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Der Sänger Peter Licht erklärt die Internationale zur Emotionale.

Konzert

Sänger Peter Licht startet seine Tournee im Frankfurter Mousonturm

„Wenn wir alle anders sind“ heißt das neue Album von PeterLicht. Unter diesem Motto reist der Kölner durch Deutschland.

Was treibt einen Künstler um, der nach seinem letzten Studioalbum „Das Ende der Beschwerde“ 2011 zwar mit dem Doppel-Live-Album „Lob der Realität“ drei Jahre später noch einen Konzertmitschnitt veröffentlichte, ansonsten aber eher als Buchautor, Molière-Bearbeiter am Theater und Lyrik-Dozent seinen anderen Talenten nachging?

Plötzlich wurde mit „Wenn wir alle anders sind“ doch eine neue Platte für diesen Herbst angekündigt. Und das, obwohl er in Interviews keinen Hehl daraus gemacht hatte, wohl zu wissen, dass das Medium längst überholt ist und damit kommerziell keine Erfolge mehr zu erzielen sind. Wenn man sich dann dennoch für das Songformat als richtigen Träger für seine Botschaften entscheidet, muss einem wirklich etwas unter den Nägeln brennen. „Ich empfinde meine ganze Arbeit von Anfang an als eine politische Arbeit“, wurde Peter Licht einmal zitiert. Beim neuen Album sei ihm wichtig gewesen, Stellung zu beziehen. „Die Welt zu besingen ist eine gesellschaftskritische Tat“, vermeldete seine Plattenfirma blumig zur Veröffentlichung.

Ist Peter Licht also ein politischer Sänger? Er ist kein „singender Anarchist“ wie Konstantin Wecker auf seinem Geburtstagsalbum „Poesie und Widerstand“ zu seinem Siebzigsten. Obwohl Meinrad Jungblut – so Lichts bürgerlicher Name – die Diktion des Liedermachers auch beherrscht. Er kommt mit Gitarre auf die Bühne, wechselt von der elektrischen beim Opener „Die Nacht“ gleich zur akustischen für „Das absolute Glück“. Sein Begleiter Benedikt Filleboeck, seines Zeichens Multiinstrumentalist an Tasten, Schlagzeug und E-Bass, steuert das Klavier zur akustischen Anmutung bei. Doch es dauert nicht lange bis Keyboard-Flächen und Computerbeats eine andere Ästhetik ins Spiel bringen. Die verdeutlicht, warum man Peter Licht oft in die Kategorie „Electro“ unter Indie-Pop sortiert. Von Soundinnovationen war in Kritiken zu lesen, von der Verwendung der Autotune-Technik zur Stimmverfremdung. Aber ihn deshalb zur deutschen Antwort auf britische Hipsters à la S.O.H.N., Alex Clare oder James Blake zu erklären, wäre übertrieben.

Eher ruft sein E-Sound Erinnerungen an die Avantgarde der Neuen Deutschen Welle mit „Palais Schaumburg“ („Wir bauen eine neue Stadt“) oder mehr noch „Foyer des Arts“ („Wissenswertes über Erlangen“) wach. Die waren irgendwie auch dada oder herrlich gaga wie er. Peter Licht ist zu schlau, um sich als Intellektueller unverdaulicher Musik zu widmen. Absurdes und Surreales durchzieht seine Alltagslyrik über Chips, Flips, Aperol spritz und den „Candy Käsemann“ mit seiner unwiderstehlicher Logik: „Wenn es mir nicht so gut geht, dann steht man nicht immer so fröhlich auf, wie man am Abend ins Bett gegangen ist.“

Auf der Suche nach dem Falschen und Wahren präsentiert er sich als echter Empathiker. Auch wenn er textet, wie anstrengend Menschen doch sein können und wie mühsam es ist, sie zu verstehen, tendiert er nie zum Misanthropen.

Licht, der lange im Dunkeln auftrat und anonym agierte, ist längst nahbar geworden. Mitten im Konzert verteilt er im Publikum Textblätter. Er sucht die Solidarität im Sing-along. Dafür hat er „Die Internationale“ zur „Emotionale“ aktualisiert. In seiner Moderation schreibt PeterLicht, auch irgendwie ein Gaukler, das Original geschichtsverfälschend Walther von der Vogelweide zu, später umgedichtet von Erich Honecker. Der Saal singt mit und jubelt später enthusiastisch, als er mit einem seiner Klassiker das „Ende des Kapitalismus“ anstimmt. Missbräuchlicher Eingriff in den hessischen Landtagswahlkampf? Wohl nicht. Wo sein Publikum politisch steht, ist offensichtlich.

Wie könnte man die subversive Kraft seiner übergriffigen Lieder noch sinnvoll nutzen? Stellen Sie sich einfach mal vor, Jürgen Drews und Mickie Krause verschwänden auf mysteriöse Weise von der Bildfläche und Peter Licht würde an ihrer statt mit seinen partytauglichsten Liedern an den Ballermann geschickt. Da sängen dann die Feierbiester die eingängigen Melodien zu Zeilen wie „Ich suchte einen anderen Muskel, doch eigentlich suchte ich ein neues Herz“ irgendwann mit der gleichen Selbstverständlichkeit und Inbrunst mit wie „Ich bin der König von Mallorca, ich bin der Prinz von Arenal“.

Am nächsten Morgen würden sie dann infiltriert von neuer Empfindsamkeit aufwachen und wären irgendwie ganz andere Menschen. Sie denken, das klingt lebensfremd und unerreichbar. Mag sein. Aber waren nicht den ganzen Abend über Utopien das geheime Thema?

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