist unser Alleinstellungsmerkmal futsch. Die Bühnenshow und die Startreihenfolge kennen wir noch nicht. Letztlich gibt es nie einen einzigen Schuldigen für ein schlechtes Abschneiden. Vielleicht sollten wir einfach mal abwarten und nicht gleich quengeln. Wir sollten generell den eigenen Kandidaten immer viel Glück wünschen – auch wenn wir fürchten, dass es nicht unbedingt etwas wird.

Das Interview führte Pia Rolfs

Der NDR setzt in diesem Jahr auf das Bauchgefühl von Experten - statt auf die Fernsehzuschauer. Wer bei der Wahl der besten ESC-Teilnehmer 2019 einen guten Riecher hatte, durfte den 2020-Beitrag mitwählen. 600 Künstler waren bei der Auswahl dabei. Nun steht der Sieger fest.

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